Ein Floß aus Bambus

von Li*

Selbermachen (Ausgabe IV/2021)

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Seit Jahrhunderten werden in China Flöße aus Bambusrohren gebaut. Foto: Kike Arnaiz / Imago


Ich bin Kunsthandwerker und besitze eine kleine Werkstatt in Yangshuo in der Region um Guilin im Süden Chinas. Dort baue ich traditionelle Bambusflöße. Dieses Handwerk habe ich erlernt, als ich zwanzig war, und betreibe es nun schon seit 22 Jahren.

Der erste Floßbauer in unserer Familie war, soweit ich weiß, vor rund 200 Jahren mein Ururgroßvater. Ursprünglich haben meine männlichen Vorfahren Flöße aus unbearbeitetem Bambus zum Fischen benutzt. Sie banden fünf oder sechs Bambusrohre zusammen und gingen auf den Flüssen der Umgebung auf Fischfang. Bevor sie das Zeitliche segneten, gaben die Alten die „Geheimnisse“ des Floßbaus stets an die nächste Familiengeneration weiter. Außenstehende wurden in diese Geheimnisse nie eingeweiht. Angesichts dieser Familiengeschichte war ich wohl zum Floßbauer prädestiniert.

Im Unterschied zu früher sind wir Dorfbewohner heute nicht mehr auf den Fischfang angewiesen. Doch da Bambusfloßfahrten ein beliebtes Reise-Highlight sind, trommelte ich ein paar Freunde zusammen, um mit ihnen zusammen handgefertigte Flöße zu bauen und an Touristenziele in ganz China zu verkaufen. Unser größter Kunde ist heute eine Reiseagentur hier in Yangshuo, die Floßfahrten auf dem Yulong-Fluss anbietet und uns jedes Jahr Tausende von Flößen abkauft. Einmal erreichte uns auch eine Bestellung aus der nordostchinesischen Provinz Jilin, die 3.000 Kilometer von hier entfernt ist – das war unser am weitesten entfernter Kunde. Da man ein traditionelles Bambusfloß höchstens ein oder zwei Jahre benutzen kann, bleibt die Nachfrage immer stabil.

Das Anstrengendste ist, die Flöße mit den bloßen Händen zusammenzubauen

Ich bin stolz auf meinen Betrieb, aber auch darauf, dass die Flöße komplett aus natürlichen Materialien bestehen: Bambusrohre, Eisendraht und etwas Holz. Alles findet man in der unmittelbaren Umgebung. Ansonsten brauchen wir nur ein paar einfache Werkzeuge wie Hammer und Messer. Da man alles, was man für ein Bambusfloß braucht, in Guilin an jeder Ecke bekommt, sind die Materialkosten gering. Das Anstrengendste ist, die Flöße mit den bloßen Händen zusammenzubauen.

Die Bambusrohre holen wir uns aus den Bergen oder von den Feldern. Als Erstes entferne ich die oberste Schicht der Rohre, damit ich sie im nächsten Schritt leichter erhitzen kann. Dicke Bambusstangen können im Ofen brechen, wenn sie nicht einwandfrei geschält wurden. Durch das Erhitzen im Ofen werden die Rohre biegsamer, sodass wir sie später verformen können. Ich schneide die Bambusrohre auf die gewünschte Form und Größe zu und binde sie mit Holzstücken und Eisendraht zu einem Floß zusammen. Die längeren, geraden Stäbe kommen in die Mitte. Die kürzeren Bambusrohre werden gebogen und an beiden Enden des Hauptgestells befestigt. Für ein Floß brauchen wir normalerweise zehn Bambusstäbe. Floßbau ist wirklich harte Arbeit, aber wir verdienen trotzdem nur 200 bis 300 Yuan am Tag, umgerechnet etwa 25 bis vierzig Euro.

Da meine Freunde und ich diese Boote selber bauen, wissen wir auch sehr genau, wie man sie handhabt. Das Einzige, was ein Flößer in Guilin braucht, damit sein Floß sanft über das Wasser gleitet wie eine Perle über ein Seidentuch, ist eine Bambusstange. Viele sagen dazu „Weisheit der Vorfahren“. Dank jahrelanger Übung kann ich die Strömungen gut erspüren und auf sie reagieren. Ein Floß zu steuern, ist nicht schwer. Du musst nur immer daran denken, in die Knie zu gehen und die Körperbewegungen an die Wellen anzupassen. Wer auf einem so dünnen Floß den Schiffer spielen will, sollte vorher jedoch auf jeden Fall schwimmen lernen. Ein gut gemeinter Tipp für alle Landratten.

Die reichen Touristen in Guilin betonen immer sehr, was für ein „natürliches“ Erlebnis eine Floßfahrt für sie ist

Eine alte Tradition wie den Bambusfloßbau zu pflegen, heißt im Umkehrschluss natürlich nicht, dass ich etwas gegen moderne Fabrikate hätte. Die Vorteile liegen auf der Hand. Flöße aus Kunststoff haben eine längere Lebensdauer als unsere handgemachten Gefährte. Standardisierte Kunststoffrohre sorgen zudem für eine besser ausbalancierte Konstruktion. Die natürlichen Bambusrohre sind selten symmetrisch und haben die unterschiedlichsten Größen. Eine Seite ist immer schwerer und größer als die andere; das erschwert die Produktion und auch die Benutzung.

Trotzdem haben Flöße aus Handarbeit einen Riesenvorteil: Sie wirken organischer als moderne Boote. Die reichen Touristen in Guilin betonen immer sehr, was für ein „natürliches“ Erlebnis eine solche Floßfahrt für sie ist. Flöße aus echtem Bambus sind eine größere Attraktion, für die sie gerne Geld ausgeben.

Über den Tourismusbetrieb in Guilin weiß ich zugegebenermaßen nicht viel. Was mich am meisten interessiert, ist das Bambusfloßbauen und ich wünsche mir deshalb, dass mehr Menschen aus anderen Ländern unsere Werkstatt besuchen und sich die Flöße anschauen.

Dass mein Sohn und andere junge Familienmitglieder sich um eine bessere Ausbildung bemühen oder sich einen Arbeitsplatz in einer Großstadt suchen, finde ich gut. Mein zwanzigjähriger Sohn hat in seinem zweiten Studienjahr an der Universität glänzend abgeschnitten. Ob er irgendwann beschließt, in unseren winzigen Heimatort zurückzukommen und hier seinen Lebensunterhalt zu verdienen, weiß ich nicht. Wenn ja, freue ich mich sehr, wenn er in meinem Betrieb mitarbeitet.

Protokolliert von Yixuan Chen

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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