Das Ende des Aufbruchs

Von Amira El Ahl

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

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Grafitti in Ägypten auf dem „Al Jazeera“ steht, 2011. Foto: Magnum Photos


Jörg Armbruster beginnt sein Buch da, wo alles seinen Anfang nahm. Er nimmt uns mit auf den Tahrir-Platz in Kairo, im Herzen der Stadt, und gleich ist man mittendrin in diesem lauten, dreckigen, chaotischen Moloch der Millionenmetropole am Nil.

Doch der ehemalige ARD-Fernsehkorrespondent Armbruster erzählt auf den ersten Seiten seines Buches „Die Erben der Revolution“ nicht von Euphorie, die diesen Platz durchflutete in den Tagen und Wochen nach dem 25. Januar 2011. Es ist die bittere Realität, von der er pünktlich zum zehnten Jahrestag des Arabischen Frühlings berichtet, von der Überwachung und der Repression, der sich niemand entziehen kann.

Heute sind schätzungsweise 60.000 politische Gefangene in Ägypten in Haft: Aktivistinnen, Oppositionelle und Journalisten, ohne Hoffnung auf ein faires, rechtsstaatliches Verfahren. Viele sitzen Jahre ohne Anklage und unter unsäglichen Bedingungen in ägyptischen Kerkern. Heute kommt es in dem Land fast einer Sünde gleich, über die Revolution zu reden. Auch in den Medien war der zehnte Jahrestag kaum ein Thema. Die Euphorie des Jahres 2011 ist längst einer kollektiven Depression gewichen. „Das Land ist mental komplett am Ende“, sagt ein Filmemacher aus Kairo. Seinen Namen will er nicht nennen. Denn offen über die Revolution, den Präsidenten Al-Sisi oder das Regime reden die meisten Ägypterinnen und Ägypter aus Angst vor Repressionen schon lange nicht mehr.

Umso erstaunlicher ist es, dass es Armbruster trotzdem gelungen ist, mit zahlreichen Akteuren der Revolution in Ägypten zu sprechen, die ihm Auskunft über die Lage im Land gegeben haben. „Die Repressionswelle, die das Land seit 2013 erlebt, ist in der Geschichte Ägyptens beispiellos“, schreibt Armbruster und zitiert den ägyptischen Anwalt und Menschenrechtsaktivisten Gamal Eid: „Al-Sisi ist der Meinung, dass der Arabische Frühling 2011 nur entstehen konnte, weil Mubarak zu wenig Repression eingesetzt hat. Deswegen lässt er seine Polizei viel schärfer gegen Oppositionelle vorgehen, als es Mubarak je getan hat.“ Eid weiß, wovon er redet. Er verteidigt seit 1994 Aktivisten und hat schon viele Demonstrationen miterlebt.

Armbruster kommt auch deshalb so nah heran an die Protagonisten der Arabellion, weil er lange in der Region gelebt und gearbeitet hat. Seine große Sympathie für den Nahen Osten ist dem Buch anzumerken. Seine Analyse ist klar und für den Westen oft beschämend treffsicher. Denn rühmlich ist die Rolle, die die EU und vor allem Deutschland in der Region spielen, wahrlich nicht, wie Armbruster sehr deutlich herausarbeitet. Bis heute rüsten die EU-Mitglieder die arabischen Autokraten mit allem aus, was diese zum Überleben brauchen, seien es Wasserwerfer oder modernste Ausspähtechnik.

Als ARD-Korrespondent stand der 73-Jährige immer für eine klare, vorurteilsfreie und vor allem hysteriefreie Berichterstattung. Seine Glaubwürdigkeit und Expertise machen die Reise, auf die er sich für sein neuestes Buch durch Ägypten, den Sudan und Tunesien begeben hat, und die damit verbundene Frage, was vom Arabischen Frühling bleibt, so interessant, aufschlussreich und kurzweilig.

