Auf dünnem Eis

von Alanna Mitchell

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)


Viele Stunden lang hatte die Ökologin Stephanie Penk im Schnee der Tundra in der Nähe von Churchill, Manitoba, verbracht und einen jungen Eisbären beim Dösen beobachtet. Das abgelegene Städtchen am Ufer der Hudson Bay wird auch als Welthauptstadt der Eisbä- ren bezeichnet. Plötzlich wachte der Bär auf, streckte sich und schlenderte herüber zu ihrem Truck. Er stellte sich auf die Hinterbeine, hielt sich mit den Vorderpranken am Fahrzeug fest und schaute sie direkt durchs Fenster an. »Ich war hin und weg. Diese Tiere sind so riesig, so wunderschön«, sagt Penk über diesen Moment heute. Seit Jahren beobachtet die Wissenschaftlerin Eisbären. Etwa zwei Drittel des weltweiten Bestandes lebt auf kanadischem Territorium, in den extrem kalten Regionen im Norden des Landes. Doch je stärker sich die Erde erwärmt und das Meereis schmilzt, desto mehr hängt ihre Zukunft an einem dünnen Faden.

Mit ihrem Doktorvater Péter Molnár, mathematischer Ökologe und Statistiker an der University of Toronto, hat Penk über Jahre versucht, zu berechnen, wie lange das Eis in der Arktis den steigenden Temperaturen noch trotzen kann. Mittlerweile haben sie eine Antwort, und es sieht nicht gut aus: Wenn die Menschen die Erderwärmung vorantreiben wie bislang, werden Eisbären bis 2100 so gut wie ausgestorben sein, heißt es in ihrer im August in der Zeitschrift »Nature Climate Change« veröffentlichten Studie. Laut Penk und Molnár werden höchstens ein paar Tiere auf Inseln in der Hocharktis überleben. Selbst wenn die Menschen es schaffen, die CO2-Emissionen zu senken, werden nach ihren Berechnungen viele der verbleibenden 23.000 Eisbären auf dem Planeten aussterben. »Es ist deprimierend«, sagt Molnár. »Und es wird nur noch schlimmer werden, je länger wir nichts tun.«

Die Grundlage der Studie von Molnár und Penk ist simpel. Die Frage, die sich die beiden stellten, lautet: Wie lange kann ein Eisbär ohne Nahrung auskommen? Die Antwort hängt vor allem vom Zustand des Meereises ab. Wenn die Fastenzeit, also die Zeit, in der es kein Eis gibt, 117 Tage überschreitet, sterben die Jungtiere; beträgt sie zwischen 117 und 228 Tagen, sterben die Mütter. Erwachsene Männchen kommen 220 Tage lang ohne Eis aus. Daraus ergibt sich ein Szenario von null oder sehr wenigen Eisbären bis 2100, wenn die globalen CO2-Emissionen weiterhin stark ansteigen.

Im Gegensatz zu ihren evolutionären Vorfahren, den alles fressenden Braunbären, können sich Eisbären nicht von Beeren und Fisch ernähren, sondern sind auf Fleisch angewiesen. Während des Pleistozäns, also vor über 11.000 Jahren, spezialisierten sich die Tiere auf das Jagen von Robben, die wegen ihres hohen Fettanteils besonders nahrhaft sind. In dieser Zeit, die von Gletscherlandschaften geprägt war, entwickelten sie auch ihr weißes Fell. Gleichzeitig wurden ihre Pranken kürzer, schärfer und runder. Eine evolutionäre Anpassung an den rutschigen Untergrund. Der Schwanz und die Ohren der Tiere wurden aus Schutz vor der extremen Kälte kleiner. Zudem wurden sie zu besseren Schwimmern: Die Vorderpranken wurden tellergroß und ihre Augen entwickelten ein drittes Augenlid, das sie vor Salzwasser schützte. Außerdem erwarben Eisbären die Fähigkeit, in ihrem Körper Fett einzulagern – als Reserve für den Fall, dass das Meereis zu dünn wurde, und für die Weibchen, die ihre Jungen monatelang in Höhlen säugen. Während der Sommermonate können sie so faulenzen. Sie verbrauchen dann so wenig Energie wie möglich und warten darauf, dass das Eis wieder stark genug ist.

