Böse Katzen und Hähne, die Eier legen

von Douglas O. Linder

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

Nasser Tiger -

Nasser Tiger. Foto: Tim Flach


Als vor über zwei Millionen Jahren die Menschen in der afrikanischen Savanne die ersten Gehversuche unternahmen, begann auch die Interaktion zwischen Mensch und Tier. Es war der Auftakt einer komplizierten Beziehung. Die meisten stellen sich den männlichen Höhlenmenschen als Keulen schwingenden Jäger vor, der das urzeitliche Grasland durchstreift, derweil die Höhlenfrau Beeren und andere Früchte sammelt. Nach heutiger Beweislage dürften die ersten Höhlenmenschen allerdings wohl eher Aasfresser als Jäger gewesen sein.

In Kenia stießen Archäologen in der Nähe des Viktoriasees auf Steinwerkzeuge und die zerschmetterten Schädel großer Giraffen. Die Schädel waren vor zwei Millionen Jahren höchstwahrscheinlich Urmenschen in die Hände gefallen. Aasfressende Tiere wie etwa Hyänen vertilgen fast alle Kadaverteile, aber auf das Gehirn müssen sie verzichten, weil sie es nicht schaffen, den Schädel aufzuknacken. Die Nomadenmenschen hingegen hatten den Dreh raus: Sie öffneten die liegen gelassenen Tierköpfe und -knochen und machten sich über die fettige, energie- und nährstoffreiche Hirnmasse her. Nach wissenschaftlicher Theorie war diese Zusatzkost förderlich für die Evolution des modernen Menschen. Ohne sie wären wir nicht, was wir heute sind.

Als die Menschheit vom Jagen und Sammeln zur Landwirtschaft überging, wandelte sich das Tier-Mensch-Verhältnis. Die Menschen fingen an, Tiere zu zähmen, und entdeckten die Vorzüge einer gesicherten Fleisch- und Milchversorgung. Außerdem bescherten die domestizierten Tiere ihnen Arbeit und Transportmöglichkeiten, übernahmen die Schädlingsbekämpfung und leisteten ihnen Gesellschaft. Wer mit Tieren das Haus teilt, kann nicht umhin, sich um ihr Wohlergehen zu kümmern. Darum bewirkte die Domestizierung unweigerlich auch eine veränderte Einstellung gegenüber dem Tier.

Die Menschen der Antike fanden neue Möglichkeiten der Tierverwendung und entwickelten zum Beispiel ein Faible für exotische Lebewesen. In Mazedonien wurden schon 2000 vor Christus Löwen in Käfigen gehalten und zur Schau gestellt. Ägyptische, babylonische, syrische und römische Machthaber waren stolz auf ihre Sammlungen wilder Tiere wie Elefanten, Bären, Tiger und Giraffen. Im Römischen Reich wurden Tiere bekanntlich zur Unterhaltung genutzt: In Arenen wie dem berühmten Circus Maximus in Rom ließen die Kaiser bei blutrünstigen Spektakeln Tiere kämpfen, bis sie tot umfielen.

„Descartes behauptete, Tiere seien im Grunde Maschinen, ohne echtes Sprachvermögen“

Ein eher wissenschaftliches Interesse für die Tierwelt entwickelten die alten Griechen. Sie gehörten zu den Ersten, die wilde Tiere zu Studienzwecken sammelten. Im späten 4. Jahrhundert vor Christus führte unter anderem Aristoteles Experimente an Tieren durch. Im Mittelalter wurden Tiere zum Gegenstand zeittypischer Mythen und abergläubischer Vorstellungen. Am schlechtesten kamen dabei die Katzen weg. Dass sie so viel Argwohn auf sich zogen, lag wohl nicht zuletzt daran, dass sie – anders als Hunde – selten gewillt sind, sich von Menschen herumkommandieren zu lassen. Katzen wurden zu Symbolen des Bösen und Ketzerischen. Mit kirchlicher Unterstützung kam es in weiten Teilen Europas zu einem Katzentötungsfeldzug. Dadurch wurde die Population so dezimiert, dass es in vielen Gegenden zu Beginn des 14. Jahrhunderts kaum noch wild lebende Katzen gab. Als ab 1347 die Beulenpest in Europa grassierte, war die Katzenpopulation schon zu sehr geschrumpft, um die Horden pestinfizierter Nagetiere zurückzudrängen.

Ein besonders absonderliches Schauspiel des europäischen Mittelalters waren die Tierprozesse. Hunderte von Tieren wurden wegen ihrer „Untaten“ vor Gericht gestellt. Zu den Straftatbeständen zählten Mord, Betrug und Diebstahl. Die meisten Tiere wurden, obwohl man ihnen häufig einen Anwalt zur Seite stellte, für schuldig befunden und hingerichtet. Manche wurden allerdings auch freigesprochen. 1457 wurde in Burgund einer Sau und sechs Ferkeln die Tötung eines fünfjährigen Buben zur Last gelegt, nachdem man die mit Blut befleckten Tiere unweit der Knabenleiche aufgegriffen hatte. Während das Gericht nach Anhörung von acht Zeuginnen und Zeugen das Mutterschwein zum Tod durch Erhängen verurteilte, sprach es die Ferkel wegen Mangel an Beweisen frei. Übrigens fanden sich nicht nur Säugetiere vor dem Kadi wieder: 1474 wurde in Basel ein Hahn exekutiert, weil er den „widernatürlichen“ Akt des Eierlegens vollzogen hatte.

