Als meine Schwester starb

von Okwiri Oduor

Tabu (Ausgabe I/2021)

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Die Autorin Okwiri Oduor (links) mit ihren Brüdern. Foto: privat


Im Haus meiner Eltern lebten wir mit dem Schweigen. Es zog vermutlich kurz nach der Geburt des Ersten von uns ein. Es war ein herrenloser Straßenhund, der ins Haus kam, um sich vor dem Frost zu schützen, und danach fraß er sich an Speiseresten voll und wurde zu groß, um durch die Ausgangstür zu passen. Das Schweigen blieb bei uns, nun weder herrenlos noch Straßenhund, sondern als etwas, das wir so gut kannten wie die Formen unserer Finger. In den ersten Jahren streichelten wir es liebevoll, und später, als es groß und monströs wurde, schlotterten uns bei seinem Anblick die Knie.

»Kinder soll man sehen, aber nicht hören«, hieß es. Zusammen mit »Wer sein Kind liebt, der züchtigt es« prägte dieser Spruch ein Zuhause, in dem jeder quietschende Stuhl, jeder knackende Ellenbogen und jedes Summen im Hals der Rechenschaft bedurfte. Wir, die Kinder, saßen mit glühend heißen Kohlen auf der Zunge da, unfähig, sie zu schlucken oder auszuspucken. Das Sprechen war den Erwachsenen vorbehalten. Nur sie hatten das absolute und unumstößliche Privileg, es auszukosten. Sie sagten einander Dinge und lachten mit solch hemmungsloser Hingabe, und wir starrten sie mit großem Staunen an, ungeduldig, unsere Kindheit hinter uns zu bringen, damit wir endlich in Gleichem schwelgen konnten.

Unsere Eltern liebten uns, so gut sie konnten

Wir sprachen kaum ein Wort, nicht miteinander und vor allem nicht mit unseren Eltern. Im Gegenzug sprach kaum jemand mit uns. Zumindest nicht auf eine Weise, die über das Oberflächliche (»Wie viele Hausaufgaben hat euch der Lehrer heute aufgegeben?«) oder das Despotische (»Ein Wort noch und ich breche dir mit der Schuhbürste die Knöchel«) hinausging.

Unsere Eltern meinten es gut. Sie waren gute Menschen – liebenswürdig zu Freunden und Feinden, herzlich und mitfühlend, mit jenem blinden, blauäugigen Optimismus, den fromme Menschen oft hegen: dass alle Turbulenzen vorherbestimmt sind und am Ende alles gut ausgeht. Glauben, so nannten sie es. Und warum sollte man ihnen diesen missgönnen? In dem reinen, unbändigen Glauben, dem eisernen Willen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, egal wie, standen wir – mit einigen Kratzern, aber weitgehend unbeschadet – all die Gefahren der 1990er- und 2000er-Jahre durch. Diktatur, Entlassungen, wirtschaftliche Rezession, Krieg gegen den Terror, Gewalttätigkeiten nach den Wahlen, politische Instabilität.

Unsere Eltern liebten uns, so gut sie konnten. Sie versagten sich viele Annehmlichkeiten, um für unsere Bedürfnisse zu sorgen. Mein Vater trug Schuhe mit löchrigen Sohlen, damit unsere keine Löcher hatten. Meine Mutter lebte oft von nur einer Mahlzeit am Tag, damit wir etwas zu essen hatten. Das Leben war für uns nicht einfach, und sie taten ihr Bestes, um uns vor seinen grausamen Höhen und Tiefen zu schützen.

Das Schweigen würde uns in einer grausamen und gefühllosen Welt beschützen

Das Schweigen, das sie zu Hause verhängten, war auch ein Liebesbeweis, eine Möglichkeit, uns die Werkzeuge zu vermitteln, die ihrer Ansicht nach entscheidend waren, um die Komplexitäten unserer Welt zu meistern. Für sie war Schweigen eine Tugend. Zu schweigen bedeutete, seinen Stolz hinunterzuschlucken, seinen Trotz zu unterdrücken, seine hehren Erwartungen zu dämpfen. Es bedeutete Demut, selbst im Angesicht der Demütigung. Es bedeutete Würde. Das Schweigen würde uns in einer grausamen und gefühllosen Welt beschützen.