Erste wissenschaftliche Studien zu Eisbären wurden in den 1970er-Jahren veröffentlicht und stammen aus der westlichen Hudson Bay. Damals blieben die Tiere im Schnitt 120 Tage ohne Nahrungsaufnahme an Land. Laut Penk waren es 2010 bereits zwanzig zusätzliche Tage. Nach Einschätzung der Ökologin sind die Auswirkungen dramatisch: Eisbären bekommen weniger Junge und sind oft unterernährt. Die Populationszahlen sinken. Zudem suchen die Bären, getrieben vom Hunger, immer öfter in der Nähe von Menschen nach Futter. Sichtungen in der Nähe von Inuit-Dörfern sind keine Seltenheit mehr. Einige Inuit berichten sogar, die nördlichsten Siedlungen seien mittlerweile nicht mehr sicher, weil die Bären immer weniger Angst vor Menschen hätten. Vor zwei Jahren starben zwei Anwohner aus Nunavut, einem Territorium im hohen Norden Kanadas, infolge von Eisbärenattacken; es waren die ersten Todesfälle dieser Art seit 18 Jahren. Einige Inuit fordern deshalb, dass mehr Bären getötet werden. Auch im russischen Ryrkaypiy, auf der anderen Seite der Beringstraße, sind kürzlich Dutzende hungrige Eisbären in die Stadt eingedrungen.

Als Wissenschaftler vor fünfzig Jahren erste Alarmglocken wegen der Bedrohung der Eisbären läuteten, ging es ihnen noch nicht um die Klimaveränderung, sondern vor allem um die Jagd auf die Eisbären, so Molnár. Die fünf Länder, die sich bis in den Polarkreis erstrecken – Kanada, die Vereinigten Staaten, Norwegen, Grönland, Dänemark und Russland –, einigten sich 1973 erstmals auf eine Regu- lierung der Eisbärenjagd. Heute werden in Kanada, Grön- land und Alaska pro Jahr 700 bis 800 Eisbären legal gejagt, hauptsächlich von indigenen Völkern. Diese nutzen das Fleisch und die Häute traditionell als Nahrung und Schutz gegen die Kälte. Laut der Weltnaturschutzunion (IUCN) ist es jedoch längst nicht mehr die Jagd, sondern die Klimaer- wärmung, die die Tiere nun in ihrer Existenz bedroht.

Bereits heute erwärmt sich die Arktis mehr als doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Von Jahr zu Jahr zieht sich das Eis auf dem Arktischen Ozean mehr zurück. Von Monat zu Monat wird es dünner. Erst kürzlich zeigte eine Studienreihe, dass sich das Ökosystem des Arktischen Ozeans dem des Pazifiks und dem des Atlantiks angleicht: Algen vermehren sich stark, und die Höhe der Wellen nimmt dramatisch zu. Während das kanadische Schelfeis zu Be- ginn des 20. Jahrhunderts noch aus einer 9.000 Quadratkilometer großen, zusammenhängenden Fläche bestand, ist es heute laut dem National Snow and Ice Data Center (NSIDC) in wenige kleine Fragmente in den Meeresarmen an der Küste Nordkanadas zerfallen. Ende Juli zerbrach Kanadas letzte große arktische Eisplatte, das Milne-Schelfeis.

Ende Juli zerbrach das Milne-Schelfeis, Kanadas letzte große arktische Eisplatte

Dabei ist nicht nur das schmelzende Eis, sondern auch die Umweltverschmutzung eine Gefahr für Eisbären. Weil sie an der Spitze einer langen Nahrungskette stehen, nehmen sie leichter Giftstoffe wie Quecksilber oder langlebige organische Schadstoffe auf, die die Fruchtbarkeit der Bären beeinträchtigen können. Wenn sie im Fett der Eisbären gespeichert sind, werden sie während längerer Hungerphasen in größeren Konzentrationen freigesetzt. Zudem fressen die Tiere bei der Nahrungssuche in menschlich besiedelten Gebieten immer öfter Müll. In einem Viertel der Mägen von 51 Bären, die in der Region North Slope in Alaska zwischen 1996 und 2018 getötet wurden, fanden Wissenschaftler Gegenstände wie Plastik, Autoschlüssel und Bonbonpapier.

Da Eisbären normalerweise in relativer Isolation leben, ist ihr Immunsystem den Begegnungen mit Menschen und anderen Tieren während der Nahrungssuche nicht gewachsen. Das bedeutet auch, dass Eisbären bereits Jahrzehnte früher aussterben könnten als in der Studie vorhergesagt. »Wahrscheinlich ist unsere Studie immer noch zu optimistisch«, so Penk. Und Molnár sagt, es fühle sich an als würde er einen Zug in Zeitlupe entgleisen sehen. »Oft frage ich mich«, denkt er laut nach, »ob Historiker in hundert Jahren auf unsere Generation zurückblicken, und uns als die Gene- ration bezeichnen, die es hätte besser wissen müssen.«

Aus dem Englischen von Julia Esrom



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