Trotzdem stellt sich die Frage, warum Armbruster gerade diese drei Länder ausgewählt hat. In einem Interview in der „Süddeutschen Zeitung“ erklärt er dazu: „Ägypten war das größte Land. In Tunesien begann es, es ist das Land, das am ehesten als Demokratie angesehen werden kann. Und im Sudan war ich als Korrespondent sehr viel, und dort gab es 2011 und 2012 ebenfalls Aufstände. Nur haben wir sie damals nicht wahrgenommen.“

„Revolutionen brechen nicht aus heiterem Himmel aus“

Vermutlich wäre es auch kaum möglich, eine umfassende Analyse über alle Länder der arabischen Welt zu schreiben, in denen ab 2010 die Menschen gegen ihre Machthaber auf die Straße gingen. Zu unterschiedlich sind die Ausgangspositionen, zu unterschiedlich die heutigen Situationen.

Armbruster beginnt seine Erzählung in Ägypten, wo er hautnah die Entwicklung der Revolution 2011 beobachtet hat. Er schaut zunächst zurück und gibt den Lesenden damit die Chance zu begreifen, was zu den Protesten geführt hat. Denn natürlich gibt es eine Vorgeschichte in allen drei Ländern. Revolutionen brechen nicht aus heiterem Himmel aus. Armbruster eröffnet seinen Lesern die Möglichkeit, einen tieferen Einblick in die korrupten und repressiven Strukturen Ägyptens, des Sudans und Tunesiens vor den Aufständen zu bekommen und zu verstehen, warum sich die Menschen aufgelehnt haben.

In allen drei Ländern haben dabei Frauen einen entscheidenden Anteil an den Entwicklungen in den Jahren vor und bei den Protesten gespielt. „Wir haben die Lähmung der Mubarak-Zeit mit dem 25. Januar überwunden“, zitiert Armbruster die ägyptische Schriftstellerin und Psychiaterin Basma Abdel Aziz. „Wir haben damals unsere Furcht überwunden. Und besonders Frauen spielten dabei eine wichtige Rolle“.

Den Frauen von Al-Daraisa, dem Stadtteil der sudanesischen Hauptstadt Khartum, der beim Ausbruch der Proteste von 2018 eine Vorreiterrolle spielte, widmet Armbruster das erste Kapitel über die Revolution im Sudan. Er zeigt hier am Beispiel von Fatima Ahmed Ibrahim, die 1965 als erste weibliche Abgeordnete ins Parlament gewählt wurde und die Sudanesische Frauenunion gründete, dass der Einfluss der Frauen weit in die Geschichte zurückreicht. Auch im ersten Kapitel über Tunesien schaut er auf eine der wichtigsten Protagonistinnen des Arabischen Frühlings. Lina Ben Mhenni war nicht nur eine der einflussreichsten Bloggerinnen des Landes, ihre Stimme wurde auch weit über die Grenzen Tunesiens gehört. Lange vor den Aufständen 2010 hatte sie sich mit Bloggern der gesamten arabischen Welt vernetzt. Ihr Aufbegehren führte schließlich dazu, dass sich eine ganze Generation ermutigt fühlte, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen.

„Die Jugend hat die Freiheit gekostet. Daran kann der Staat nichts ändern“

Doch Frauen haben nicht nur im Sudan und in Tunesien eine entscheidende Rolle bei den Revolutionen gespielt. Auch in Ägypten waren es zu einem großen Teil Frauen, die zu den Demonstrationen am 25. Januar aufriefen. Ein prominentes Beispiel ist Asmaa Mahfuz, politische Aktivistin, Bloggerin und Mitbegründerin der Jugendbewegung des 6. April sowie eines der bekanntesten Mitglieder der „Coalition of the Youth of the Revolution“. Mit ihrem Video vom 18. Januar 2011, mit ihrem mutigen „Nein“ zum korrupten Mubarak-Regime, ihrer Forderung nach Freiheit, demokratischen Grundrechten und sozialer Gerechtigkeit trug sie wesentlich dazu bei, dass sich Hunderttausende Ägypter gegen das seit dreißig Jahren auf ihnen lastende Regime erhoben und es zu Fall brachten.

