Dem Frühling entgegen

von Francesca Buoninconti

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

Amurfalke -

Amurfalken ziehen im Winter aus China über den indischen Ozean ins südliche Afrika. Foto: Getty Images


Jedes Jahr sind Milliarden wandernde Tiere auf unserem Planeten unterwegs. Sie durchpflügen die Ozeane, überfliegen die höchsten Gebirgsketten der Welt, durchstreifen Wüsten und überqueren Grenzen, wobei sie Jahr für Jahr denselben, jahrtausendealten Routen folgen. Die Wandertiere sind Weltenpendler. Sie setzen sich auf ihren Reisen Gefahren aus, viele machen unglaubliche Metamorphosen durch, andere sind pünktlich und zuverlässig wie Schweizer Uhren, wieder andere legen im Lauf ihres Lebens enorme Distanzen zurück. Seit Tausenden Jahren erfolgen ihre Reisen im Takt der Jahreszeiten und der Photoperiode, der Tageslänge, und seit jeher hat ihre Wanderung den Menschen fasziniert und Mythen und Legenden ins Leben gerufen. Heute jedoch sind die Wandertiere neuartigen Gefahren ausgesetzt: Lärm- und Lichtverschmutzung, Insektiziden, Straßen und Zäunen, und natürlich dem Klimawandel.

Es gibt kleine, federleichte Wandertiere wie die Schmetterlinge, die weniger als ein Gramm wiegen. Andere sind riesig und bis zu 150 Tonnen schwer, wie die Blauwale. Vögel, Säugetiere, Amphibien, Insekten und Fische wandern: vom Thunfisch bis zu den Sardinen, vom Lachs bis zum Aal. Sogar Tiere, von denen man es nicht vermuten würde: Krabben und Reptilien wie die Meeresschildkröten. Die Unechten Karettschildkröten, die in Florida zur Welt kommen, unternehmen gleich nach der Geburt eine Wanderung von über 16.000 Kilometern im Atlantischen Ozean. Viele davon gelangen bis ins Mittelmeer. 45 Prozent der dortigen Jungexemplare stammen deshalb aus Amerika.

Wandertiere haben einige gemeinsame Merkmale. Sie verfügen über eine hervorragende Orientierung: Sie richten sich nach der Sonne, den Sternen, dem Erdmagnetfeld und häufig sind ihre Routen in ihre Gene „eingeschrieben“. Die meisten von ihnen leben an Orten mit genau definierten Jahreszeiten und sehr oft bringt es gerade deren Wechsel mit sich, dass die im Winter vorteilhaften und nahrungsreichen Gebiete für die Fortpflanzung im Sommer nicht geeignet sind – und umgekehrt. Deshalb bedeutet Standorttreue den Tod. Viele Wandertiere müssen sich also zur Fortpflanzung in Gegenden begeben, die völlig anders sind als die, in denen sie leben: Die Meeresschildkröten müssen etwa zur Eiablage an den Strand zurückkehren, nachdem sie sich jahrelang im Ozean aufgehalten haben. Wandertiere sind zum ständigen Umziehen gezwungen. Sie setzen sich dabei unzähligen Gefahren aus, nehmen einen wahrscheinlichen Tod in Kauf, um einem sicheren Hungertod zu entgehen.

„Bis vor einem Jahrhundert wussten wir nichts über diese Reisen. Wir kannten weder Routen noch Zeitabläufe, noch Orientierungssysteme“

Man schätzt, dass es auf der Welt fünfzig Milliarden Zugvögel gibt. Etwa fünf Milliarden davon ziehen jeden Frühling von Afrika, wo sie den Nordwinter verbringen, nach Europa und Asien. Schwalben, Bienenfresser, Störche, Grasmücken: Sie suchen diese Regionen auf, um sich fortzupflanzen und zwei große Vorteile zu nutzen. Erstens kommt es in unseren Breiten im Frühling zu einer Explosion von Blüten, Früchten und Insekten, die Hauptnahrung vieler Vögel. Zweitens werden die Tage länger: Es steht mehr Tageslicht für die Jagd und die Aufzucht des Nachwuchses zur Verfügung. Würden sie dagegen in Afrika bleiben, hätten sie diesen Überfluss nicht. Geht der Sommer zur Neige und naht der Winter, dann kehren die Zugvögel nach Afrika zurück, häufig in Gebiete südlich der Sahara, wo sie einen neuen „Frühling“ vorfinden.

