Das Land im geistigen Osten

von Jacek Dehnel

Das neue Polen (Ausgabe III/2021)

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Der Dichter und Autor Jacek Dehnel. Foto: Cezary Rucki


Wir kamen im März 2020 aus Polen nach Berlin, kurz vor dem ersten Lockdown. Es wurde ein Jahr, in dem wir zu Hause saßen, bei Edeka um die Ecke einkauften und höchstens mal im Tiergarten joggen gingen. Also blieben wir länger.

Es ging bei diesem Entschluss nicht nur um die Pandemie. Bereits beim Packen für den einjährigen Stipendienaufenthalt waren wir beide sehr unterschiedlich vorgegangen: Ich versuchte, so viel wie möglich mitzunehmen, Piotr folgte mir auf Schritt und Tritt und sagte: „Übertreib nicht, was willst du denn damit? Das benutzt du doch nur alle Jubeljahre.“ Ich bestand darauf, Besteck und Geschirr für sechs Personen mitzunehmen, er fischte eine zweite, angeblich überflüssige Salatschüssel wieder aus einer Kiste heraus.

Bereits seit ein paar Jahren dachten wir darüber nach, Polen zu verlassen. Nicht Hals über Kopf – aber wir hatten uns eine rote Linie gesetzt. Sollte die Regierung anfangen, von Anti-LGBT-Gesetzen nach Putin-Art zu reden, würden wir unsere Sachen packen.
Vor jeder Wahl sucht sich die PiS einen Feind, um den herum sie ihren Wahlkampf aufbaut – bei der Präsidentschaftswahl 2020 nun hatte sie eine Gruppe zum Feind erkoren, der Piotr und ich angehören. Je länger die Kampagne dauerte, desto sichtbarer wurden die Auswirkungen: Aus den Mündern von Politikern und Bischöfen hörte man immer aggressivere Äußerungen, die nicht folgenlos blieben: Hier war jemand zusammengetreten, da jemand beschimpft, dort jemand mit einem Messer bedroht worden. Jemand malte „Fuck LGBT“ an eine Hauswand und Pfeile daneben, die auf die Wohnung eines schwulen Paares zeigten. Das Ergebnis war jedoch, dass der amtierende Präsident für diese Hasskampagne mit einer zweiten Amtszeit belohnt wurde.

Danach ging es weiter: Die PiS-Regierung setzte ein schärferes Abtreibungsverbot durch, es kam zu massenhaften Protesten. Auch in Berlin gab es welche. Wir marschierten, schrieben Slogans auf Transparente und skandierten sie in der kalten Luft. Aber es war etwas anderes, als in Warschau zu protestieren, eben ein Protest gegen die Politik eines Landes, in dem man nicht mehr länger lebt.
Wenn ich allerdings versuche, die Situation zu erklären, werden meine Gesprächspartner sehr ungeduldig. Schließlich wissen sie bereits, was in Polen falsch läuft, genauso wie sie wissen, was mit dem Brexit falsch läuft und was im Trump’schen Amerika falsch lief.

„Mit Hass und ,christlichen Werten’ lassen sich im heutigen Polen ausgezeichnet Geschäfte machen“

Es fällt schwer als Schriftsteller differenziert dagegenzuhalten. Doch machen wir uns nichts vor. Auch Schriftsteller sind letztlich wie Waren: Manche lassen sich überallhin exportieren, andere erfreuen sich in einem bestimmten Land besonderer Nachfrage. Es wundert niemanden, dass polnische Weinbergschnecken nach Frankreich und nicht nach Serbien ausgeführt werden oder dass sich die in China produzierte Gottesmutter aus Plastik in Polen besser verkauft als im atheistischen Tschechien. Ein polnischer Autor war in Deutschland ein Importschlager – dabei war unwichtig, ob er gut oder schlecht schrieb. Das Wichtigste war, dass er ein bestimmtes Bild der wilden Länder im Osten lieferte. In seinen Büchern rauchten wortkarge Männer in Kunstlederjacken billige Zigaretten an schmutzigen Tankstellen, während ein Pferdefuhrwerk vorbeirollte, wenn es nicht gerade im Schlamm stecken blieb, aus dem ein betrunkener Bauer es dann mit einer Mischung aus Gebeten und Flüchen herauszuziehen versuchte. Die Altonaer Ärzte und Charlottenburger Rechtsanwaltsgattinnen konnten davon gar nicht genug bekommen. Es entging ihnen allerdings, dass der Schriftsteller für diese Eindrücke in den wildesten Teil der polnischen Berge fahren und dann immer noch weiterreisen musste, um seine bezaubernden Bilder aus dem Vergnügungspark Osteuropa zu finden: entweder in die Tiefen der Zeit – in seine Kindheit – oder in die des Raumes – in die Ukraine, nach Rumänien, Moldawien, dann nach Russland und schließlich nach Kasachstan. Er huldigt einer Schmuddelromantik der Straße. Aber so ein Polen gibt es schon lange nicht mehr.

