Niedliche Pandas und Ratten mit Flügeln

von Jane C. Desmond

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

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Fröhlicher Elephant. Foto: Tim Flach


Ziegen spazieren durch die Straßen von Llandudno in Wales, Seevögel schwimmen in den frisch gesäuberten Kanälen Venedigs, Seelöwen räkeln sich auf den Bürgersteigen in Mar del Plata, einem Badeort südlich von Buenos Aires, und wilde Truthähne tollen auf einem Spielplatz im kalifornischen Oakland herum ... Dies sind nur einige der bemerkenswerten Bilder von Tieren, die in den vergangenen neun Monaten in Zeitungen auf der ganzen Welt erschienen sind, während die Menschen die Straßen verließen, um sich während der Corona-Pandemie in Isolation zu begeben.

Trotz ihrer verheerenden Auswirkungen und trotz aller Todesfälle hat uns die Pandemie auch in großer Dringlichkeit vor Augen geführt, wie eng unser Leben mit dem von Tieren verflochten ist. Diese Zeit der globalen Krise ist unbestreitbar ein Moment, um unsere Beziehungen zu Tieren zu überdenken. Wir müssen unser Verständnis der historischen, kulturellen, wirtschaftlichen und ethischen Grundlagen der unzähligen Formen vertiefen, wie Menschen auf der ganzen Welt mit so unterschiedlichen Tierarten wie Taranteln, Katzen, Tauben, Wildschweinen, Elefanten, Eseln und natürlich Schuppentieren – dem möglichen Überträger des Covid-19-Virus auf den Menschen – zusammenleben.

„Tiere können als Schädlinge unsere Küchen befallen oder in religiösen Ikonografien als Heilige verehrt werden“

Selbst im städtischen Umfeld sind wir täglich von Tieren umgeben, etwa in Form von Kinderbüchern, den berühmten Gerichten nationaler Küchen, von Haustieren, die es sich an unseren Füßen gemütlich machen, oder durch die exotischen Anblicke, die sich uns in den örtlichen Zoos bieten. Tiere liefern das Leder unserer Schuhe, den Pelzbesatz unseres Wintermantels, die Handschuhe aus Wolle oder die Ingredienzen einiger traditioneller Medikamente. Sie sorgen für sportliche Ereignisse auf Rennbahnen und dienen als Forschungsobjekte in Laboren, unter anderem jenen, in denen Corona-Impfstoffe entwickelt werden. Tiere können als Schädlinge unsere Küchen befallen oder in religiösen Ikonografien als Heilige verehrt werden. Viele unserer Beziehungen zu Tieren sind so selbstverständlich, dass wir sie einfach als gegeben hinnehmen.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich unser Verständnis dieser Beziehungen jedoch gewandelt, da sich an Universitäten und Forschungszentren in vielen Ländern ein neues interdisziplinäres Studiengebiet, die sogenannten „Human-Animal Studies“ oder „Anthrozoologie“, etabliert hat, insbesondere, aber nicht ausschließlich in Großbritannien, der EU, Australien, Neuseeland und den USA. Diese neue interdisziplinäre Forschungsrichtung will die Komplexität und die Widersprüche verstehen, mit denen menschliche Gemeinschaften ihre Beziehungen zu Tieren konstruieren, und möchte begreifen, was dies für uns, für die Tiere und allgemein für unsere gemeinsame Umwelt bedeutet.

Im Mittelpunkt dieser neuen Studien steht das Verständnis kultureller Unterschiede. Ein Tier wie zum Beispiel eine Heuschrecke wird in den Maisfeldern des Mittleren Westens der USA wahrscheinlich als Schädling, als Feind der Landwirtschaft betrachtet, als ein Wesen, das mit hoch entwickelten chemischen Pestiziden ausgerottet werden muss. Ähnliche Insekten können in Thailand als gute Proteinquelle, als knuspriger Snack gelten. In indigenen Kulturen und in einigen Teilen der Welt werden bestimmte Tiere verehrt, sodass ihr Bild in Kunstformen wie Tanz, Tempelschnitzereien und Gesang einfließt. Selbst die Taube, die in so vielen Städten zu Hause ist, kann – wie bei den türkischstämmigen Taubenzüchtern in Berlin – als geschätzter Teil des sozialen Erbes gehegt werden; in Städten wie New York dagegen wird sie verscheucht, als Plage betrachtet und als „Ratte mit Flügeln“ verunglimpft. In seinem bekannten Buch „Wir streicheln und wir essen sie: Unser paradoxes Verhältnis zu Tieren“ beleuchtet der Psychologe und Forscher Hal Herzog diese vielfältigen Beziehungen und betont die Widersprüche, mit denen so viele von uns tagtäglich leben. Warum verwöhnen manche Gemeinschaften den Hund als Haustier und betrachten ihn als „Familienmitglied“ (als solchen beschreibt ihn die Mehrheit der befragten Hundebesitzer in den USA), während Hunde an anderen Orten der Welt als Eintopf verspeist werden (so etwa in einigen Teilen Südkoreas oder Chinas)?

