„Wir bringen viel zu viele Tiere zu nah zueinander“

ein Interview mit Donal Bisanzio

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

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Foto: Tim Flach


Herr Bisanzio, das Coronavirus wurde vermutlich von Wildtieren auf den Menschen übertragen. Den genauen Ursprung untersucht gerade ein Team der Weltgesundheitsorganisation. In Russland haben sich nun erstmals Menschen mit dem Vogelgrippe-Virus H5N8 angesteckt. Leben wir zu eng mit Tieren zusammen?

Wir leben schon seit Tausenden von Jahren in der Nähe zu Tieren. Das viel größere Problem ist, dass wir zu viele Tiere nah zueinander bringen, die in der Natur weit voneinander entfernt leben. Den Ursprung des Coronavirus kennen wir noch nicht genau. Aber wir wissen, dass wir dort, wo wir Tiere auf unnatürliche Weise zusammenbringen, das Risiko einer Übertragung steigern. Wenn man Märkte in Südostasien, in Afrika, Südamerika und auch in Europa und den USA besucht, sieht man dort viele unterschiedliche Spezies dicht beieinander. Erreger können dann buchstäblich von einer Spezies auf eine andere springen. Das ist, als würden Sie ins Casino gehen: Wenn Sie jeden Tag Roulette spielen und immer auf dieselbe Zahl setzen, werden Sie natürlich irgendwann gewinnen. Auch wenn es bei einem Virus natürlich kein Gewinn ist.

Welche anderen Faktoren begünstigen die Übertragung von Krankheiten von Tier zu Mensch? 

Studien haben aufgezeigt, dass viele der in den vergangenen Jahrzehnten dokumentierten Zoonosen – das sind Krankheitserreger, die von Tieren auf Menschen übertragen werden – mit von Menschen verursachten Umweltstörungen zusammenhängen. Der Verlust der biologischen Vielfalt kann das Risiko einer Übertragung von Viren und anderen Erregern erhöhen. Wenn einige Arten aussterben und sich dafür andere vermehren, kann dieser Verlust der biologischen Vielfalt zu einer Zunahme mancher Tierarten führen, die ideale Wirtstiere für manche Zoonoseerreger sind. Eine weitere Vermehrung dieser Wirtstiere erhöht dann das Risiko, dass Krankheitserreger auch den Menschen infizieren. So können sich einzelne Erreger massiv ausbreiten. Auch kommen wilde Tiere, die keine natürlichen Feinde mehr haben, uns und unseren domestizierten Tieren näher als früher. Vor ein paar Tagen blickte ich hier in Nottingham aus meinem Fenster und sah einen Fuchs, der in der Nachbarschaft herumlief. Das passiert in großen Städten immer öfter. Ein anderes Beispiel aus Europa und Nordamerika ist das Rotwild, das in die Nähe von Viehweiden kommt. 

Wie gelangen die Erreger dann von den Tieren auf uns Menschen?

In Piemont in Italien habe ich mit Kollegen der Universität Turin die Übertragung der Blauzungenkrankheit erforscht. Insekten übertragen den Erreger vom Rotwild auf domestizierte Wiederkäuer wie Kühe. Wir fanden heraus, dass dort, wo die Krankheit in der Rotwildpopulation ausbricht, im Jahr danach ein erhöhtes Risiko für einen Ausbruch bei den domestizierten Tieren besteht. Dadurch entsteht auch ein Infektionsrisiko für die Landwirte. Wissen Sie, wir nennen uns »Menschen«, dabei sind wir doch auch Tiere. Wir sind Teil dieser Evolutionskette und damit potenzielle Wirte für genau dieselben Erreger.

Was macht Krankheitserreger wie Viren oder Bakterien so gefährlich – auch in globalem Maße wie in der Corona-Pandemie?

Erreger wie Viren oder Bakterien sind darauf programmiert, zu überleben. Wenn sie in eine neue Umgebung gelangen, passen sie sich sehr gut an. Jedes Mal, wenn ein Erreger von einem Individuum auf ein anderes springt, besteht die Möglichkeit einer Mutation. Stellen Sie sich den menschlichen Körper als neues Territorium für diese Erreger vor: Das Coronavirus zum Beispiel gelangte vom Körper eines Tieres zum Menschen, mutierte und wird nun auch von Mensch zu Mensch übertragen. Auf diese Weise entstehen auch Antibiotika-Resistenzen. Die Bakterien wollen überleben und mutieren, um dem Antibiotikum zu entkommen. Die Gefahr, die von solchen Erregern ausgeht, ist deshalb sehr groß, vielleicht die größte Gefahr für uns Menschen in der Zukunft.

Sie selbst erforschen seit vielen Jahren verschiedene Zoonosen, hauptsächlich in Europa und den USA. Um welche Krankheiten geht es dabei?

