Wir sind dafür, dass Graffiti legalisiert wird

Ein Kommentar von Katya Assaf, Tim Schnetgöke

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

Graffiti auf einer Berliner S-Bahn -

Graffiti auf einer Berliner S-Bahn. Foto: Tim Schnetgöke


Gleichheit und Meinungsfreiheit sind grundlegende demokratische Werte. Kombiniert man sie, bedeutet das: Jeder und jede hat ein gleiches Recht auf Meinungsfreiheit. Doch während immer wieder vom Recht auf Meinungsfreiheit die Rede ist, sieht es mit der Chance, gehört zu werden, ganz anders aus. Tatsächlich werden etwa die Massenmedien nur von einigen wenigen gestaltet und die sozialen Medien bevorzugen vor allem populäre Inhalte und orientieren sich an Benutzerpräferenzen.

Die beste Möglichkeit, ein breites Publikum zu erreichen, bietet deshalb der öffentliche Raum der Stadt. Hier ist das Recht, zu demonstrieren oder Flugblätter zu verteilen – zumindest in Demokratien –, gewährleistet. Doch sind dies meist nur zeitlich begrenzte, schnell vergessene Aktionen. Was unsere Wahrnehmung wesentlich mehr prägt, sind die dauerhaften Elemente der urbanen Landschaft: die unendlichen Reihen von Schaufenstern und die allgegenwärtige Werbung, die keinen Zweifel daran lassen, dass Konsum eine ausschlaggebende Rolle in unserem Leben spielen soll; Wahlkampagnen, die uns in der Auffassung bestätigen, dass soziale Partizipation darin besteht, aus den existierenden politischen Optionen zu wählen; beauftragte Skulpturen und Wandbilder, die uns beibringen, was „echte Kunst“ ist. Selbst die sauberen Hauswände vermitteln eine Botschaft. Sie erzählen, dass der öffentliche Raum von uns zwar genutzt, aber nicht mitgestaltet werden darf.

„Dasselbe Werk kann in einem Museum als Kunst, auf einer Hauswand jedoch als Vandalismus gelten“

Doch was, wenn wir über die gewohnte Vorstellung rechtlicher Ordnung hinausdenken? Wenn nicht eine kleine Gruppe von Politikern, Immobilienbesitzern und Unternehmen entscheiden würde, wie unser gemeinsamer Raum gestaltet werden soll, sondern wir alle? Was, wenn sich Eigentumsrechte nicht mehr in den öffentlichen Raum erstrecken, sondern auf innere Räume begrenzen würden? Denn die offizielle urbane Landschaft stößt ja auf Widerstand. Vor allem Graffitis durchbrechen ihre herrschenden Narrative und beanspruchen ein eigenes Recht auf die Stadt. Was, wenn diese privaten Beiträge zur Stadtgestaltung legal wären und nicht durch das Rechtssystem bestraft würden?

Dies würde jedem ein wirklich gleiches Recht auf Meinungsäußerung geben: ein Recht, die Stadt mitzugestalten und damit die eigene Welt zu teilen und die der anderen wahrnehmen zu können. Dies würde das Verständnis zwischen sozialen Gruppen fördern. Wie die „Black Lives Matter“-Bewegung zuletzt zeigte, dauert es mitunter noch viel zu lange, bis soziale Ungerechtigkeiten von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden. In einer Stadt voller Meinungsäußerungen wäre das womöglich anders.

Wir stellen uns eine Stadt vor, die aus Collagen besteht, eine Stadt, die Platz für die Meinungen und künstlerischen Ausdrucksweisen ihrer Einwohnerinnen und Einwohner schafft. Nach einer Eingewöhnungsphase würde uns eine solche bunte urbane Landschaft weder unordentlich noch schmutzig erscheinen. Denn Schmutz ist etwas, was sich am falschen Platz befindet. Schon heute kann ja ein und dasselbe Werk in einem Museum als Kunst und auf einer Hauswand als Vandalismus wahrgenommen werden. Wenn wir jedoch erwarten würden, auf Hauswänden auch Bilder und Schriften zu finden, dann würden wir sie bald eher begrüßen als ablehnen. Auch die Kunstwelt würde davon profitieren. Denn heute ist sie durch die Dominanz des Marktes und der Kunstexperten gekennzeichnet. Raum für wahrhaftig freie künstlerische Äußerung bleibt da wenig. Dabei ist diese Aufgabe der Kunst besonders wertvoll, denn sie kann existierende ästhetische Normen hinterfragen.

Doch wie könnte ein erster Schritt in Richtung eines Rechts, die eigene Stadt mitzugestalten, konkret aussehen? Zu dieser Frage planen wir derzeit ein Projekt in Berlin. Dabei sollen alle Bürgerinnen und Bürger die Chance bekommen, ihre eigenen Beiträge auf Zügen und anderen Verkehrsmitteln zu präsentieren. Diese Beiträge können beliebige Formen annehmen – zum Beispiel als Bild, Foto, Witz, Gedicht oder Spruch. Damit würde Berlin zur ersten Stadt der Welt, die es einzelnen Menschen, welche weder berühmt noch reich sind, ermöglicht, ihre Botschaften allen Mitbürgern auf eine sichtbare und auffällige Weise zu vermitteln.

Mehr Info unter: www.dubistamzug.org



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