Das sind einige der Widersprüche, mit denen wir leben und die zur Normalität werden, aber natürlich hängt alles davon ab, auf wen sich dieses „wir“ bezieht. Genau deswegen ist eine sorgfältige Untersuchung von Gemeinschaften, kulturellen Rahmenbedingungen und Geschichten so wichtig und aufschlussreich. Was in einer Gemeinschaft akzeptiert, ja sogar gefeiert wird, kann in einer anderen verunglimpft werden oder aufgrund von Bräuchen oder religiösen Grundsätzen verboten sein. In Kuba zum Beispiel wird an Heiligabend oft Schweinebraten gegessen; in traditionellen muslimischen und jüdischen Gemeinschaften gilt Schweinefleisch dagegen als „unrein“ und wird vermieden.

„Es ist nicht schwer, sich für charismatische Elefanten zu interessieren“

Die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren sind jedoch einem Wandel unterworfen. Was für eine Generation akzeptabel war, ist es für eine andere vielleicht nicht mehr, wie unlängst Tieraktivisten in Südkorea gezeigt haben, die sich gegen den Verzehr von Hundefleisch gewandt haben. Und während Wissenschaftler mehr über die außergewöhnlichen Fähigkeiten von Tieren lernen, stehen unsere aktuellen Beziehungen zu ihnen auf dem Prüfstand und selbst langjährige Traditionen können plötzlich verschwinden. So schloss 2017 nach 146-jährigem Bestehen der renommierte Ringling Brothers Circus, „The Greatest Show on Earth“, nachdem Tierschützer jahrelang gegen das Leben der Elefanten in Gefangenschaft protestiert hatten.

Elefanten sind „Megafauna“, Lebewesen, die in einem Lebensraum die körperlich größten Organismen sind. Es ist nicht schwer, sich für diese charismatischen Tiere zu interessieren. Allerdings sind nicht nur sie, sondern viele Tierarten in Gefahr, und wir verlieren sie in einem so erschreckenden Maße, dass manche Wissenschaftler unsere Epoche als das „Sechste Massensterben“ bezeichnet haben. Aber wie bringen Wissenschaftler die Öffentlichkeit dazu, sich für die große Mehrheit der Arten zu interessieren, die nicht charismatisch sind?

Herzog betont, wie wichtig „Niedlichkeit“ in unserer Beziehung zu Tieren ist – die Wahl des Pandas als Logo für den World Wildlife Fund bezeugt die Wirkmacht des Charismas von Tieren, die uns zum Handeln für den Erhalt bestimmter Arten bewegt. Tatsächlich sind wir jedoch von den nicht charismatischen Tieren genauso abhängig wie von den verlockenderen Säugetieren. Die alarmierende Dezimierung der Bienenpopulation etwa macht deutlich, wie sehr wir auf diese summenden, stechenden Bestäuber angewiesen sind, nicht nur für Obst und Gemüse, sondern auch für die Schönheit der Blumen auf unserem Tisch.

„Die Gorilladame Koko beherrschte eine vereinfachte Form der Gebärdensprache“

Eine der Triebkräfte für die Neuausrichtung unserer Beziehungen zu Tieren ist unser immer größerer Einblick in ihre Fähigkeiten. Unser Verständnis der tierischen Kognition hängt häufig davon ab, wie sie im Vergleich zur menschlichen abschneidet. Wir fragen: Hat ein Tier das Rechnen erfunden? Werkzeuge entworfen? Ein Bild gemalt? Oder komplexe Sprachen entwickelt?

Neuere Studien zeigen, dass die Sonderstellung des Menschen so klar nicht ist. Viele Spezies (wie Schimpansen und Krähen) scheinen einen Sinn für Zahlen zu haben und können auf komplexe Weise kommunizieren. Einige Primaten, die in Gefangenschaft darauf trainiert wurden, über Symbolsysteme zu kommunizieren, können sogar in unseren Sprachen mit uns kommunizieren, so zum Beispiel die Gorilladame Koko, die eine vereinfachte Form der amerikanischen Gebärdensprache beherrschte. Andere Tiere wie der Laubenvogel, der Nester baut, die wie Kunstinstallationen aussehen, scheinen einen Sinn für Ästhetik zu haben, und Primaten und Hunde können sogar eine Art Gefühl für Ethik zeigen, wenn sie etwa bei der Verteilung von Nahrung nach Gesichtspunkten der Fairness handeln. Viele Tiere scheinen zudem zu trauern, wie uns Barbara J. King in ihrem Buch „How Animals Grieve“ zeigt. Elefanten zum Beispiel umringen manchmal den Körper eines ihrer Verstorbenen, berühren ihn sanft mit ihrem Rüssel und bleiben stundenlang stehen, als nähmen sie von ihm Abschied.

Letztlich scheint es wahrscheinlich, dass sich mit einem zunehmenden menschlichen Verständnis für Tiere im 21. Jahrhundert unsere Art des Umgangs mit ihnen und unser Pflichtgefühl ihnen gegenüber ändern wird – auf Bauernhöfen ebenso wie vor Gerichten oder in unserer gemeinsamen Umwelt, von der menschliche wie nichtmenschliche Wesen abhängen.

Wie könnte die Zukunft aussehen, wenn wir das Ziel ernst nähmen, unsere Beziehungen zu Tieren bewusster, ethischer und mitfühlender zu gestalten und mehr auf die Bedürfnisse von Tieren und nicht primär unsere eigenen einzugehen? 

Aus dem Englischen. von Claudia Kotte



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