Endlich Aufruhr

von Hannah El-Hitami

Tabu (Ausgabe I/2021)

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Foto: Getty Images


Ende Juni letzten Jahres steht Sabah Khodir in der Tiefkühlabteilung eines Supermarkts in einer Stadt, die sie aus Sicherheitsgründen nicht nennen möchte, und weint. Sie hat eine Frau in Gefahr gebracht, glaubt sie, und ist sich sicher: Sollten Menschen, die in Ägypten sexualisierte Gewalt erlebt haben, es nun nie wieder wagen, über ihre Erfahrungen zu sprechen, dann ist das ihre Schuld. Am Tag zuvor hatte die 29-jährige Ägypterin, die seit einigen Jahren in den USA lebt, sich entschieden, die Taten eines jungen Mannes namens Ahmed Bassam Zaki öffentlich zu machen. Von einer betroffenen Freundin hatte die Frauenrechtsaktivistin Khodir erfahren, dass Zaki über Jahre hinweg junge Frauen sexuell belästigt, genötigt und vergewaltigt haben soll. Khodir sprach mit mehreren der Opfer und postete schließlich ein Foto des Mannes und die Aussage einer Frau auf Instagram, mit der Bitte an weitere Betroffene, sich zu melden. Prompt kam die Reaktion: Der Student aus reichem Elternhaus verklagte Khodir und die Frau, deren Geschichte sie geteilt hatte. Im Supermarkt erreicht sie deren Anruf mit der verzweifelten Bitte, den Post so schnell wie möglich zu löschen.

Khodir entfernte den Post. Doch der Aufruf hatte sich bereits verbreitet. Ein anonymer Instagram-Account namens »Assault Police« sammelte die Geschichten weiterer Opfer. Innerhalb von vier Tagen meldeten sich mehr als 500 Frauen mit Anschuldigungen gegen Zaki. Einige schickten Sprachnachrichten und Chats, in denen er ihnen gedroht hatte, intime Fotos oder Details über den Sex mit ihnen zu verbreiten. Anfang Juli wurde der 21-Jährige festgenommen, doch auch damit endete die Bewegung nicht. Im Gegenteil: Immer neue Fälle von sexualisierter Gewalt wurden in Ägypten publik gemacht. Eine gesellschaftliche Debatte ist ins Rollen gekommen.

»Die Gesellschaft versteht nicht, warum man sich als Vergewaltigungsopfer offenbaren möchte, warum man diese Schande über sich und seine Familie bringen möchte«

Laut einer Studie der Vereinten Nationen wurden 99 Prozent der Frauen in Ägypten schon einmal sexuell belästigt. In der Öffentlichkeit spricht jedoch kaum eine darüber – aus Angst, stigmatisiert zu werden. Denn immer wieder werden Frauen in Ägypten als die eigentlich Schuldigen ausgemacht: Ihnen wird vorgeworfen, die Übergriffe provoziert zu haben, durch unangemessene Kleidung oder falsche Signale. Frauen organisieren sich deshalb lieber im Netz, als zur Polizei zu gehen.

Sabah Khodir berät Zeuginnen und vernetzt sich mit Anwältinnen und Psychologinnen. Wie viele andere Ägypterinnen in der Diaspora verfolgt sie die Debatte über die sozialen Medien und muss sich, im Gegensatz zu Aktivistinnen im Land, weniger vor staatlichen Repressalien fürchten. Drohnachrichten, in denen sie als Schlampe und Lügnerin bezeichnet wird, lassen Khodir kalt. »Diese Männer haben ihre Macht vor langer Zeit verloren, als sie solche Dinge zu mir auf der Straße gesagt haben«, erzählt sie am Telefon.

Wie hoch der Druck auf Frauen wie Khodir ist, berichtet die ägyptische Feministin Hind Zaki, die an der Universität Connecticut zu Feminismus in Westasien und Nordafrika arbeitet: Eine Vergewaltigung gelte als Skandal, der eine Frau für den Rest ihres Lebens beschädigt und für immer an ihr haften bleibt. »Die Gesellschaft versteht nicht, warum man sich als Vergewaltigungsopfer offenbaren möchte, warum man diese Schande über sich und seine Familie bringen möchte«, sagt Hind Zaki. Vor allem, wenn es »nur« um sexuelle Belästigung gehe, meinten viele, man solle besser keine große Sache daraus machen.

