Pferde umarmen

von Sean Riley

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

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Ein Teilnehmer des Programms Warrior PATHH der Organisation Gratitude America in Florida entspannt sich auf dem Rücken eines Pferdes. Foto: Gratitude America


Ich war 19 Jahre alt, als ich von der High-school direkt zum Militär ging. Der Schwerpunkt meiner Ausbildung lag auf Spezialeinsätzen. Ich diente in Fort Benning in Georgia, beim 3rd Ranger Battalion. Als Captain führte ich ein Team von Soldaten und wurde zu insgesamt vier internationalen Kampfeinsätzen gerufen. Was ich bei diesen Einsätzen erlebte, hatte schwere Auswirkungen auf mich. Erst viele Jahre später gelang es mir, mithilfe eines Therapieprogramms, das mit Pferden arbeitet, nach diesen traumatischen Erlebnissen zurück ins Leben zu finden.

Meinen ersten Einsatz im Ausland hatte ich von August bis Oktober 1993: Wir sollten UN-Hilfskonvois in Mogadischu beschützen. Die somalische Bevölkerung stand damals kurz vor dem Verhungern.  Am 3. Oktober wurden wir in schwere Gefechte verwickelt. 18 Rangers und Delta-Force-Soldaten kamen ums Leben, 93 weitere wurden verletzt. Wir kämpften 14 Stunden lang. Ich war Anfang zwanzig und habe Dinge getan und gesehen, die kein Zwanzigjähriger je erleben sollte. 

Nach meinem Militärdienst kämpfte ich 15 Jahre lang mit dem Alkohol. Ich war zweimal verheiratet und wurde genauso oft geschieden. In der Geschäftswelt war ich zwar recht erfolgreich unterwegs, wechselte aber häufig den Job, weil ich etwas suchte, das ich nie wiederfinden sollte: die Kameradschaft, die ich im Militär erlebt hatte. Während meiner dritten Ehe kam es zu einem Erlebnis, das alles änderte. Ich hatte einem Flashback. Mein sechsjähriger Sohn weckte mich aus einem Albtraum. Ich packte ihn am Hals und warf ihn quer durch das ganze Zimmer, bis an die Wand. Ich war nicht mehr in meiner Heimat Florida. In meinem Kopf war ich wieder in Somalia.

„Die Diagnose: posttraumatischer Stress, von nun an Therapie“ 

Dieses Erlebnis hat mich emotional so fertiggemacht, dass ich mir das Leben nehmen wollte. Ich wollte meiner Familie einfach nicht weiter zur Last fallen. Ich schluckte einige der Pillen, die ich wegen meiner Kriegsverletzungen bekommen hatte. Später wachte ich in einem Krankenhauszimmer auf. Die Diagnose: posttraumatischer Stress, von nun an Therapie. Mein Therapeut riet mir, an dem Programm Warrior PATHH bei der Boulder Crest Foundation in Bluemont in Virginia teilzunehmen, was ich im Jahr 2015 auch tat. Das Programm hilft Soldaten und Rettungssanitätern bei ihrem posttraumatischen Persönlichkeitswachstum. In 48 Modulen werden 31 Übungen durchgeführt, die von Trainern begleitet werden. Nach dem Abschluss wird man über eine Onlineplattform weiterbetreut. 

Pferdetraining ist ein besonders wichtiger Teil des Programms. Veteranen wie ich lernen dabei noch einmal neu, wie sie Beziehungen eingehen können. Denn durch die Einsätze verlieren viele ihr Gespür für das Zwischenmenschliche. Pferde können dabei helfen, dieses Gespür wieder aufzubauen, denn sie nehmen Menschen in die Pflicht. Sie merken genau, ob unsere Gefühle ihnen gegenüber authentisch sind, ob wir uns ihnen angemessen nähern, sie vorsichtig behandeln. Wer wütend ist oder deprimiert, der wird beim Pferd keine guten Karten haben. Nur mit Ruhe kommt man an die Tiere heran. Mein erstes Pferd hieß Danny Boy. Ich hatte vorher nichts mit Pferden am Hut und war etwas ehrfürchtig, als ich auf ihn zulief. Zuerst sollte ich ihn putzen. Als ich anfing ihn zu bürsten, merkte ich, dass ich vor nichts Angst haben musste. Wir freundeten uns an. 

„Pferde helfen, dass wir Veteranen uns unserer selbst bewusster werden“ 

Dank unserer Erlebnisse im Einsatz sind wir Veteranen oft voller Angst. Viele von uns isolieren sich im Alltag, vor lauter Furcht, dass wir in Situationen kommen könnten, in denen uns die Angstgefühle übermannen. Noch dazu wird es in unserer Gesellschaft als Schwäche angesehen, wenn Veteranen Angst zeigen. Pferde helfen, dass wir Veteranen uns unserer selbst bewusster werden. Mit der langsamen ersten Annäherung im Training konnte ich meine Angst vor den Pferden überwinden und Danny Boy sogar Zaumzeug und Leine anlegen. Alle Übungen mit den Pferden werden direkt mit dem eigenen Familienleben verknüpft. Denn viele Soldaten, die aus Kampfeinsätzen zurückkehren, tendieren dazu, ihre Familie wie Soldaten zu behandeln und sie zu befehligen. Besonders die Kinder müssen aber Fehler machen dürfen. Sie brauchen einen Vater, von dem sie lernen können und keinen aggressiven, diktatorischen Soldaten. Die Arbeit mit den Tieren erlaubt es uns, unser Handeln zu reflektieren. 

