Fleisch auf Beinen

von Corine Pelluchon

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

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Das chinesische Meishan-Schwein gilt als älteste noch erhaltene Schweinerasse der Welt. Foto: Tim Flach


Wie gehen wir mit Tieren um? Diese Frage ist keine Modeerscheinung, sondern fester Bestandteil einer gesellschaftlichen Debatte. Sie ist gleichzeitig eng mit einer anderen Frage verbunden: Was sagt unsere Beziehung zu Tieren über uns selbst aus? Die Tierfrage ist auch eine Menschheitsfrage. Dies hängt einerseits mit unserem Entwicklungsmodell zusammen. Tiermissbrauch spiegelt ein wirtschaftliches System wider, das sozial und ökologisch kontraproduktiv ist. Das System reduziert Tierhaltung auf eine Industrie: Wir behandeln Tiere wie Fleisch auf Beinen. Dabei ist dieses System nicht nur für die Tiere, sondern auch für uns Menschen schädlich. Das sehen wir, wenn wir uns zum Beispiel die Arbeitsbedingungen von Landwirten und Schlachthofmitarbeitern anschauen. Die Massenproduktion von Fleisch zu möglichst niedrigen Kosten ignoriert die negativen externen Effekte, macht die Arbeit der Landwirte sinnlos und zwingt die Schlachthofangestellten zu einem absurden Arbeitstempo.

Die industrielle Produktion hat zudem sehr hohe Umwelt- und Gesundheitskosten. Schweinemastbetriebe verschmutzen die Umwelt und der massive Einsatz von Antibiotika führt zu Antibiotikaresistenzen, auch bei uns Menschen. Ganz zu schweigen vom Coronavirus und anderen von Tier auf Mensch übertragenen Krankheiten, die wir verursachen, indem wir Wildtiere aus ihrem natürlichen Lebensraum reißen und ihnen zu nah kommen. Ich denke auch an die Abholzung des Regenwalds in Südamerika. Auf den gerodeten Flächen wird Soja angebaut, das an europäisches und amerikanisches Vieh verfüttert wird. Und ich denke an die Tiere, die wir Tausende Kilometer transportieren, um sie dann ohne Betäubung zu schlachten. Dieses System kommt nur einer Minderheit von Menschen zugute, ist aber für unseren Planeten, unsere Gesundheit, für die Bauern und Arbeiter grauenhaft. 

„Tierquälerei ist ein Krieg gegen die Tiere, aber auch ein Krieg gegen uns selbst. Es ist eine Amputation unseres Selbst, weil wir jegliches Gefühl des Mitleids ersticken“

Darüber hinaus gibt es das Problem der Entmenschlichung: Die Gewalt, die wir Tieren zufügen, ist so ungeheuerlich, dass wir Menschen sie nicht anerkennen wollen. Wir wenden psychologische Abwehrmechanismen an, um uns vor negativen Emotionen zu schützen. Aber dies hat einen moralischen Preis: Indem wir verleugnen und verdrängen, bleiben wir gegenüber dem Leiden anderer Lebewesen gleichgültig. Unser Moralempfinden ist abgestumpft. Tierquälerei ist ein Krieg gegen die Tiere, aber auch ein Krieg gegen uns selbst. Es ist eine Amputation unseres Selbst, weil wir jegliches Gefühl des Mitleids ersticken. Mitgefühl bedeutet zwar nicht Gerechtigkeit, es ist jedoch die Bedingung von Gerechtigkeit: Es ist die Identifikation mit jedem fühlenden Wesen, das unnötig leidet, sagte Rousseau. Ohne Mitgefühl ist Gerechtigkeit oft nur ein abstraktes Konzept, das nicht dazu führt, dass wir unsere eigene Seins- und Handlungsweise ändern. 

