Der Berg der Hirsche

von Luis Montesinos Césped

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

Südlicher Andenhirsch -

Gefährdete Hirschart und Nationaltier Chiles: der Huemul. Foto: Getty Images


Das erste Hirschkalb, das ich im Reservat Cerro Huemules fand, lag auf dem Boden. Manchmal kam die Mutter und säugte es. Sonst blieb sie in einer Distanz von hundert, zweihundert Metern. Wenn sie ein Raubtier sah, etwa einen Fuchs, versuchte sie, es von dem Ort fortzulocken. Ich hatte meine Instrumente dabei und konnte das Jungtier messen und wiegen. Es war zwischen fünf und sechs Kilo schwer. Wie bei einem neugeborenen Lamm waren die Beine lang und schwach. Es fiel ihm schwer zu gehen. Nach zwanzig Metern legte es sich immer wieder hin – perfekt getarnt neben einem Busch oder Baumstamm.

Ich war überglücklich, als ich auf das Jungtier stieß. Zwei Jahre lang habe ich dann diesen Huemul-Hirsch beobachtet. Bis er neun Monate alt war, konnte ich ihn berühren, wenn ich meinen Arm ausstreckte. Er war sehr zahm.

Als ich Mitte der 1980er-Jahre anfing, im Naturreservat Cerro Huemules im Süden Chiles als Ranger zu arbeiten, lernten wir seine Spezies gerade erst besser kennen. Es gab zwar bereits einige Daten, aber wir mussten sie überprüfen: wann ihnen die Geweihe abfielen, wann den Jungtieren das erste Mal eins wuchs. Dauert die Fortpflanzungsperiode sieben oder acht Monate? Man wusste auch nichts über die Kälber. Bei dem Ersten, das ich fand, konnte ich beobachten, wie es gesäugt wurde, und später, wie es sich ernährte.

„Der Hauptfeind der Hirsche sind ausgewildere Hunde. Ein einfacher Hundebiss führt zu Infektionen, das Tier stirbt“

Die Hirschpopulation im Reservat Cerro Huemules ist nicht sehr groß. 2006 gab es drei, vier Huemul-Hirsche. In den vergangenen Jahren stieg die Zahl auf acht an. Ursprünglich waren die Huemules von Rancagua bis in die Región de Magallanes verbreitet. Heute lebt ein Großteil der Hirsche in der Región de Aysén. 2.000 Huemules soll es noch geben. An vielen Orten stehen sie immer mehr unter Stress, weil der Mensch in die Bereiche vordringt, in denen die Hirsche leben. In der Vergangenheit wurden auch immer wieder Tiere gewildert. Ihr Hauptfeind aber sind ausgesetzte Hunde. Ein einfacher Hundebiss führt zu Infektionen, das Tier stirbt. Ich änderte deshalb meine Strategie: Die Huemueles sollten nicht mehr zahm sein, sondern eine größere Fluchtdistanz wahren. Heute versuche ich, in ihr natürliches Leben nicht mehr einzugreifen, und beobachte sie aus der Distanz.

Huemules sind schwer zu entdecken. Sie tarnen sich gut, vor allem an Berghängen übersieht man sie, weil sie regelrecht erstarren können. An heißen Tagen bleiben sie im Unterholz liegen. Einfacher ist es, sie früh am Morgen oder in der Abenddämmerung zu beobachten, wenn sie auf Futtersuche gehen.

„Die verschiedenen Hirschpopulationen müssen in Kontakt miteinander bleiben“

Ihr Schutz ist eine umfassende Aufgabe. Wir müssen den Wald bewahren, die Gewässer und alle Tiere, die im Reservat leben, weil sie Teil der Nahrungskette sind. Die Lage der Huemules ist so bedroht, weil die Menschen die Wälder, in denen sie leben, niedergebrannt haben. In der Región de Aysén ist ein großer Teil ihres Habitats mittlerweile bebaut. Man muss sie also besonders schützen. Nicht nur ihren Lebensraum, auch die natürlichen Korridore müssen bewahrt werden, damit die Populationen in Kontakt bleiben. Am Cerro Huemules sind die biologischen Hauptkorridore durch Siedlungen unterbrochen. Wenn das so bleibt, wird die Hirschpopulation eines Tages verschwunden sein.

Ich arbeite neun Tage am Stück im Reservat und habe dann fünf Tage frei. Ich habe ein Büro und einen Raum, in dem ich Huemulknochen und -fell ausstelle. Regelmäßig kommen Gruppen von Schülern und Studierenden. Seit acht Jahren arbeite ich auch mit Kindergartenkindern im Alter von zwei bis drei Jahren. Für mich ist die Umwelterziehung fundamental: Kindern schon von klein auf Tiere ihrer Umwelt nahebringen. Warum sagt man ihnen in den Kindergärten, sie sollen Giraffen, Elefanten und Löwen malen? Warum nicht die Tiere, die hier leben?

Protokolliert von Timo Berger
 



Ähnliche Artikel

Oben (Thema: Berge)

Verhungernde Gletscher

von Kristin Richter

Was das Schmelzen des Eises für den Wasserkreislauf der Erde bedeutet

mehr


Jäger und Gejagte (Thema: Mensch und Tier)

„Wir bringen viel zu viele Tiere zu nah zueinander“

ein Interview mit Donal Bisanzio

Zoonosen sind Erreger, die zwischen Menschen und Tieren übertragen werden. Wie kann man sie kontrollieren? Ein Gespräch mit dem Epidemiologen Donal Bisanzio

mehr


High. Ein Heft über Eliten (Was anderswo ganz anders ist )

Wolfskinder

von Ayhan Kaya

Über ein besonderes Tier in der Türkei

mehr


Rausch (Was anderswo ganz anders ist)

Libellenfangen

von Toshiyuki Miyazaki

Über ein besonderes Tier in Japan 

mehr


Breaking News (Was anderswo ganz anders ist)

Fleißige Biene

von Aleš Šteger

Über ein besonderes Tier in Slowenien 

mehr


Neuland (Was anderswo ganz anders ist )

Totenwächter und Schönheitskönig

von Francisco Méndez

Über ein besonderes Tier in Mexiko 

mehr