Nicht ohne meine Schafe

von Ajsalkyn Jessenbajewa, Asel Shabdanova

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

Schafe -

Schafherde. Foto: Getty Images


Anfang April machen wir uns jedes Jahr auf den Weg zum Jailoo, der Sommerweide. Wir nehmen Pferde, Kühe und Schafe mit und ziehen in die Berge. Wir suchen einen Platz, an dem der Schnee schon geschmolzen ist und bewegen uns bis Mai nach und nach auf unser Haus in den Bergen zu. Oben liegt dann immer noch Schnee, weil das Haus auf der Schattenseite steht. Früher hatten wir auf der Alm nur eine kleine Hütte. Später bauten wir dann zwei Häuser aus Sandstein, eines für uns und eines für die Familie meines Sohnes. Wir haben auch einen großen Sooru errichtet, einen Holzsockel unter freiem Himmel, auf dem wir sitzen, liegen und essen.

Ich bin 66 Jahre alt und in den Bergen geboren und aufgewachsen. Bereits meine Vorfahren hielten Vieh und zogen im Sommer aus ihren Dörfern auf die Jailoos. Bei uns helfen Kinder schon früh auf dem Hof mit. Die Jungen hüten Schafe oder passen auf die anderen Tiere auf. Die Mädchen helfen in der Küche. Mit etwa 15 Jahren können die Mädchen Butter klären und Essen im Kasan, dem großen Kessel, kochen.

Als Kind zog ich mit meiner Mutter auf den Jailoo. Ich lernte Kühe zu melken, als ich zehn, elf Jahre alt war und meinen Großmüttern zur Hand ging. Nach meiner Hochzeit – ich war damals 18 –, begann ich die Tiere zusammen mit meiner eigenen Familie in die Berge zu treiben.

Heute ziehen wir als Großfamilie meist mit zehn bis 15 Personen auf die Weide. Mein Mann und ich haben insgesamt fünf Söhne, zwei Töchter und dreißig Enkelkinder. Im August kehren wir nach Hause zurück, runter ins Dorf, und im September kommt mein Mann mit dem ganzen Vieh hinterher.

„Es gibt oben auf der Weide kein Geschwätz und keinen schmutzigen Klatsch, kein Fernsehen und keine schlechten Nachrichten“

Mein ganzes Leben lang bin ich im Sommer auf den Jailoo gezogen, aber ich glaube, erst im vergangenen Jahr habe ich die ganze Herrlichkeit der Berge erkannt. Als die Welt von einer Pandemie überrollt wurde und wir im Fernsehen die Nachrichten über die steigenden Infektionszahlen sahen, habe ich fast den Verstand verloren. Dann brachte mich mein Sohn Manas zum Jailoo. Und erst dann verstand ich die ganze Bedeutung der Weide: Es gibt dort kein Geschwätz und keinen schmutzigen Klatsch, kein Fernsehen und keine schlechten Nachrichten. Man trinkt Kumys, vergorene Stutenmilch, an der frischen Luft und genießt die Natur und die Stille. Der Jailoo half mir, mit meiner gedrückten Stimmung fertig zu werden. Meine Enkelkinder, die in der Stadt krank werden und Gewicht verlieren, erholen sich auf der Weide von selbst, allein schon wegen der sauberen Luft. 

Früher nahmen wir direkt nach der Geburt eines Kindes unsere Arbeit wieder auf. Mein Sohn Kyias war zwanzig Tage alt, als wir oben auf dem Jailoo ankamen. Es war Juni und es schneite plötzlich unerwartet stark. Damals gab es noch keine Pampers und keinen Strom. Ich musste die Stoffwindeln von Hand waschen und trocknen, meine älteste Tochter trocknete die Windeln an sich selbst, um sie dann dem Baby anzuziehen. So haben wir die Kinder erzogen. Wir haben alles selbst gemacht: Kühe gemolken, Brot im Tandur, dem Tonofen, gebacken und die anderen Arbeiten rund ums Haus erledigt.

Wir essen hauptsächlich Schaffleisch, wir schlachten unsere eigenen Schafe. Zweimal am Tag kochen wir eine warme Mahlzeit. Aber man kann nicht sagen, dass wir viel Fleisch essen. Oft sparen wir und können uns zwei Wochen lang von einem einzigen Lamm ernähren. Kühe schlachten wir normalerweise nicht. Wir entnehmen ihre Milch und warten auf ihre Kälber. Stiere verkaufen wir dann auf dem Markt. Mit den aus der Milch hergestellten Produkten decken wir zuerst unseren eigenen Bedarf – was übrig bleibt, gut die Hälfte, verkaufen wir an Nachbarn.

