Demut war gestern

von Lavinia Braniște

Das neue Polen (Ausgabe III/2021)

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Illustration: Razvan Cornici


Die Kirche gilt in Rumänien als die vertrauenswürdigste Institution, dicht gefolgt von der Armee. Ich kann mich an keinen Zeitpunkt nach dem Ende der Diktatur 1989 erinnern, zu dem das anders war. Dass die Armee auf der Vertrauensrangliste weit vorn steht, kann ich nachvollziehen: Sie ist in der öffentlichen Wahrnehmung eine eher unscheinbare Institution, die uns Rumäninnen und Rumänen nicht enttäuscht hat. Sicher auch, weil wir gar nicht so genau wissen, womit die Streitkräfte sich beschäftigen (außer mit dem Kauf von teuren Rüstungsgütern). Das große Vertrauen in die Kirche aber hat mich schon immer irritiert.

Laut dem Vertrauensbarometer von LARICS, dem rumänischen Forschungszentrum für Soziologie, steht die Rumänisch-Orthodoxe Kirche mit 71 Prozent auf dem ersten Platz. Im Vergleich dazu halten nur 34 Prozent der Rumäninnen und Rumänen das Gesundheitsministerium für vertrauenswürdig. Die Regierung bringt es sogar nur auf knapp 14 Prozent. Rumänien ist laut mehrerer Umfragen das gläubigste Land der Europäischen Union. Mehr als 85 Prozent der Bevölkerung geben an, orthodox zu sein. Ob diese Zahlen, die das Ergebnis verschiedener Studien sind, wirklich glaubwürdig sind, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Würde mich jemand fragen, ob ich orthodox bin, dann würde auch ich mit „Ja“ antworten und so die Statistik nach oben treiben. Und das, obwohl ich gar nicht gläubig bin. Der Grund dafür ist ganz einfach: Ich wurde in meiner Familie von Frauen erzogen, die zeitlebens den orthodoxen Glauben praktiziert haben. Lange Auszüge aus der Liturgie weiß ich noch heute auswendig – und ich erinnere mich auch noch an viele Geschichten aus der Bibel. Allein schon deshalb brächte ich es nicht übers Herz, in einer Umfrage mit „nicht orthodox“ zu antworten und so die ganze Kultur und Tradition, die ich in meiner Kindheit und Jugend verinnerlicht habe, das Erbe, das die Frauen aus meiner Familie an die jüngere Generation weitergeben, zu negieren. Zur Kirche gehe ich natürlich trotzdem nicht mehr, und das seitdem ich 19 Jahre alt bin. Mitunter widert mich diese Institution sogar an – und nicht nur mir wird es so gehen.

Wer könnte unter diesen Umständen beurteilen, wie aussagekräftig das „Ja“ ist, das so viele Rumäninnen und Rumänen auf die Frage „Sind Sie orthodox?“ geben?

Nach 15 Jahren, die ich zum Studium und als Schriftstellerin in zwei großen Städten Rumäniens verbracht habe, bin ich im Frühling 2018 nach Brăila zurückgekehrt, in die kleine Provinzstadt meiner Kindheit. Ich dachte mir, in zwei Jahren würde ich wieder in die Hauptstadt Bukarest umziehen, aber dann stellte 2020 alles auf den Kopf und zwang mich, meinen hiesigen Aufenthalt zu verlängern. In diesem Umfeld war ich mit einem Mal wieder von Heiligenbildern und Gebetsbüchern umgeben – und von gläubigen Mitmenschen. Der Mann, der meine Verwandten und mich mit frischen Eiern und Hühnern vom eigenen Hof versorgt, ist Mitglied der Kirche. Es ist jemand aus der Kirche, der mein Elternhaus streicht, und jemand aus der Kirche schneidet die Weinreben, die wie ein zweiter Himmel über unseren Hof wachsen. Alles vertrauenswürdige Menschen, weil sie gottesfürchtig sind, so die Argumentation. In einem Land, in dem ältere Menschen sozial vernachlässigt werden, in einer Provinzstadt mit überschaubarem Kulturangebot und Einwohnern, die sich kaum eine andere Freizeitaktivität leisten können als das traditionelle Grillen, ist die Kirche zu einem sozialen Knotenpunkt geworden. Vielleicht hat sie hier deshalb so viel Erfolg: mangels Alternativen.

