Soldaten als Sklaven

von Sabine Adler

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Arkadi Babtschenko ist keine 30 und hat schon zwei Kriege mitgemacht. Den ersten, 1996, mit 18, den zweiten, 1999, mit 21. Dass er sie überlebt hat, ist ein Wunder. Warum er nach den erschütternden Erfahrungen im ersten Krieg, in den er unfreiwillig als Wehrpflichtiger geschickt wurde, auch in den zweiten gezogen ist, erklärt er leider nicht. Wenn es etwas auszusetzen gibt an diesem Buch, dann ist dies das Einzige und beileibe nicht Entscheidende, man hätte es einfach nur gern gewusst.

Hätte er diese beiden Kriege nicht miterlebt, dann wäre die Literatur und vor allem Politik um diese unverzichtbare Innensicht auf die völlig verrottete russische Armee ärmer. Weder in Russland noch im Ausland stünde die Erkenntnis schwarz auf weiß, dass die russische Armee in ihrer Gesamtheit ein Fall für den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ist. Zumindest dafür hat es sich gelohnt, dass er dabei war. Dafür gebührt ihm Dank fürs Durchhalten und Überleben.

Statt einer Ausbildung lernen der Soldat Arkadi und seine Kameraden nichts als Prügel kennen. Sie erhalten keine Schießausbildung, haben keine Ahnung, wie man einen Stolperdraht verlegt, ohne dass ihnen der Sprengsatz schon in den eigenen Händen explodiert.

Babtschenko betrachtet den Kriegs- und Soldatenalltag streng aus dem Blickwinkel des Rekruten und später einfachen Soldaten, der sich auf die grund- und sinnlosen Schindereien vergeblich einen Reim zu machen versucht.Seine Leser erfahren vom chronischen Hunger, vom Ausrüstungs- und Geldmangel in der russischen Armee, in der Offiziere Soldaten wie Sklaven halten und sich von ihnen ihre Villen hochziehen lassen.

Babtschenko schildert die Todesangst bei den Häuserkämpfen in Grosny, Folter und Gewalt auf tschetschenischer Seite, die seine russische Einheit mit ebenso blutrünstigen Racheaktionen beantwortet. Immer wieder werden zwar in den russischen Medien Gewaltexzesse in der Armee bekannt, doch diese einzelnen Meldungen bringen nur sporadisch ins Gedächtnis, was nicht ausnahmsweise, sondern in grausamer Regelmäßigkeit passiert. Von 200 frisch eingezogenen Soldaten erkranken 160 im Januar 2004 an Lungenentzündung, einer stirbt, weil die Offiziere die Rekruten bei minus 20 Grad in Jeans und Turnschuhen tagelang im Freien Aufstellung nehmen lassen. Ein Wehrpflichtiger verliert so beide Beine und seine Genitalien, weil sich die Älteren aus Frust, Langeweile oder alter Gewohnheit an ihm abarbeiten. Diese Armee kommt ohne Gegner aus, sie ist sich selbst Todfeind genug.

Dass diese Schicksale in Russland überhaupt die Zivilgesellschaft erreichen, ist zunächst das Verdienst des Soldatenmütterkomitees, das erstmals im ersten Tschetschenienkrieg über Russlands Grenzen hinaus bekannt geworden ist. Babtschenko macht in Grosny Bekanntschaft mit den Müttern, als sie durch die mit Leichen gepflasterten Straßen der tschetschenischen Hauptstadt ziehen, auf der Suche nach ihren Söhnen. Findet eine ihren Sohn lebend bei den russischen Einheiten, fackelt sie nicht lange, sondern nimmt ihn einfach mit, kein Kommandeur wagt, sie davon abzuhalten.

Anna Politkowskaja oder Andrej Babitzky haben über die Verbrechen an der jungen russischen Generation geschrieben. Die eine wurde ermordet, der andere floh ins Exil. Arkadi Babtschenko, der wie Politkowskaja bei der „Nowaja Gaseta“ arbeitet, muss fürchten, nach diesem Buch ebenfalls auf der Abschussliste zu stehen. Zumal er noch mehr weiß, als alle anderen, die vorher über die russische Armee geschrieben und berichtet haben: Er war selbst Soldat und ist dem Tod immer wieder nur knapp von der Schippe gesprungen. Trotz der grenzenlosen Gewalt, die er miterlebt hat, hält Babtschenko eine sichere Balance zwischen der Soldatensprache und der Sprache eines kultivierten Menschen, der seine Herkunft noch nicht vergessen hat. Allein dafür verdient der Autor einen Friedenspreis. Nicht mit Gewalt und Verrohung zurückzuschlagen, sondern sich mit denen zu verbünden, die wie er noch Solidarität, Anstand und Menschlichkeit im Leibe tragen.

Seine Sprache ist leise, eindringlich, doch nie nach Effekt heischend. In keiner Zeile findet sich ein Wort des Selbstmitleids. Zugleich enthält jede einzelne Szene die unausgesprochene Aufforderung, endlich den Verbrechen in den beiden Kriegen nachzugehen, der ausufernden Kriminalität quer durch die Dienstränge Einhalt zu gebieten, den Armeeangehörigen Menschenwürde beizubringen.

„Die Armee ist ein Spiegel der Gesellschaft“, hat der ehemalige russische Verteidigungsminister und heutige Vize-Premier Sergej Iwanow resigniert konstatiert. Auch wenn es stimmt, ist dies keine Entschuldigung dafür, nichts zu unternehmen.

Babtschenko hat der russischen Armee und der russischen Gesellschaft ein Armutszeugnis ausgestellt, präzise und sensibel, niemals zynisch oder roh. Aber mit abgrundtiefer Verachtung für die, die für diese Zustände verantwortlich sind und die ihre eigenen Söhne niemals dienen lassen würden.

Arkadi Babtschenko. Die Farbe des Krieges. Aus dem Russischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin, Berlin 2007.



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