Ich habe sehr viel zu Lyme-Borreliose geforscht. Diese Krankheit wird durch von Zecken übertragene Bakterien verursacht. Sie ist vor allem in Europa und in den USA verbreitet. Während eines Vogelgrippe-Ausbruchs in Italien untersuchte ich außerdem, ob Greifvögel in Zoos mit dem Virus in Kontakt waren. Und ich habe jetzt mehr als 15 Jahre lang verschiedene Vektoren untersucht. 

Was sind Vektoren?

Vektoren wie Zecken oder Stechmücken übertragen die Erreger von Infektionskrankheiten. Nehmen wir das Beispiel des West-Nil-Virus: Seine hauptsächlichen Vektoren sind Mücken. Das Erregerreservoir, also der Ort oder das Wirtstier, an dem das Virus sich sammelt und vermehrt, sind Vögel. Mücken stechen zum Beispiel sowohl Vögel als auch Säugetiere wie Menschen, Hunde oder Pferde. Bei diesen kann die Krankheit dann mit Fieber- und Grippesymptomen ausbrechen. 

Warum ist es wichtig, die Vektoren zu untersuchen?

Wenn ein solcher Zusammenhang festgestellt wird, ist es leichter, die Kontrolle zu stärken. Im Fall der Blauzungenkrankheit ist es genauso: Wenn man feststellt, dass das Rotwild erkrankt und stirbt, muss man die Kontrolle der Herstellungskette der tierischen Produkte hochfahren, in dem Fall im Rinderzuchtbetrieb. Man muss einen Ring um diese Region markieren und die Ausbreitung der Krankheit verhindern.

Sie meinen also, die Lösung ist eine bessere Kontrolle?

Aus meiner Sicht als Tierarzt ist es sehr wichtig, dass wir ein gutes Monitoringsystem entwickeln. Wenn Tierhaltung und Fleischproduktion gut reguliert werden, dann ist das Risiko eines größeren Infektionsausbruchs sehr gering. Das zeigen Beispiele aus Südeuropa. Erkrankungen aufgrund von Salmonellen oder E.-Coli-Bakterien können dort schnell und einfach bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgt werden. Sobald die Fleischproduktion nicht gut reguliert ist oder Fleisch quasi aus dem Wald direkt auf dem Teller landet, gibt es Probleme. Denn die Erreger können nicht nur durch lebendige Tiere übertragen werden, sondern auch durch tote. So war es auch mit Ebola: Fleisch von wilden Tieren wurde auf Märkten verkauft. Der Erreger verbreitete sich und die Krankheit brach erst in abgelegenen Regionen, dann auch in den Städten aus. Deshalb ist Kontrolle so wichtig.

Wie funktioniert ein solches Kontrollsystem?

Anhand eines Codes, also einer einzigartigen Nummer, kann die gesamte Produktionskette zurückverfolgt werden, über den Schlachter, den Zuchtbetrieb und die Tierherde bis zu jedem einzelnen Tier. Kühe haben zum Beispiel diese Ohrringe, auf denen ihr Code steht. Das verhindert natürlich nicht, dass etwas passiert. Aber in diesem Fall findet man über das System sehr schnell die Quelle der Erreger und kann sie eindämmen. 

Was lässt sich auf dieser Grundlage über zukünftige Zoonosen sagen?

Es ist schwierig, die nächste Zoonose vorherzusagen. Während meiner Tierarztausbildung habe ich gelernt, immer das Risiko in einer Reaktionskette zu bewerten. Dass ein Risiko von Vögeln oder Schweinen ausgeht, wissen wir bereits. Aber ich kann Ihnen nicht sagen: »Nächstes Mal ist es eine Schlange.« Wir kennen noch nicht einmal das Reservoir, also das Tier, von dem das Coronavirus übertragen wurde. Aber was wir tun können, ist, ein gutes Kontrollsystem aufzubauen. Wenn dann ein Erreger auftaucht, können wir seine Ausbreitung schneller analysieren und stoppen.

Ist die Corona-Pandemie also nur ein Vorbote für weitere gefährliche Zoonosen? 

Ja, auch wenn ich nicht weiß, inwiefern. Ob es nächstes Mal eine leichter zu bekämpfende Krankheit oder eine noch größere Herausforderung wird, kann man nicht vorhersehen. Eine Pandemie dieses Ausmaßes hat niemand kommen sehen, auch wenn Forschende lange Zeit über »Krankheit X« gesprochen haben. Wir waren vorbereitet, aber nicht gut genug. Es gab keine einheitliche Reaktion auf das Virus, jedes Land hat seine eigenen Regeln befolgt. Wir müssen dazulernen.



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