„Viele dieser Vorfälle wurden nur unvollständig aufgeklärt. So zum Beispiel die Zusammenarbeit der Kirche mit der „Securitate“, der ehemaligen Geheimpolizei unter der Ceaușescu-Diktatur“

Dabei wäre die Rolle der Kirche als sozialer und kultureller Lückenfüller an sich kein Problem, wenn ihre Botschaft nicht so oft problematisch wäre. Und wenn das Fehlverhalten innerhalb dieser Institution nicht weiterhin häufig toleriert oder sogar gedeckt werden würde, so wie zum Beispiel die sexistischen Äußerungen eines Erzbischofs, oder ein Skandal um den Missbrauch junger Männer innerhalb des Priesterseminars in der Stadt Huși. Oft mischt sich die Kirche auch in politische Kampagnen ein. Im Jahr 2018 unterstützte sie etwa die Organisation „Coali ia pentru familie“, die sogenannte „Koalition für die Familie“. Diese Organisation ist auf dem Papier unabhängig und besteht aus 44 Verbänden, Vereinen und Nichtregierungsorganisationen, die alle das traditionelle Verständnis von Familie fördern. Diese Organisation hat auch ein Referendum ins Leben gerufen, um die rumänische Verfassung dahingehend zu ändern, das die Ehe als „Vereinigung zwischen Mann und Frau“ verankert werden soll (und nicht mehr als Bund zwischen zwei Personen, wie es derzeit darin heißt). Vor diesem Referendum wurde eine Hasskampagne gegenüber sexuellen Minderheiten geführt, die dem Wort „traditionell“ einen abscheulichen Beigeschmack verlieh. Auch einer der zwei Vorsitzenden der neu gegründeten rechtsextremistischen Partei „Allianz für die Vereinigung der Rumänen“ (AUR) kommt aus den Reihen dieser Koalition, die ihre Botschaft nicht zuletzt mithilfe der Kirche verbreitet hat. Die Partei AUR hat im Jahr 2020 erstaunliche neun Prozent der Wählerschaft für sich gewonnen und konnte ins Parlament einziehen.

Natürlich gibt es auch andere Seiten: Die Rumänisch-Orthodoxe Kirche unterstützt Alten- und Kinderheime, zeigt sich wohltätig gegenüber bedürftigen Gemeinden und viele Priester gehen regelmäßig Blut spenden. Doch gleichzeitig kam und kommt es eben immer wieder zu Skandalen und „Ausrutschern“ im Verhalten mancher Prälaten. Viele dieser Vorfälle wurden nur unvollständig aufgeklärt. So zum Beispiel die Zusammenarbeit der Kirche mit der „Securitate“, der ehemaligen Geheimpolizei unter der Ceaușescu-Diktatur. In Akten, die nach der Auflösung der Securitate 1989 aufgetaucht sind, wurden zahlreiche hochrangige Priester als Informanten geführt. Ein weiterer, eher skurriler Fall ist der eines Patriarchen, der im Jahr 2016 für die Kathedrale Mântuirii Neamului in Bukarest eine 25 Tonnen schwere und 425 Tausend Euro teure Glocke erwarb. Diese Glocke gilt bis heute als die größte Europas und auf ihr eingraviert ist das Gesicht des Patriarchen. Nur einer von vielen Fällen, in denen die Kirche vor allem durch Opulenz und Exzentrik auffällt, statt die Demutsbotschaft des christlich-orthodoxen Glaubens zu verkörpern.

„Bis weit ins Jahr 2020 hinein wurde den Gemeindemitgliedern weiterhin das „Împărtășanie“ gereicht, das traditionelle Abendmahl aus Brot und Wein. Gemäß der orthodoxen Tradition wird das Abendmahl aus nur einem Kelch und mit dem gleichen Löffel an alle verteilt. Mit den Hygiene- und Abstandsregeln war das – natürlich – nicht vereinbar“

Auch während der Coronakrise des vergangenen Jahres scheint der moralische Kompass der Kirchenoberen immer wieder verrutscht zu sein. Blickt man auf die widersprüchlichen Botschaften an ihre Gläubigen, dann scheint es, als befände sich die Kirche in einem Modus kompletter Verwirrung: Anfangs lehnten kirchliche Vertreter die vorgegebenen staatlichen Gesundheitsmaßnahmen mit aller Vehemenz ab. Bis weit ins Jahr 2020 hinein wurde den Gemeindemitgliedern weiterhin das „Împărtășanie“ gereicht, das traditionelle Abendmahl aus Brot und Wein. Gemäß der orthodoxen Tradition wird das Abendmahl aus nur einem Kelch und mit dem gleichen Löffel an alle verteilt. Mit den Hygiene- und Abstandsregeln war das – natürlich – nicht vereinbar.

Nun, mehr als ein Jahr nach dem Ausbruch der Coronakrise, verzweifeln die Behörden zusehends daran, die rumänische Bevölkerung von der Notwendigkeit der Impfung zu überzeugen. Vor Kurzem wurden deshalb Tausende Dosen AstraZeneca-Impfstoff an Moldawien und die Ukraine gespendet. Eine vermeintlich christliche Geste, die sich bei genauerem Hinsehen jedoch vor allem als Indiz für die Unfähigkeit der rumänischen Behörden entpuppte, die Bevölkerung entsprechend aufzuklären. Weiterhin ist es eines der größten Versäumnisse, dass die staatlichen Impfkampagnen die ländlichen Gegenden nicht erreichen, in denen 43 Prozent der Bevölkerung leben und wo es kaum Impfzentren gibt. Ein Großteil der rumänischen Bevölkerung fällt also durch das Raster. So kommt es zu der absurden Situation, dass wir in Rumänien zwar Impfstoff haben, aber niemanden, den wir impfen können.