Eine Übung nennt sich „Pressure and Release“: Dabei positioniere ich mich dem Pferd gegenüber und halte eine Leine, in der anderen Hand eine Peitsche. Ich rufe mehrfach „zurück“ und das Pferd läuft langsam weg von mir. Dabei erklärt der Trainer, dass das Pferd die gleiche Reaktion zeige wie meine Familienmitglieder, wenn ich wütend bin, wenn ich überreagiere und schreie, anstatt mich angemessen zu verhalten. Denn damit übe ich Druck auf sie aus. Sobald sich das Pferd entfernt hat, kann man sich zur Seite drehen, den Kopf und die Schultern senken, um dem Tier eine unterwürfige Haltung zu signalisieren. Das nimmt dem Pferd den Druck, es erkennt, dass man ihm nichts tun will. In diesem Augenblick wird das Pferd zu dir zurückkommen und das ist ein sehr starker Moment. Als Trainer habe ich Rangers, Navy SEALs, Militärs der höchsten Ränge miterlebt, wie sie in diesem Moment in Tränen ausbrechen und die Pferde umarmen müssen.

Wenn Veteranen es schaffen, auch im echten Leben den Druck abzubauen, dann können sie wieder bedeutsame Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen – auch außerhalb des Militärs. Das ist nicht leicht, denn Soldaten werden darauf trainiert zu reagieren. Sie müssen auf direkten Beschuss reagieren, auf Feindkontakt. Wer zu lange überlegt, stirbt. Wenn man das jahrelang in einem fremden Land macht, ist es sehr schwer, den Schritt von der puren Reaktion zurück zu angemessener Resonanz zu machen. Alltägliche Situationen werden zur Herausforderung – etwa, wenn du am Wochenende mit deinem vierjährigen Kind beim Fußball bist und plötzlich ein Ball kommt. 

„Die Verbindung zu Pferden hat mich zurück ins Leben geholt, zurück in die Gesellschaft“ 

Die Arbeit mit den Pferden hat mir geholfen, mich selbst besser zu verstehen. Und ich merkte, dass ich auch weiterhin mit Pferden arbeiten wollte. So konnte ich mich weiterentwickeln, als Vater und Ehemann, bei der Arbeit und als Zivilist. Ich wollte mich nicht länger nur auf den kämpferischen, soldatischen Teil meiner Identität reduzieren. Heute arbeite ich in Vollzeit als Leiter des Pferdeprogramms und in der Öffentlichkeitsarbeit einer Non-Profit-Vereinigung namens Gratitude America. Dort bieten wir auch das Warrior-PATHH-Programm an. Zwischen Mai und Oktober 2020 mussten wir aufgrund der Covid-19-Pandemie den Betrieb einstellen. Die Selbstmordrate unter Veteranen liegt in den USA bei ungefähr 22 Fällen am Tag. Wenn die Regierung eine solche Selbstisolation wie in der Pandemie anordnet, dann fallen Veteranen durch das Raster. Sie brauchen Hilfe. Darum setzten wir uns beim Aufsichtsrat dafür ein, das Programm weiterlaufen zu lassen, was wir unter Beachtung der Hygieneregeln ab Oktober 2020 wieder durften.

Eine der letzten Übungen, die wir zum Ende des Programms mit den Veteranen durchführen, heißt „Opportunity Road“. Die einstigen Soldaten bauen mit weißen Plastikrohren einen Pfad mit einem Eingang, einem Ausgang und zwei Kurven. Als Trainer beobachte ich die Veteranengruppe und schaue, wie alle zusammenarbeiten: Gehen sie aufeinander ein? Reagieren sie gestresst? Geben sie nur Befehle oder arbeiten sie Hand in Hand, um die Aufgabe zu lösen? Das Pferd wird innerhalb der weißen Rohre durch den Pfad geführt. Die Veteranen müssen sich gegenseitig die Leine zuwerfen, um einander die Führung des Pferdes zu übergeben. Nach jedem Durchlauf wird der Schwierigkeitsgrad erhöht. Am Ende der Übung benennen die Teilnehmer das größte Hindernis im „echten“ Leben, das sie nach dem Training überwinden wollen. Mein Ziel war es damals, die Beziehung mit meinem Sohn nach meinem gewalttätigen Flashback in Ordnung zu bringen. Zum Glück ist das auch gelungen: Ich habe meinem Sohn gesagt, wie sehr mir meine extreme Reaktion leidtat und ihm erklärt, wie die Arbeit mit Pferden mir hilft. Schlimme Albträume habe ich kaum noch. Und ich habe meinem Sohn versprochen, dass ich weiter an mir arbeiten werde, damit er keine Angst vor seinem Papa haben muss. 

Mittlerweile habe ich mein eigenes Pferd, das ich jeden Tag sehen kann. Sie heißt Rosie. Meine Tochter reitet sie oft, ich nur ab und zu. Meistens putze und striegle ich Rosie nur. Ich umarme sie, schmuse ein bisschen oder spreche mit ihr, wenn ich jemanden zum Reden brauche. Die Verbindung zu Pferden hat mich zurück ins Leben geholt, zurück in die Gesellschaft und zur Arbeit. Endlich kann ich wieder ohne Angst alles machen, was andere Leute ganz selbstverständlich jeden Tag tun. Noch bin ich nicht ganz geheilt. Aber ich bin fest überzeugt, dass ich auf einem guten Weg bin.

Protokolliert von Fabian Ebeling



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