Auch Israa Abdel Fatah, politische Aktivistin und eine weitere Mitbegründerin der Bewegung des 6. April, die für den Friedensnobelpreis 2011 vorgeschlagen war, machte ihrem Unmut Luft. Sie und andere Frauen schrieben auf Facebook und Twitter vor den geplanten Demonstrationen folgenden Satz: „Ich bin eine Frau, ich werde auf die Straße gehen und demonstrieren. Bist du Mann genug, mit mir zu demonstrieren und mich zu beschützen?“ Eine gezielte Provokation, mit der die Aktivistinnen spielten. Sie bereiteten das vor, was wohl das wichtigste Element von Online-Aktivismus ist: die Bewegung auf die Straße zu bringen.

In der Vorgeschichte zu den Protesten in Ägypten bekommen diese jungen Frauen bei Armbruster jedoch leider keine Stimme. Hier sind es ihre männlichen Mitstreiter, Wael Abbas, Ahmed Maher und Wael Ghonim, deren Geschichten Armbruster erzählt. Alle drei waren und sind wichtige Protagonisten der Revolution, aber ohne die Frauen an ihrer Seite und deren Mut, offen in den sozialen Netzwerken zum Protest aufzurufen, wäre die Bewegung nur halb so stark gewesen.

Natürlich ist aber auch Armbruster die exponierte Rolle der Frauen im heutigen Ägypten durchaus bewusst. So trifft er sich in Kairo mit der Gründerin des Nadim-Zentrums für Folteropfer, Aida Seif al-Dawla, der Schriftstellerin Basma Abdel Aziz und der Journalistin Lina Attalah. Ihr und ihrer Onlinezeitung „Mada Masr“ widmet er ein ganzes Kapitel. Attalah und ihr Team trotzen seit Jahren den Repressionen des ägyptischen Regimes. „›Mada Masr‹ gehört zum Feinsten und Tapfersten, was an Medien gegenwärtig in Ägypten publiziert wird“, schreibt Armbruster. Und tatsächlich kommt es einem Wunder gleich, dass die Chefredakteurin Attalah noch nicht in einem Gefängnis sitzt und dass sie und ihr Team weiterhin publizieren können. Erst kürzlich wurde sie zum Ehrenmitglied des PEN Deutschland berufen.

Armbruster beleuchtet in „Die Erben der Revolution“ auch, was demokratischer Wandel bedeutet und wie lange er dauern kann. Allein in Deutschland habe sich dieser Prozess von der ersten Revolution 1848 bis zur Gründung der Bundesrepublik 1949 über 101 Jahre erstreckt, rechnet er vor. Daher sei es arrogant, mit Abschätzung auf die arabische Welt zu schauen und ihren Versuch, ein demokratisches System zu etablieren, als gescheitert zu bezeichnen.

„Wir sind noch nicht fertig“, zitiert Armbruster die jungen Menschen in der arabischen Welt. Das soll Hoffnung geben. Hoffnung, dass trotz der fortwährenden Unterdrückung vor zehn Jahren etwas in Bewegung geraten ist, das sich nicht umkehren lässt. Die Jugend hat die Freiheit gekostet. Daran kann auch die Paranoia und die Brutalität des Überwachungsstaats, von dem Armbruster erzählt, nichts mehr ändern.

Die Erinnerung an den 25. Januar 2011 sei ihm Ansporn, nicht aufzugeben, schreibt Armbruster über den ägyptischen Menschenrechtsanwalt Gamal Eid. „Wir müssen einfach weitermachen.“ So ist auch das Fazit Armbrusters ein positives. „Nach wie vor“, schreibt er, „sind also junge arabische Menschen bereit, dafür zu kämpfen, dass aus rechtlosen Untertanen mündige Staatsbürger werden, und dies ist wohl das eigentliche Erbe der Revolutionen von 2011.“

Die Erben der Revolution. Was bleibt vom Arabischen Frühling? Von Jörg Armbruster. Hoffmann & Campe, Hamburg, 2021.



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