Am Karsamstag dieses Jahres wurde – wie für die orthodoxe Kirche üblich – in einer Zeremonie „heiliges Feuer“ aus Jerusalem gebracht. Während der Veranstaltung sprach der Kirchenoberste, Patriarch Daniel, überraschenderweise davon, dass geimpfte Gläubige sich bald wieder auf Pilgerreisen begeben könnten. Eine Aussage, die für die Presse ein gefundenes Fressen war: Unterstützte die Kirche etwa plötzlich die Impfkampagne? Ich persönlich denke nicht. Denn dem Patriarchen ging es bei seiner Aussage wohl vordergründig um die Pilgerreisen, die für viele rumänische Gläubige eine zentrale Rolle spielen und den Glauben mit dem Tourismus verbinden. In Rumänien begibt man sich nämlich nicht zu Fuß auf Pilgerreisen, sondern mit Reisebussen. Manchmal übernachtet man im Hotel und schaut sich unterwegs touristische Attraktionen an. Die Pilgerinnen und Pilger reisen vor allem zu Klöstern, in denen sich Reliquien der Heiligen befinden: mumifizierte Körper oder Körperteile, wunderwirkende Heiligenbilder, geweihte Quellen oder Höhlen, in denen vermeintliche Heilige gelebt haben. Und die größte Pilgerreiseagentur Rumäniens, Basilica Travel, gehört der Kirche.

„Erst jetzt, wo sich die Krise auch bei der Kirche finanziell bemerkbar macht, wacht sie langsam auf, denn: Die Kirche wird zwar vom Staat mitfinanziert, aber dennoch bezahlen die Gläubigen ihre Hochzeitszeremonien, Taufen und Beerdigungen weiterhin selbst“

Ein echtes Statement zu ihrer Haltung in Sachen Impfung gibt die Kirche tatsächlich erst über ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie ab. Und was sie sagt, ist vage formuliert und richtungslos. Einmal mehr nimmt gerade die Institution, die gerne für sich reklamiert, der Bevölkerung zugutezukommen, keine beschützende oder gar aufklärende Rolle ein. Im Gegenteil: Anstatt ihre Reichweite zu nutzen, um über die gesundheitlichen Gefahren, mit denen wir konfrontiert sind, zu informieren, hält die Kirche stolz ihre veralteten Werte hoch. Erst jetzt, wo sich die Krise auch bei der Kirche finanziell bemerkbar macht, wacht sie langsam auf, denn: Die Kirche wird zwar vom Staat mitfinanziert, aber dennoch bezahlen die Gläubigen ihre Hochzeitszeremonien, Taufen und Beerdigungen weiterhin selbst. Jede einzelne Kirche besitzt ein kleines, steuerbefreites Geschäft. Mit dem Verkauf von Büchern, Heiligenbildern und Kerzen generiert sie zusätzliche Einnahmen, genauso wie mit Messen außerhalb der Kirchen, etwa zur Segnung von Häusern. Doch all das findet nun natürlich deutlich seltener statt. Das Geld wird knapper.

In den Geschäften rund um Kirchen, Klöster und Pilgerorte findet man eine Menge fragwürdiger Gebetsbücher. Auch Biografien von vermeintlichen Heiligen und umfassende, den Heiligen gewidmete Hymnen, die sogenannten Akathisten, werden dort angeboten. Ich als Schriftstellerin schaue immer reflexhaft auf die letzte Seite jedes Buches. Denn erstaunlicherweise nennen die meisten dieser Bücher keinen Autor und keine Autorin. Manche sind Übersetzungen aus dem Russischen oder Griechischen, manche sind – anstelle einer Autorenzeile – mit dem Segen irgendeines Bistums veröffentlicht worden und auf manchen steht schlicht und einfach gar nichts. Woher kommen all diese Heiligen?, frage ich mich. Ihre Geschichten sind bekannt, ihre Namen stehen in unseren Kalendern, aber der Weg, auf dem sie „ausgegraben“ wurden, bleibt ein Mysterium.  Solche Fragen faszinieren mich, genauso, wie mich das grundlegende Bedürfnis vieler Menschen nach einem Gott fasziniert. 

Selbst wenn ich ungläubig bin, empfinde ich Hochachtung für diejenigen, die ihren Glauben mit klarem Verstand praktizieren. Ich verstehe das Bedürfnis nach Geschichten, die Ordnung in unser Leben bringen. Mein Respekt gilt darum all jenen, die innerhalb dieser Geschichten leben und in der Realität verwurzelt bleiben – dort, wo in einer Krisensituation die Antworten von Experten gegeben werden, nicht von Geistlichen. 

Denn auch ich vermisse Gott ab und zu. Jemanden, der alles sieht und alles weiß, anders als wir Menschen. Doch Gott ist das eine und die Kirche das andere.

Aus dem Rumänischen von Manuela Klenke
 



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