Tiere teilen mit uns die Fähigkeit, ihr Leben in der ersten Person zu leben, Schmerz und Leid zu empfinden und Neugier und Vorlieben zu haben. Aber sie unterscheiden sich auch sehr von uns. Sie sind andere Existenzen, so der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty. Ihr Verhalten ist nicht mechanisch, sondern hat eine Bedeutung. Sie sind kompetent, also dazu fähig, ihre Kinder zu pflegen, und sie wissen genau, was gut für sie ist. Jedes Tier ist ein Subjekt: Es hat eine Ich-Struktur und gestaltet die Welt. Es sieht die Welt auf seine eigene Weise, auch wenn es nicht dazu fähig ist, zu reflektieren oder Auffassungen vom Guten zu diskutieren. 

„Es ist höchste Zeit, eine Ethik und eine Politik aufzubauen, die die gegenseitige Abhängigkeit von uns Menschen, der Natur und anderen Lebewesen berücksichtigt“

Unsere Beziehung zu Tieren ist eine Schule des Andersseins. Wesen zu unterwerfen, die anders sind als wir, und sie als bloßes Mittel zu unseren Zwecken zu betrachten, öffnet einen verfluchten Kreislauf, wie der Anthropologe Claude Lévi-Strauss sagte. Dieser Humanismus ordnet den Wert eines Lebewesens einem homogenen und elitären Kriterium unter und erkennt nur eine begrenzte Zahl von Wesen an. Ein solcher Humanismus ist falsch und für Diskriminierung und Rassismus verantwortlich. Denn nur wenn wir sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede zwischen Menschen und Tieren akzeptieren, können wir einen Humanismus der Andersartigkeit und Vielfalt leben. Nur dann können wir auch unsere besondere Verantwortung annehmen, die sich aus der Asymmetrie zwischen uns und den Tieren ergibt. Nur wenn wir unsere Verwundbarkeit und unsere Endlichkeit akzeptieren, die wir mit allen empfindenden Lebewesen teilen, gelingt es uns, diese Hierarchie zu überwinden. Wir können auf diese Weise auch die Verbundenheit aller Menschen anerkennen, anstatt andere Kulturen zu verachten. Mit anderen Worten: Die Tierfrage offenbart, wer wir sind, und erfordert deshalb einen neuen Humanismus. 

Unsere Beziehung zu Tieren wirft nicht nur moralische Probleme auf, die von unserer Grausamkeit zeugen, sondern auch Probleme der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit bedeutet, die eigene Freiheit einzuschränken, um das Existenzrecht anderer, menschlicher und nichtmenschlicher, gegenwärtiger und zukünftiger Wesen zu respektieren. Ethik und Gerechtigkeit sind notwendig, sobald ich durch meinen Konsum die Ressourcen der Erde verbrauche. Ethik ist nicht nur eine normative Disziplin. Meine Existenz hat eine ethische Bedeutung. Das, was ich konsumiere, zeigt, ob ich Platz für die anderen Wesen einräume oder ob ich der Meinung bin, dass mein Recht unbegrenzt ist. Bisher handeln wir Menschen so, als ob wir allein auf der Welt wären, als ob die Erde uns gehörte. Es ist höchste Zeit, eine Ethik und eine Politik aufzubauen, die die gegenseitige Abhängigkeit von uns Menschen, der Natur und anderen Lebewesen berücksichtigt.

„Auch der Ruf des Tieres und seine Existenz stellen mich infrage. Die Art und Weise, wie ich ihm antworte, macht meine Identität aus. So ist unsere Beziehung zu Tieren ein Spiegelbild unserer selbst“

Die Art und Weise, wie ich mich Tieren gegenüber verhalte, zeigt, wer ich wirklich bin. Denn wie die Philosophen Emmanuel Levinas und Jacques Derrida behaupte ich: Andere sagen mir, wer ich bin. Auch der Ruf des Tieres und seine Existenz stellen mich infrage. Die Art und Weise, wie ich ihm antworte, macht meine Identität aus. So ist unsere Beziehung zu Tieren ein Spiegelbild unserer selbst. Deshalb hat die Tierfrage eine tiefe und zivilisatorische Bedeutung. 