Als ich 17 war, wurde meine kleinste Schwester plötzlich krank, und dann ging sie von uns, schnell wie ein Hauch, und ließ uns taumelnd zurück. Ich weiß noch, wie ich zu verstehen versuchte, dass ihr feuchtes, zahnloses Lächeln fort war und auch ihr glucksendes Lachen und ihre dunklen, pechschwarzen Augen. Ich erinnere mich an das leere Tuch, das meine Mutter aus dem Krankenhaus mitbrachte, an die Rosenkranzperlen, die wir zwischen unsere Finger gleiten ließen, und später an die kleine Holzkiste, deren Griff beim Transport hinten auf dem Pick-up meines Vaters abbrach.

Ich erinnere mich an eine schlanke Frau in einem hauchdünnen Kopftuch, die meine Schulter tätschelte und sagte: »Gott hat deine Schwester so sehr geliebt, dass er sie zu sich heimgerufen hat.« Ich weiß noch, dass ich von diesen Worten angewidert war. Angewidert von all den Erwachsenen um uns herum, weil sie hohle Phrasen von sich gaben. Ich dachte: »Wir sind Kinder, verdammt noch mal, keine Volltrottel.« Warum sahen sie uns nicht, selbst wenn sie uns direkt anblickten? Warum sprachen sie nicht mit uns, selbst wenn sie uns etwas sagten?

Das Schweigen der Trauer war, anders als jede andere mir bekannte Art von Schweigen, nicht tyrannisch

Ich erinnere mich an das Schweigen der Fremden in unserem Wohnzimmer, die Hände zwischen den Knien, den Blick bedrückt auf den Boden gerichtet. Das Schweigen der Hähne, die draußen im Dreck scharrten, und das der Bartvögel, die auf der Fensterbank hüpften, und das des Windes, der leise, bedächtig in die Äste fuhr. Das Schweigen in unserem gesamten Wohnblock – kein Klopfen an der Tür, um nach Salz zu fragen, reife Mangos anzubieten, zu hören, ob auch bei uns der Strom abgestellt worden war. Das Schweigen der Nachbarskinder, die uns mit offenem Mund beobachteten, erschrocken vom rötlichen Trauertuch, das um unsere hochgezogenen Schultern hing. Das Schweigen unserer Eltern, selbst zutiefst erschüttert und erschöpft, ihre Gesichter zerknittert vor Pein und Fassungslosigkeit.

Das Schweigen der Trauer war, anders als jede andere mir bekannte Art von Schweigen, nicht tyrannisch. Es war vielmehr weich wie Spitze und ganz und gar erschreckend zart. Vor ihm sahen wir unseren Vater zittern und unsere Mutter wimmern. Wir wussten nicht, was wir mit dieser krassen, nackten Gefühlsintensität machen sollten. Wir wussten nicht, was wir ihnen zum Trost sagen sollten. Also bissen wir unsere Zähne zusammen und beobachteten sie, und später am Abend, wenn niemand hinsah, schluchzten wir, die Kinder, in unsere Kissen.

Unser Baby war gestorben, und dann erinnerte sich niemand mehr an sie

Sie war doch noch ein Baby. Das sollte vielleicht heißen, dass sich ihr Leben noch nicht wirklich entfaltet hatte und dass ihr Tod zwar bedauerlich, aber keine Katastrophe war. Oder andererseits, dass es keine geeignete Sprache gab, um die absolute Ungeheuerlichkeit des Geschehenen auszudrücken. Oder auch, dass wir selbst noch Babys waren und nicht alles begreifen konnten, und dass unsere Trauer keine echte Trauer war, nur eine Fantasie, nur eine Laune.

Auf jeden Fall war das eine weitere Sache, über die wir in meiner Familie nicht sprachen. Unser Baby war gestorben, und dann erinnerte sich niemand mehr an sie. Niemand trug das Gewicht ihres Namens im Mund. Niemand schaute auf den Schrank, in dem ihre Dinge aufbewahrt wurden. Niemand erinnerte mit süßem Lächeln an sie und sagte: »Weißt du noch, als sie ...?«

Und nach einer Weile dachten wir, die Kinder, dass wir uns ihre Existenz nur eingebildet hatten. Wir dachten, wir hätten vielleicht fantasiert, seien in der strengen, feigen Stille des Nachmittags zu weit in den Gassen unserer wilden Vorstellung umhergeschweift und hätten ein kleines Mädchen heraufbeschworen, mit dem wir spielen konnten. Wir dachten nur, wir hätten sie angekräht und in ihrem Tragekörbchen herumgeschleppt, bis sie wild lachend quiekte. Wir dachten, am Ende hätte jemand mit den Fingern geschnippt und wir seien aufgewacht und hätten aufrecht in Küchenstühlen gesessen, schmallippig, ohne ein Baby, das zwischen unseren Schößen hüpfte.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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