»Jede einzelne beteiligte Person versuchte uns davon abzubringen, angefangen bei den Passanten und Polizisten vor Ort«

Hind Zaki weiß, wovon sie spricht. 2008 war sie in Kairo dabei, als ein Mann aus einem vorbeifahrenden Auto heraus ihre beste Freundin begrapschte. Die beiden Frauen wollten den Fahrer anzeigen, doch das war nicht leicht. »Jede einzelne beteiligte Person versuchte uns davon abzubringen, angefangen bei den Passanten und Polizisten vor Ort«, erzählt Hind Zaki. Schließlich zerrten sie den Angreifer selbst zur Polizeistation, wo weitere Beamte sich weigerten, den Fall aufzunehmen. Als der Vater ihrer Freundin eintraf, versuchten die Polizisten, auch ihn davon abzubringen. »Sie sagten, er sehe aus wie ein respektabler Mann und wolle sicher keinen Skandal für seine Tochter«, so Hind Zaki. Dennoch hatten die Frauen schließlich Erfolg: Der Fall ging als erste Verurteilung wegen sexueller Belästigung in die ägyptische Geschichte ein.

Zu sagen, alles hätte 2020 mit einem Instagram-Post begonnen, wäre also verkürzt. »Es wird oft so dargestellt, als sei die MeToo-Bewegung jetzt endlich in Ägypten angekommen«, sagt Hind Zaki. Diese sei jedoch bereits seit Jahren am Brodeln. Während der ägyptischen Revolution, als Frauen massenhaft an den Demonstrationen teilnahmen, bildeten sich neue Initiativen für Frauenrechte. »Was gerade passiert, ist das Ergebnis der Mobilisierung von damals«, glaubt Hind Zaki – und dies sei nicht die letzte Welle.

»Der Staat unterscheidet zwischen ›respektablen Frauen‹ und ›unmoralischen‹, die er für nicht schützenswert hält«

Doch wie jede Welle hat auch diese ihre Auf- und Abwärtsbewegungen. Anfangs verzeichneten die Frauen von »Assault Police« große Erfolge. Der Nationale Frauenrat sicherte allen Zeuginnen Unterstützung zu, und immer mehr Frauen wandten sich mit ihrer Aussage an die Polizei. Moderatoren populärer Talkshows debattierten plötzlich über sexualisierte Gewalt, ein Gesetzesentwurf zum Schutz von Überlebenden schaffte es ins Parlament und die Al-Azhar-Moschee, die höchste religiöse Autorität des Landes, kritisierte das »victim blaming«, also die weitverbreitete Praxis, die Schuld für sexuelle Übergriffe den Opfern zuzuschieben. Das Thema hatte es in den Mainstream geschafft. Doch dann meldeten drei Frauen Sabah Khodir eine Gruppenvergewaltigung bei einer Party im Kairoer Fünf-Sterne-Hotel Fairmont im Jahr 2014. Die beteiligten Männer hatten die Tat gefilmt und das Video verbreitet. Während sich die Öffentlichkeit noch kurz zuvor hinter die Opfer des auf Instagram angeschuldigten Ahmed Bassam Zaki gestellt hatte, geschah nun das Gegenteil: Zeugen der Tat im Hotel wurden selbst festgenommen, einige sind bis heute in Haft. In einer medialen Schmutzkampagne wurden die Vorfälle als Sexparty dargestellt, das Opfer und die Zeuginnen als Perverse bezeichnet und intime Fotos von ihnen veröffentlicht.

»Der Staat unterscheidet zwischen ›respektablen Frauen‹ und ›unmoralischen‹, die er für nicht schützenswert hält«, erklärt Hind Zaki. Während viele der von den Übergriffen Ahmed Bassam Zakis Betroffenen aus privilegierten Familien stammten und mit ihm zusammen teure Privatschulen besucht hatten, habe das Opfer des Fairmont-Vorfalls auf jener Party gefeiert und getrunken. »Frauen sollen bestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen. Tun sie dies nicht, werden sie zur Zielscheibe«, sagt Hind Zaki. Trotzdem ist sie optimistisch: »Das Ausmaß, in dem sexualisierte Gewalt aktuell in Ägypten debattiert wird, ist gigantisch«, sagt sie. »Dass der Fairmont-Fall in diesem konservativen Land nicht unter den Teppich gekehrt werden konnte, zeigt, dass sich wirklich etwas ändert.«



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