Bis vor einem Jahrhundert wussten wir nichts über diese Reisen. Wir kannten weder Routen noch Zeitabläufe, noch Orientierungssysteme. Dass wir eine wissenschaftliche Antwort auf die Frage „Wohin ziehen die Zugvögel bei ihren Wanderungen?“ gefunden haben, verdanken wir dem Dänen Hans Christian Mortensen, seines Zeichens Direktor des Gymnasiums der Stadt Viborg und begeisterter Vogelbeobachter. Um herauszufinden, wohin die Vögel, die er im Frühling in seinem Garten sieht, im Winter verschwinden, erfindet Mortensen 1890 eine Methode: die Vogelberingung. Erstmals in der Geschichte der Vogelkunde fängt Mortensen Stare ein und bringt an ihren Beinen einen kleinen Zinkring mit der Aufschrift „Viborg 1890“ an. Dann lässt er sie frei, in der Hoffnung, bald Nachrichten über die Vögel zu bekommen. Und tatsächlich: Jahre später findet man seine beringten Stare in Norwegen und in den Niederlanden wieder und identifiziert sie dank jenes Ringes am Bein. Fast alles, was wir heute über Zugvögel wissen, verdanken wir der Vogelberingung.

Heute folgt man Zugvögeln und anderen Wandertieren auch mithilfe von Radar, GPS und Datenloggern: winzigen Vorrichtungen, die in der Lage sind, Positionsdaten zu registrieren. Dank Letzterer ist man zum Beispiel der Rekordwanderung der Küstenseeschwalbe auf die Spur gekommen: ein gerade mal hundert Gramm schwerer Vogel, der entlang des Polarkreises nistet und die Jahreszeit, die unserem Winter entspricht, in der Antarktis verbringt, wobei er jedes Jahr 90.000 Kilometer im Flug zurücklegt. Das ist die längste Wanderung des gesamten Tierreichs. Im Schnitt legt die Küstenseeschwalbe im Lauf ihres Lebens 2,5 Millionen Kilometer zurück, eine Distanz sechsmal größer als die Entfernung zwischen Erde und Mond. Außerdem haben wir dank der GPS-Technologie ein weiteres „unmögliches“ tierisches Unterfangen ans Licht gebracht: Der Amurfalke, ein ungefähr 150 Gramm schwerer Raubvogel, pflanzt sich in Ostasien fort, genauer gesagt in der Mandschurei, jenseits des Flusses Amur, nach dem er benannt ist. Den Winter verbringt er aber im Süden Afrikas, nach einem langen Flug über den Indischen Ozean. Zu seiner Reise in den Süden bricht der Amurfalke immer Ende August auf. Er überquert China, fliegt den Himalaja entlang, erreicht Nordostindien und Bangladesch. Dann nimmt er die letzte Etappe in Angriff: den Flug über den Indischen Ozean, unter Ausnutzung der Monsunwinde. Eine 3.500 Kilometer lange Strecke, um über die Malediven und die Seychellen in den Süden Afrikas zu gelangen, wobei er einem anderen Tier folgt: der Wanderlibelle, seiner bevorzugten Zwischenmahlzeit, um den Überflug zu bewältigen.

„Von den Wandertieren hängt die Wirtschaft vieler Länder ab, der Fischfang und der Tourismus“

Heute allerdings läuft die Reise vieler Wandertiere Gefahr, für immer unterbrochen zu werden. Der Plastikmüll in den Ozeanen ist ein großes Problem für Meeresschildkröten und Wale, die ihn verschlucken; die Lichtverschmutzung ist möglicherweise dafür verantwortlich, dass die Vögel die Orientierung verlieren oder die frisch geborenen kleinen Schildkröten den falschen Weg einschlagen, sodass sie, nachdem sie aus dem Sand geschlüpft sind, nicht dem Meer zustreben, sondern von den Lichtern der Strandlokale oder Küstenstraßen angezogen werden. Straßen und Zäune unterbrechen auch die Routen der Maultierhirsche und Gabelböcke in Wyoming und die der Erdkröten und Wechselkröten in Europa. Sogar die Routen von anderthalb Millionen Streifengnus, die zwischen Kenia und Tansania wandern, waren durch einen geplanten Highway bedroht.