Die Tierethik, die in den 1970er-Jahren von Peter Singer und Tom Regan begründet wurde, erhebt das Empfindungsvermögen zum Rang ethischer und rechtlicher Kriterien. Sie prangert Praktiken an, die dieses Empfindungsvermögen nicht respektieren. Diese Ethik hat zwei entscheidende Mängel: Erstens beharrt sie zu wenig auf den Affekten, die, zusammen mit den wirtschaftlichen Interessen, die Triebkräfte des Wandels sind. Sie wendet sich ausschließlich an die Vernunft, an die Argumentation. Zweitens zeigt sie nicht, wie es konkret möglich ist, eine Gesellschaft aufzubauen, in der die Regeln des Zusammenlebens zwischen Mensch und Tier nicht nur dem Menschen zugutekommen. Diese beiden Mängel möchte ich beheben – durch die Politisierung der Tierfrage und durch das Konzept der Selbsttransformation. 

Der politische Kampf um die Tierfrage hat mehrere Ebenen. Auf der normativen Ebene brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag, denn der Staat muss nicht nur Sicherheit und soziale Gerechtigkeit garantieren – seine Pflichten schließen auch den Schutz von Natur und Tieren ein. Wir brauchen zudem institutionelle Innovationen, die dafür sorgen, dass alle Gesetzesvorschläge eine ökologische und tierschutzbezogene Komponente haben. 

„Wir müssen die emblematischen Dualismen des Westens abschaffen: Sie haben die Zivilisation von der Natur abgeschnitten und Menschlichkeit und Animalität radikal voneinander getrennt“

Auf der Ebene der Wirtschaft sind Transition, Umschulung und Innovation Schlüsselworte meiner Strategie. Wenn wir Tierversuchen ein Ende setzen wollen, müssen Innovationen in diesem Bereich gefördert werden. Durch Innovationen in Mode und Kosmetik können Menschen ermutigt werden, ihren Konsum von Tierprodukten zu reduzieren. Gleichzeitig trägt dies zum wirtschaftlichen Fortschritt bei. Und was die Ernährung betrifft, so sollten wir veganes Essen zugänglicher machen: durch neue Ideen für das Kochen, durch das Angebot veganer Speisepläne in Kantinen, Krankenhäusern und Restaurants.

Auf der Ebene der Bildung müssen wir uns moralische Überzeugungen aneignen, mit denen wir das Wohlergehen anderer Lebewesen in unser persönliches Wohlergehen integrieren können. Wir müssen die emblematischen Dualismen des Westens abschaffen: Sie haben die Zivilisation von der Natur abgeschnitten und Menschlichkeit und Animalität radikal voneinander getrennt. Dieser auf Herrschaft beruhende Humanismus verwandelt alles in Krieg und kann zum Untergang unserer Zivilisation führen. 

Konkrete Veränderungen in unserer Beziehung zu Tieren ergeben sich nicht nur aus Regeln oder Verboten, sondern vielmehr aus einem tiefgreifenden Wandel unserer Seinsweise – einer Selbsttransformation. Die Konsequenz, dass wir Tiere nicht mehr beherrschen, sie nicht mehr in Käfige sperren, entsteht aus Veränderungen unserer Denkens- und Verhaltensweisen. Deshalb ist die Ethik der Tugenden so interessant: Sie betont, was uns konkret zum Handeln drängt, und zeigt den Zusammenhang zwischen unseren Werten, unseren Wünschen und unserem Verhalten. Dieser Ansatz der Moral geht auf Aristoteles zurück. Er zeigt, dass es keine Trennung zwischen Pflicht und Glück gibt, sondern dass ein Mensch, der die Tugend der Gerechtigkeit entwickelt hat, Freude daran empfindet, das Richtige zu tun. 

