Ein Daumenklavier

von Joseph Weinberg

Selbermachen (Ausgabe IV/2021)

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Eine pentatonische Mbira aus einer Kalebasse, selbst gebaut von Joseph Weinberg. Foto: Daniel Seiffert


Die Mbira ist ein traditionelles Instrument, das überall auf dem afrikanischen Kontinent gespielt wird – allerdings mit ganz unterschiedlichen Bezeichnungen und Formen. Der wissenschaftliche Name lautet „Lamellophon“. Was die verschiedenen Ausführungen des Instruments verbindet, ist der Resonanzkörper aus Holz und die Metalllamellen, die mit den Fingern angezupft werden und so Töne erzeugen. Ich mag den Klang der Mbira sehr: Sie hört sich meditativ und beruhigend an. Viele Leute sagen, sie klinge ein wenig wie das Meer, wie Wasser. Ich bin im südafrikanischen Durban direkt am Meer aufgewachsen, darum bedeutet mir dieser wasserartige Klang viel. Und je mehr ich über den Reichtum der traditionellen Mbiramusik gelernt habe, desto mehr habe ich mich in dieses Instrument verliebt.

In Südafrika gerät die Mbira vielerorts langsam in Vergessenheit, nur in einigen ländlichen Gebieten ist sie noch zu finden. Ich war in vielen Dörfern unterwegs und oft ist die einzige Person, die noch weiß, wie man das Instrument spielt, sehr alt. Niemand von den jungen Leuten scheint daran interessiert zu sein, es zu spielen. In Simbabwe, dem Nachbarland Südafrikas, ist das anders: Seit den 1970er- und 1980er-Jahren gab es mehrere bekannte Bands, die auch Mbira gespielt haben, etwa „Thomas Mapfumo and the Blacks Unlimited“. Das hat der Mbira bis heute einen festen Platz in der Popkultur gesichert und sorgt dafür, dass ihre musikalische Tradition immer noch lebendig ist.

Es ist eine sehr persönliche Angelegenheit für mich, die Mbira zu stimmen und genau den Klang zu erzeugen, den ich haben möchte

Als ich nach Kapstadt zog, um Afrikanische Musik zu studieren, lernte ich viele bekannte Mbira-Spieler kennen, darunter auch Dingiswayo Juma. Er brachte mir bei, meine erste Mbira von Grund auf selbst zu bauen. Es war eine NyungaNyunga-Mbira, die in Simbabwe häufig gespielt wird, aber ursprünglich aus Mosambik stammt. Sie hat 15 Metalllamellen und ist in F-Dur gestimmt. Heute spiele ich verschiedene Arten von Mbiras. Für mich als Musiker ist es sehr wichtig, meine Mbiras selbst zu bauen. Wenn mein Instrument vor einem Konzert nicht gut klingt oder wenn etwas kaputtgeht, weiß ich genau, wie ich es reparieren kann. Es ist eine sehr persönliche Angelegenheit für mich, die Mbira zu stimmen und genau den Klang zu erzeugen, den ich haben möchte. Für den Bau meiner Mbiras verwende ich Materialien, die ich auf der Straße finde – zum Beispiel alte Fahrradspeichen für den Steg, Metallreste von alten Barbecuegrills zum Fixieren der Lamellen und Holzreste. 

Neben dem Musikmachen arbeite ich als Erzieher in Kindergärten und Schulen. Bei der Arbeit mit den Kindern kam mir die Idee, mit ihnen eine einfachere Version der Mbira zu bauen – und das ist auch die hier vorgestellte Variante: Es ist eine pentatonische Mbira mit fünf Lamellen, die aus einer halben Kalebasse besteht. Die Mbira ist toll für Kinder, weil sie sehr intuitiv zu spielen ist. Man kann sofort Töne erzeugen. Sie ist auch ein sehr großzügiges Instrument, denn sie klingt selbst dann schön, wenn man willkürlich Töne anschlägt. Das passt für kleine Kinder natürlich gut, weil sie so einfach nur mit Freude an den Tönen Musik machen können, statt zuerst technische Details und Noten lernen zu müssen. Wenn man ein Instrument lernt, geht es oft darum, gut zu spielen und ja keine Fehler zu machen.

Protokolliert von Gundula Haage



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