Im Takt des Geldes

von Gregor Gysi

Tabu (Ausgabe I/2021)


Soziale Ungleichheit ist das große Thema des serbisch-amerikanischen Ökonomen Branko Milanović. Bereits in seiner Promotion setzte er sich damit auseinander. Größere Bekanntheit erlangte Milanović mit einer 2015 veröffentlichten Studie für die Weltbank, in der er die Entwicklung der Verteilungsverhältnisse seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs untersuchte. Sein damaliges Fazit: Während sich in China und Indien eine neue Mittelschicht bildete, ging es in den kapitalistischen Ländern des Westens für die unteren Einkommensgruppen und die Mittelschicht abwärts. Das kann auch ein Grund dafür sein, weshalb es zu Ereignissen wie der Trump-Wahl und dem Brexit kam.

In seinem neuen Buch „Kapitalismus global“ spinnt Milanović seine Gedanken zum Kapitalismus nun auch in die Zukunft. Wie wird es mit der Globalisierung weitergehen, und was passiert mit dem Arbeitsmarkt, wenn die Globaliserung auch die letzten Wertschöpfungsketten erfasst? In der Beantwortung dieser Fragen geht der Autor jedoch mit einer zweifelhaften These ins Rennen: Erstmals in der Geschichte sei die gesamte Welt durch dasselbe Wirtschaftssystem, den Kapitalismus, bestimmt, so Milanović. Eine These, die angesichts der Tatsache, dass dies auch im Vorfeld der Oktoberrevolution 1917 in Russland bereits der Fall war, löchrig scheint. Immerhin war der Kolonialismus die historische Form, in der sich der Kapitalismus damals globalisierte.

Auch Milanovićs These, dass sich immer mehr Reichtum in immer weniger Händen konzentriert, ist nicht neu. Karl Marx hat diese Tendenz der kapitalistischen Akkumulation bereits theoretisch untermauert – und empirisch untersucht wurde sie zuletzt von dem französischen Ökonomen Thomas Piketty, der sie in einer wirtschaftshistorischen Untersuchung über einen langen Zeitraum empirisch beobachtete und die Ergebnisse im Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ veröffentlichte. Dies bedeutet nicht, dass die These unumstritten ist, aber sie gehört zum Bestand ökonomischer Theorie.

Krisenmomente können im chinesischen System gerade dann entstehen, wenn das Wachstum einmal ausbleibt 

Viel interessanter ist Milanovićs Buch derweil dort, wo es sich der Frage widmet, wie kapitalistische Wirtschaftsformen heute legitimiert werden. Um diese zu beantworten, stellt er – aufgrund ihrer „paradigmatischen Funktion“ – die Systeme Chinas und der Vereinigten Staaten gegenüber. Das »chinesische Modell« rechtfertigt sich dabei für ihn durch Wachstum und durch die Teilhabe einer breiten Masse an den Wachstumsgewinnen. Voraussetzung dafür ist jedoch ein ökonomisch starker Staat, der, um mit Lenin zu sprechen, die Kommandohöhen der Wirtschaft besetzt hält. Krisenmomente können hier gerade dann entstehen, wenn das Wachstum einmal ausbleibt – eine Idee, an die wir uns gewöhnen sollten.

Die kapitalistischen Gesellschaften des Westens – mit dem Flaggschiff USA – legitimieren sich in Milanovićs Augen vor allem über den Liberalismus und die Demokratie. In Europa kommt außerdem der Sozialstaat hinzu. Doch auch hier lauern Gefahren: Was passiert etwa, wenn die Konzentration des Kapitals zur Herausbildung einer oligarchischen Schicht führt, die den Liberalismus und die Demokratie ihrerseits untergräbt? Auch, so Milanović, bestehe im westlichen Wirtschaftssystem die Tendenz, dass soziale Beziehungen vernachlässigt werden.

Milanović zielt unter dem Strich zwar nicht auf einen wie auch immer gearteten Sozialismus, aber doch darauf, Kapital umzuverteilen

Klar wird an dieser Stelle: Dem Autor ist das Kapitalismusmodell à la USA lieber, Kurskorrekturen hält er trotzdem für angebracht. Milanović zielt unter dem Strich zwar nicht auf einen wie auch immer gearteten Sozialismus, aber doch darauf, Kapital umzuverteilen. Das nennt er „Volkskapitalismus“, ein Konzept, das sich in vielerlei Hinsicht mit linkssozialdemokratischen Ideen deckt. Von Milanović angeregte Maßnahmen wären: Steuererleichterungen für die Mittelschicht, Steuererhöhungen für die Reichen und eine Erbschaftssteuer sowie ein gerechteres Bildungssystem. Eine kontroverse Idee ist derweil die „Staatsbürgerschaft light“, die Einwanderern die Integration erleichtern soll, ohne dabei nationalistische Reaktionen zu provozieren. Einmal mehr darf man an dieser Stelle skeptisch sein, denn: Nationalisten lassen sich nicht von der Realität, sondern von ihren Ressentiments leiten.

Alles in allem merkt der Leser schnell, dass er hier durch amerikanische Augen auf die Welt schaut. Immerhin würden Maßnahmen in Deutschland wohl auch das Sozialsystem und das Gesundheitssystem betreffen. Muss ein Krankenhaus etwa Rendite abwerfen oder für Gesundheit sorgen? In Zeiten der Corona-Krise wäre auch das eine interessante Frage. Und doch ist Branko Milanovićs „Kapitalismus global“ alles in allem ein sehr lesenswertes Buch, voll von Thesen, über die es sich nachzudenken lohnt.



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