„Die konservative, fundamentalistische, religiös-nationalistische Revolution wird gar nicht von denen gemacht, denen man die Schuld daran gibt“

Ich erwähne das, weil Stereotype nützlich sind, sie ordnen die Welt und helfen uns bei der Orientierung, wenn auch um den Preis der Verzerrung und Vereinfachung. Die deutschen Leser mochten die Bücher dieses Schriftstellers nicht nur, weil sie gut geschrieben waren, sondern auch, weil sie ihre Stereotype bestätigten.

Und das ist häufig die Ausgangsposition meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner. Polen liegt im Osten – nicht im geografischen, sondern im geistigen Sinne. Wenn es um Homophobie oder den staatlichen Kampf gegen Frauenrechte geht, stellen sie sich Massen ungewaschener Bauern und Arbeiterinnen vor, die wie in Disneys „Die Schöne und das Biest“ Mistgabeln und Fackeln schwingen. Die Realität ist hingegen deutlich komplizierter.

Die konservative, fundamentalistische, religiös-nationalistische Revolution wird gar nicht von denen gemacht, denen man die Schuld daran gibt. Sondern es sind Leute mit Abschlüssen von angesehenen aus- und inländischen Universitäten, und nicht nur Absolventen der beiden katholischen Universitäten, die in der staatlichen Bildung Polens zu Stützen der alternativen Wissenschaft und Kaderschmieden für das konservative Regime geworden sind. Ähnlich wie in Margaret Atwoods fiktivem Staat „Gilead“ werden die Veränderungen von Vertretern der wohlhabenden Mittelschicht getragen. Und seitdem der Geldstrom aus den staatlichen Unternehmen in den vergangenen Jahren kräftig in Richtung der Parteiangehörigen der Regierung sprudelt, wächst ihre Position stetig weiter, auch finanziell. Mit dem Hass – selbstverständlich ein Hass, der im Einklang mit den „christlichen Werten“ und „unserer jahrhundertealten Tradition“ steht – lassen sich im heutigen Polen ausgezeichnet Geschäfte machen.

Und das ist keine Ausnahme. Dieses Netzwerk von Lobbyleuten, Stiftungen und Thinktanks hat eine große Reichweite – von einer brasilianischen Sekte über US-amerikanische Evangelikale und Trumpanhänger sowie den Vatikan bis hin zum Kreml. Von dort werden sowohl Geld als auch Propagandamaterial oder Mittel zur Einschüchterung von Aktivisten bezogen. Antidiskriminierungsorganisationen und Einzelpersonen werden mit Klagen überschwemmt, soziale Kampagnen in einem noch nie dagewesenen Ausmaß finanziert und durch die Straßen polnischer Städte fahren sogenannte „Pogrombusse“. Auf einigen prangen Bilder von Föten und Lautsprecher verkünden Anklagen gegen „Kindermörder“, andere zeigen Photoshopbilder von nackten Männern und Aufschriften wie „Die hier wollen eure Kinder erziehen“ und verbreiten in voller Lautstärke, dass Schwule die Familie zerstören wollen.

„Das Narrativ provinziell versus großstädtisch funktioniert nicht mehr“

Zu den Organisatoren dieser Umtriebe müssen wir auch eine große Gruppe von politischen und wirtschaftlichen Eliten sowie katholischen Amtsträgern zählen, die vom Vertuschen und Verschleppen von Missbrauchs- und Vermögensskandalen profitieren. Und ein paar rechte Medienkonzerne, die untereinander zerstritten sind und auf unterschiedliche Fraktionen der Regierungskoalition setzen, erhalten dafür Werbeaufträge von Staatsunternehmen.

Selbstverständlich sind das aber dann nicht diejenigen, die Schwule in Bussen angreifen, Frauen schlagen und drangsalieren, die für strengere Abtreibungsgesetze demonstrieren oder Terrorismus unterstützen. Das erledigen andere Menschen, von Sicherheitsdiensten bis hin zu normalen Bürgerinnen und Bürgern: Fußballfans, Mitglieder paramilitärischer, nationalistischer Organisationen oder einfach der Typ auf der Bank, dem in den Kopf kommt, dass er gerne jemandem eine reinhauen würde.

Das Königreich der Fuhrwerke ist also auf zweierlei Weise vergangen: Das heutige Polen entspricht nicht nur nicht den einfachen Stereotypen der Vergangenheit, weil es ein völlig anderes Land ist als vor dreißig Jahren, sondern auch, weil das stereotype Denken für das Verständnis des Landes genauso unproduktiv geworden ist wie für das Verständnis westlicher Länder. Die Trennlinien sind nicht offensichtlich – wie in Frankreich, wo bekannte Intellektuelle oft den Nationalistinnen und Nationalisten den Rücken stärken, oder wie in den USA, wo Absolventen linker Universitäten gegen die Menschenrechte kämpfen, oder in Deutschland, wo sich in den Rängen der AfD auch eine Lesbe findet, die mit ihrer Partnerin aus Sri Lanka zwei Kinder großzieht. Das alte dichotome Narrativ von xenophob versus kosmopolitisch, provinziell versus großstädtisch, konservativ versus liberal, verschlossen versus offen funktioniert nicht mehr. Vielleicht hat es aber auch noch nie funktioniert.                 

Aus dem Polnischen von Dorothea Traupe



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