Das Hotel der Autorinnen

von Leonie Düngefeld

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

Frauen, die schreiben. Foto: Getty Images -

Foto: Getty Images


An der Rezeption des Hotels warten drei Lektorinnen. Sie empfangen die Besucherinnen freundlich und nehmen ihnen ihre Texte ab. Dann weisen sie ihnen den Weg in die Lounge, wo bereits andere Gäste warten. „Bonjour“, „Ça va?“ Die Frauen unterhalten sich angeregt. Doch dies alles geschieht nur mit reichlich Fantasie – denn das „Hôtel des Autrices“ ist eine imaginäre Unterkunft.

Als im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie reale Hotelbesuche unmöglich machte, entwickelten französische Autorinnen des Netzwerks „Réseau des Autrices“ in Berlin zusammen mit der Kuratorin Marie-Pierre Bonniol eine virtuelle Plattform. Mit Schreibwerkstätten und Lektoratshilfen bietet das „Hotel der Autorinnen“ seitdem deutsch- und französischsprachigen Schriftstellerinnen einen Raum für Kreativität, Austausch und gegenseitiges Empowerment. Eine erste virtuelle Residenz fand im vergangenen Herbst statt, in diesem Jahr folgen weitere.

Nach dem Check-in erkunden die Autorinnen das Hotel. Mithilfe des Kommunikationstools Workplace können sie sich austauschen und über ihre Texte diskutieren, die als Google Docs für alle zugänglich sind. Die interaktive Karte auf der Website des Projekts dient als Übersicht und Archiv der Werke. Schauplätze sind neben den Hotelzimmern zum Beispiel die Hotelbar, ein alter Ballsaal und der Pool.

Während der ersten Residenz entstanden mehr als dreißig Texte

„Das Hotel ist gleichzeitig ein literarisches Projekt, ein künstlerischer Vorschlag, aber auch ein Ort der politischen Debatte“, erklärt Delphine de Stoutz, Vorsitzende des „Réseau des Autrices“. Zum Beispiel einer Debatte über Geld: „Die Vergütung von Texten ist eher eine Belohnung als ein Lohn“, kritisiert de Stoutz. „Das Schreiben muss aber endlich als Arbeit statt als Hobby anerkannt werden.“

Dabei ist es kein Zufall, dass das Hotel nur für Frauen geöffnet ist. Das Kollektiv will damit Einfluss nehmen auf eine Literaturszene, die weiterhin von der männlichen Perspektive geprägt ist, sagt de Stoutz. Frauen würden in der Branche noch immer vor große Hindernisse gestellt. Müttern fehle es etwa oft an Zeit und Geld für ihre schriftstellerische Ausbildung, weil sie ihre Kinder betreuen und weniger verdienen. Schafften sie es trotzdem, zu publizieren, dann würden ihre Bücher wiederum seltener rezensiert, erklärt de Stoutz. Es fehle an Sichtbarkeit.

Während ihrer ersten Residenz im Hôtel des Autrices schrieben die zwölf geladenen Autorinnen mehr als dreißig Texte – Kurzgeschichten, Gedichte, Briefe. Viele Geschichten sind miteinander verbunden, Figuren oder Handlungen überschneiden sich. Das Schreiben ist so nicht nur ein individueller, sondern ein kollektiver Prozess. Die Schriftstellerinnen des „Réseau des Autrices“ sehen sich zudem auch als Brücke zwischen dem Deutschen und dem Französischen. Sie wollen zeigen: Sprache ist kein Entweder-oder. Alle Texte werden deshalb zweisprachig veröffentlicht, die Arbeit der Übersetzerinnen wird besonders gewürdigt. In diesem Jahr werden auch frankophone Autorinnen aus anderen Ländern einchecken. Das Hotel arbeitet bereits mit Kultureinrichtungen in Québec, Brüssel und Marseille zusammen. In Zukunft sollen auch weitere Partner im deutschsprachigen Raum dazukommen. Der Vorteil einer imaginären Herberge ist schließlich: Sie ist nicht auf einen Ort beschränkt.

Mehr unter: www.hoteldesautrices.com



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