„Indem ich durch meinen Körper erlebe, dass ich einer Welt angehöre, die größer und älter ist als ich, fühle ich, was mich mit anderen Lebewesen verbindet, die ebenso verletzlich sind“

Dies reicht allerdings noch nicht dafür aus, dass ein Mensch die Erfüllung anderer Lebewesen als Bestandteil seiner eigenen Erfüllung erfährt. Die von mir entwickelte Ethik der Tugenden geht deshalb noch weiter. Sie nimmt an, dass der Schlüssel zu einer gesunden Beziehung zu Natur und Tieren in der Beziehung zu sich selbst zu finden ist. Die erste Bedingung der Tugenden ist die Demut: Niemand ist ständig tugendhaft. Durch Demut erinnern wir uns an unseren fleischlichen und erzeugten Zustand, an unsere eigene Zerbrechlichkeit und Fehlbarkeit. Zweitens braucht es einen Prozess, in dem uns bewusst wird, dass wir von anderen abhängig sind und unsere Existenz aus Geflechten von Beziehungen besteht. Indem ich durch meinen Körper erlebe, dass ich einer Welt angehöre, die größer und älter ist als ich, fühle ich, was mich mit anderen Lebewesen verbindet, die ebenso verletzlich sind. Diese Bewusstseinserweiterung verändert meine Beziehung zu mir selbst und zu anderen.

Der Respekt vor den Tieren hängt von dieser Transformation des Selbst ab, die alle Schichten der Psyche betrifft, die intellektuelle, emotionale, bewusste und unbewusste. Die Beziehung zu Tieren kann uns lehren, uns mit einem Teil von uns selbst zu versöhnen, den wir in unserer technisch-wissenschaftlichen Zivilisation misshandelt haben. In dieser Hinsicht ist die Beziehung zu Tieren sowohl ein Test als auch eine Lehre der Wertschätzung: Sie zeigt, dass wir immer noch das Bedürfnis nach Herrschaft empfinden und dass wir gegen uns selbst Krieg führen. 

„Veränderungen in unserer Beziehung zu Tieren erfordern eine moralische und geistige Revolution, die für einige Menschen langsamer zu erreichen ist als für andere. Wir müssen allen die Möglichkeit geben, sich zu transformieren“

In dieser Transformation müssen wir nachsichtig miteinander umgehen. Veränderungen, wie beispielsweise das Ende von Praktiken wie Stierkämpfen oder der Jagd, sind für einige Menschen schwierig. Denn diese Praktiken sind mit Identität, Vorstellungen von Männlichkeit und anderen sozialen Konstruktionen verbunden. Ich selbst bin Veganerin und wünsche mir das Ende der Ausbeutung von Tieren. Doch so etwas gelingt nicht von heute auf morgen. Veränderungen in unserer Beziehung zu Tieren erfordern eine moralische und geistige Revolution, die für einige Menschen langsamer zu erreichen ist als für andere. Wir müssen allen die Möglichkeit geben, sich zu transformieren und ihren Platz in einer gerechteren Welt ohne Tierquälerei zu finden. Und wir dürfen keine Polemiken ausarten lassen. Denn sie führen dazu, dass politische Vertreter nicht handeln, mit der Ausrede, das Thema spalte zu stark. 

Die Tierfrage ist eine der Kernfragen dieses „Zeitalters der Lebenden“, das ich zu begleiten versuche. Der Wunsch von immer mehr Menschen, anders zu essen und anders zu leben, die Sorge um Natur und Tiere und die Anerkennung unserer Verletzlichkeit sind die Vorboten dieses Zeitalters. Aber Identitätspolitik, die Zunahme von Rassismus und Nationalismus und der exzessive Einsatz von Techniken sind Zeichen dafür, dass es einen Kampf zwischen dem Zeitalter der Lebenden und einem dekomplexierten Nihilismus gibt. Wir stehen an einem Scheideweg. All die Anstrengungen, die wir unternehmen, um ein nachhaltiges und gerechtes Entwicklungsmodell zu fördern, um die Lebensbedingungen der Tiere zu verbessern und um auch andere Menschen friedlich für diese Ziele zu gewinnen – all diese individuellen und kollektiven Schritte sind ein Beweis dafür, dass trotz aller Hindernisse und aller Gewalt moralischer Fortschritt möglich ist.



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