In der Renaissance rückten die Philosophen den moralischen Status von Tieren in den Blickpunkt. René Descartes behauptete, Tiere seien im Grunde Maschinen ohne echtes Sprachvermögen, bar jeder Vernunft und unfähig, Schmerz zu empfinden. Es soll sogar Descartes-Anhänger gegeben haben, die ihre Hunde traten, weil sie die Maschinengeräusche hören wollten.

Etliche Philosophen der Aufklärung mahnten zur Differenzierung. Voltaire erklärte, schon ein wenig Beobachtung reiche aus, um sich davon zu überzeugen, dass Tiere Respekt verdienen. Man denke nur, so schrieb er, „an den Hund, der sein Herrchen verloren hat, mit kummervollem Jaulen allerwege nach ihm sucht, aufgewühlt und ängstlich nach Hause zurückkommt, treppauf und treppab und von Zimmer zu Zimmer läuft und das geliebte Herrchen endlich in seiner Studierstube findet und jauchzend, hüpfend und liebkosend seine Freude bekundet“. Nach Kants Überzeugung verletzt ein Mensch, der Tiere schlecht behandelt, die Pflichten gegen sich selbst: „Wir können das Herz eines Menschen danach beurteilen, wie er mit Tieren umgeht.“

Als sich im 18. Jahrhundert die Standpunkte der Aufklärung durchsetzten, wurden in Europa die ersten Tierquälereiverbote erlassen. Eine treibende Kraft war dabei die aufstrebende städtische Mittelschicht mit ihrer wachsenden Abscheu gegenüber der Alltagsbrutalität, die die zumeist ländliche Unterschicht gegenüber Tieren an den Tag legte, und gegen die oft gnadenlosen Jagdpraktiken der Adeligen. Im 19. Jahrhundert wurden auch Hetzjagden, Hahnen- und Hundekämpfe gesetzlich verboten. Etwa zeitgleich meldeten sich vermehrt Fürsprecher des Vegetarismus wie der Dichter Percy Shelley zu Wort, der mit ethischen und gesundheitlichen Argumenten für fleischlose Kost warb. Später wurde Mahatma Gandhi zum prominenten Verfechter einer vegetarischen Lebensweise.

Dennoch war der Fortschritt des Tierschutzes keine geradlinige Entwicklung. Viele Wissenschaftler benutzen Tiere nach wie vor als Mittel zum Zweck. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der Einsatz von Tieren in der Forschung immer mehr zu. Um die Jahrtausendwende wurden jedes Jahr bis zu hundert Millionen Tiere „verbraucht“. Mit dem Wohlstand und den Bevölkerungszahlen stieg auch die Zahl der für den menschlichen Verzehr getöteten Tiere rapide. Mittlerweile werden jedes Jahr Milliarden Lebewesen umgebracht. Ermöglicht wird das durch die brutale Effizienz der Massentierhaltung und durch selektive Zuchtverfahren, die Hühner mit riesigen Brüsten hervorbringen, die praktisch nicht mehr aufstehen können.

„In einigen Staaten wie Bolivien und Singapur sind Tiernummern im Zirkus mittlerweile untersagt“

Breiterer Widerstand gegen die immer höheren Tiertodeszahlen regte sich in den 1970er-Jahren. 1975 beschrieb der australische Philosoph Peter Singer in seinem Buch „Die Befreiung der Tiere“, wie der Mensch andere Spezies diskriminiert. Das Buch avancierte zum kanonischen Text der Tierschutzbewegung und trug dazu bei, dass die Wissenschaft sich stärker für Tierrechte und Tierwohl zu interessieren begann. Warum, so fragte Singer, sollte Leid, das einem Tier zugefügt wird, weniger zählen als das Leid, das einem Menschen zugefügt wird? Leid ist Leid, und Schmerz ist Schmerz. Für den Gattungsegoismus, mit dem der Mensch andere Lebewesen unterjocht, prägte Singer den Begriff „Speziesismus“.

In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Länder den Tierschutz verbessert. Neuseeland verbot 1999 mit dem Animal Welfare Act Experimente an „nicht menschlichen Hominiden“. In einigen Staaten wie Bolivien, Singapur und mehreren skandinavischen Ländern sind Tiernummern im Zirkus mittlerweile untersagt. 2010 erließ Katalonien das erste gesetzliche Stierkampfverbot in Spanien. Nirgendwo geht der Tierschutz jedoch so weit wie in Palitana. Die Stadt im indischen Bundesstaat Gujarat ist die heiligste Pilgerstätte der Jains und erklärte sich 2014 per Gesetz zur ersten vegetarischen Stadt der Welt. Wer Fleisch, Fisch und Eier kaufen will, wird in Palitana garantiert nicht fündig.

Ob das zoonotische Virus, das die Corona-Pandemie ausgelöst hat, von einem Tiermarkt, aus dem Wildtierhandel oder aus Fleischverpackungen stammt, weiß bis jetzt noch niemand. Klar ist nur: Die Welt bekommt gerade die Quittung dafür, dass wir es versäumt haben, uns gegen die Risiken der Interaktionen von Mensch und Tier abzusichern. Wird sich nach dieser Pandemie oder einer der Folgepandemien an unserer fleischlastigen Ernährung endlich etwas ändern? Und wie viele Palitanas wird es in hundert Jahren geben?

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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