„Im Laufe des Sommers wechseln unsere Tiere ihr Fell, nehmen zu und wachsen“

Die Tage oben auf dem Jailoo haben ihren eigenen Rhythmus. Wir wachen morgens bei Sonnenaufgang auf, im Sommer gegen vier oder fünf Uhr. Zuerst gehen wir Kühe melken, dann machen wir das Feuer. Dann trennen wir den Rahm von der Milch in der Zentrifuge, spätesten dann wachen die Kinder auf. Zusammen frühstücken wir. Wir essen den Rahm, den wir Kajmak nennen, mit Ayran und Brot. Danach klären wir Kajmak im Kasan, so entsteht Butterschmalz, das lange gelagert werden kann. Aus den Milchresten machen wir Ayran und stellen daraus Kurut, ein getrocknetes Milchprodukt in Form von gesalzenen Bonbons, her. Das sind Vorräte für den Winter.

Während die Frauen das Frühstück vorbereiten, treiben die Männer morgens das Vieh durch den Jailoo. Die Sommerweide ist weitläufig, die Kälber werden in eine Richtung getrieben, die Kühe in die andere. Es ist genug Platz für alle da. Dann melken wir die Pferde. Die Stutenmilch lassen wir zu Kumys vergären. Das Getränk ist sehr gesund. Meine Mutter sagte immer, wenn man Kumys trinkt und sich dann schlafen legt, wacht man jünger auf. Unsere ganze Familie ist vom Coronavirus verschont geblieben. Kumys fördert das Immunsystem und hilft gegen Viren. Jetzt sammeln wir Kumys und lagern ihn bis zum Winter im Keller.

Wir besitzen sehr viele Schafe, die auch auf die Weide getrieben werden müssen. Im Sommer sprießt dort üppiges Gras, die Tiere laufen frei herum. Den ganzen Tag über fressen sie, ruhen sich im Liegen aus, fressen dann wieder, suchen Wasser und trinken. Am Abend bringen die Männer sie in den Stall.

Hauptsächlich wegen der Tiere ziehen wir auf den Jailoo. Dort fühlen sie sich wohl. Das ganze Jahr über bereiten wir Futtervorräte für sie vor und sammeln Gras. Im Laufe des Sommers wechseln unsere Tiere ihr Fell, nehmen zu und wachsen. Und wir legen uns in der Zeit auch einen Vorrat an Lebensmitteln für uns an. Im Sommer bringen die Schafe auch ihre Lämmer zur Welt. Wenn wir ins Dorf zurückkehren, sind diese schon etwas größer. Wir scheren unsere Schafe regelmäßig. Tun wir das nicht, dann nehmen sie nicht zu. Früher hat uns der Staat die Wolle zur Verarbeitung abgenommen, aber nun macht er es aus irgendeinem Grund nicht mehr. Einen Teil der Wolle nutze ich nun, um Kijis, Filzteppiche, herzustellen.

„Meine Söhne haben vor, auch künftig auf die Weide zu ziehen. Mein ältester Sohn über 500 Schafe“

Das Leben auf dem Jailoo fällt mir nicht schwer, all die Dinge gehen dort leicht von der Hand. Die Stimmung ist gut, es ist ruhig. Ich könnte im Sommer nicht in der Stadt oder einem Dorf leben. Unsere Tiere betrachten wir als einen Teil der Familie und als notwendige Grundlage für ein gutes Leben. Eines unserer Sprichwörter besagt, dass man kein Pferd schlagen soll, weil es bedeuten würde, sich selbst zu schlagen. Ein weiteres Sprichwort lautet: „Ein Pferd ist ein Flügel für einen Menschen“. Das zeigt, welche Bedeutung Pferde bei uns haben. Meine Söhne haben vor, auch künftig weiter im Sommer in die Berge zu ziehen. Mein ältester Sohn besitzt über 500 Schafe, meine anderen Söhne haben Pferde. Nur einer meiner Söhne lebt in der Stadt.

Mir ist bewusst, dass es heute auch eine industrielle Tierzucht gibt, in der Tiere für Fleisch gezüchtet werden. Das finde ich in Ordnung. Aber ich weiß auch, dass sie den Tieren Medikamente spritzen und Wachstumsfutter geben. Das spiegelt sich im Geschmack und in der Bekömmlichkeit des Fleisches wider. Ich bin an sauberes Fleisch gewöhnt und schmecke sofort, wenn sich im Fleisch fremde Stoffe befinden. Und ich glaube, es gibt kein besseres Fleisch als das von einem Tier, das auf dem Jailoo aufgezogen wurde.

Protokolliert von Asel Shabdanova
Aus dem Russischen von Katja Wall



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