Das größte Problem ist jedoch der Klimawandel. Rentieren und Karibus und anderen großen Wandertieren droht wegen des Klimawandels regelrecht der Hungertod: Der weltweite Bestand dieser Arten ging in den vergangenen zwanzig Jahren um mehr als die Hälfte zurück. Aus einem leider fast banalen Grund: Die Flechten, an die sie gelangen, indem sie mit den Hufen den Schnee wegscharren, sind die einzige im Winter verfügbare Nahrungsquelle. In der Arktis regnet es aber immer öfter und der Regen gefriert am Boden. Dadurch kommen die Rentiere und Karibus nicht mehr an die Flechten heran. Derweil schaffen es die Zugvögel nicht mehr, rechtzeitig zum Frühling nach Europa zu kommen: In unseren Breiten setzt der Frühling von Jahr zu Jahr früher ein, ebenso das Ausschwärmen der Insekten. Und wie sehr die Vögel auch versuchen, Zeit zu gewinnen, indem sie die Dauer der Pausen während der Reise reduzieren, so geht doch allmählich jene perfekte Synchronität zwischen der Ankunft der Zugvögel in den Brutquartieren, dem Schlüpfen der Küken und dem Höhepunkt des Nahrungsüberflusses, verloren, die sich in Tausenden Jahren entwickelt hat. Der Klimawandel ist zudem schon längst im Begriff, die Meeresströmungen und die für viele im Meer wandernde Tiere lebensnotwendigen Nahrungsstationen zu ändern, ganz zu schweigen von der Eisschmelze in der Antarktis, von der auch zwei weitere Wandertierarten betroffen sind: die Kaiserpinguine und die Adeliepinguine.

Wenn wir die Wandertiere verlieren, verlieren wir nicht nur Artenvielfalt. Wir verlieren auch viele Vorteile, die wir aus unserer Umwelt beziehen: Die Zugvögel befreien uns von Pflanzenschädlingen und anderen Insekten, die für den Menschen schädlich sind, wie Stechmücken. Eine Schwalbe etwa kann Tausende Mücken am Tag fressen. Von den Wandertieren hängt auch die Wirtschaft vieler Länder ab: nicht nur der Fischfang – denken wir an den Roten Thun, die Sardinen, die isländischen Lodden, die Lachse –, sondern auch der Tourismussektor: Vom Birdwatching zum Whalewatching bis zur Eiablage und dem Ausschlüpfen der verschiedenen Arten von Meeresschildkröten. All das sind Ereignisse, die eine nicht unerhebliche Menge Touristen anlocken. Und schließlich würden wir ohne Wandertiere auch einige Landschaften verlieren: vom Regenwald der Weihnachtsinsel, der von den Roten Landkrabben bearbeitet wird, zur Savanne zwischen Kenia und Tansania, die von den Gnus gedüngt wird, bis zur Tundra, die von Rentieren und Karibus „bewirtschaftet“ wird. Wenn wir die Wandertiere verlieren, verlieren wir also nicht nur Bruttoinlandsprodukte, sondern am Ende auch die Schönheit unserer Welt.

Aus dem Italienischen von Werner Menapace



Ähnliche Artikel

Körper (Thema: Körper)

Der variable Code

von Bruce H. Lipton

Selbst unsere Gene sind veränderbar: Wie Gefühle und Erfahrungen unseren Körper steuern

mehr


Das Paradies der anderen (Was anderswo ganz anders ist)

Sägefische als Ahnen

von Ruth Leeney

Über ein besonderes Tier in Australien

mehr


Endlich! (Was anderswo ganz anders ist)

Stolzer Wappenvogel

von Melanie Taylor

Über ein besonderes Tier aus Panama 

mehr


Körper (Thema: Körper)

Mensch sein

von Richard Shusterman

Wir sind mehr als Vernunft und Sprache: Warum der Körper unser wichtigstes Werkzeug ist

mehr


Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten (Was anderswo ganz anders ist)

Schön, geschickt, freiheitsliebend

von Shou Aziz

Über ein besonderes Tier im Nordirak

mehr


Talking about a revolution (Was anderswo ganz anders ist)

Aus Liebe zur Kuh

von Ochan Hannington

Über ein besonderes Tier aus Südsudan

mehr