„Ich wusste, dass es eine große Sache war“

von Eric Ben-Artzi

Tabu (Ausgabe I/2021)

-

Der ehemalige Risikomanager Eric Ben-Artzi. Foto: Moti Milrod


Herr Ben-Artzi, 2010 haben Sie entdeckt, dass Ihr Arbeitgeber, die Deutsche Bank, ihre Bilanzen manipulierte. Was für ein Gefühl war das für Sie, als Sie es herausfanden?

Es war schockierend. Es hat jedoch Monate gedauert, bis mir wirklich klar wurde, was da passierte. Was mir half, war, dass ich andere Risikomanager sah, die ebenfalls auf Probleme aufmerksam machten. Es schien ein Steuerungsproblem zu geben. Die Risikoabteilung, in der ich arbeitete, funktionierte nicht ordnungsgemäß.

Was genau entdeckten Sie?

Stellen Sie sich einen Gebrauchtwagenhandel vor. Dessen Parkplatz ist voller zwanzig Jahre alter Kias. Jeder von denen ist vielleicht 1.000 oder 5.000 Euro wert, das ist eine Frage der Einschätzung. Aber wenn der Händler in seiner Bilanz angibt, dass er einen Stellplatz voller neuer BMWs hat, dann ist das Betrug. Und das ist es, was die Deutsche Bank gemacht hat. In ihren Büchern hatte sie eine Art von Derivat, in Wirklichkeit war es jedoch ein anderes. Es ging um ein riesiges Portfolio mit einem angeblichen Wert von 130 Milliarden US-Dollar. Wenn man sich für jedes dieser manipulierte Finanzprodukte einen falsch bewerteten Gebrauchtwagen vorstellt, bräuchte man einen Stellplatz von der Größe Kanadas. Die Deutsche Bank hat den Markt in hohem Maße manipuliert und betrogen.

Wie kamen Sie zur Entscheidung, das Problem zu melden?

Je mehr Zeit verging, umso beunruhigter wurde ich. Da ich diesem Portfolio zugeteilt war, verstand ich die Tragweite des Problems zuerst nicht und fürchtete, dass man mir die Schuld geben würde. 2011 war das Jahr von Occupy Wall Street, Menschen demonstrierten unterhalb des Büros der Deutschen Bank in New York. Im Atrium des Gebäudes hielten Aktivisten Vorträge. Sie klärten sich gegenseitig über das Finanzsystem auf. Das verdeutlichte mir, dass es nicht um ein abstraktes Problem ging. Da waren normale Leute und ich fühlte, dass auch ich eine Verantwortung hatte. Es waren beruflicher Stolz und Empörung, die mich zu der Entscheidung getrieben haben.

Würden Sie es als eine Kultur des Schweigens bezeichnen, die diese Manipulationen förderte?

In den Monaten, bevor ich zum Whistleblower wurde, wandte ich mich an Kollegen und Vorgesetzte. Aber im Frühling 2011, als mir klar wurde, dass das, was da vor sich ging, illegal sein könnte, rief ich die interne Hotline an und dann die US-Börsenaufsicht SEC. In der Nacht davor hatte ich Magenschmerzen, ich konnte nicht schlafen. Als ich mit der internen juristischen Abteilung verbunden war, die damals von Robert Rice geführt wurde, sagte der mir, dass er schon »eine Million E-Mails« dazu gelesen habe. Es gab also andere, die ähnliche Probleme gemeldet hatten. Da wusste ich, dass es eine große Sache war. Trotzdem bezeichnete die Bank das Problem nur als »politisch«, was bedeutete, dass es um Vorstände ginge, die mehr Budget oder Macht innerhalb der Bank erzielen wollten. Das war aber nur eine Ausrede, um meine Bedenken beiseitezuwischen.

Würden Sie sagen, dass Whistleblower ein Tabu brechen, wenn sie Informationen ans Licht bringen?

Das hängt von den Umständen ab. In den USA gibt es Whistleblower-Gesetze, die Leute schützen, die an die Öffentlichkeit gehen. Es gibt auch finanzielle Anreize, die sie ermutigen, etwas zu melden. Wir halten Whistleblower für wichtig, damit sich Dinge bessern. Nur das Rechtssystem bringt danach nichts in Ordnung, es sorgt sogar dafür, dass immer weitere Fälle produziert werden.

Inwiefern?

Es gibt eine gewaltige Industrie innerhalb des amerikanischen Rechtssystems, die von Whistleblowern und Betrug profitiert. Sowohl Anwälte von Whistleblowern als auch die Anwälte auf der anderen Seite verdienen an den Fällen. Als die Deutsche Bank mit der Börsenaufsicht SEC in meinem Fall zu einer Einigung kam, zahlte die Bank eine Strafe von 55 Millionen Dollar, aber der Gerechtigkeit wurde nicht Genüge getan: Die Vorstände der Bank hatten das Unternehmen und ihre Aktionäre betrogen und spazierten am Ende trotzdem mit ihrem Bonus davon. Die Anleger mussten am Ende die Zeche zahlen. Das ist absurd. Von Whistleblowern erwartet man, dass sie dieses Spiel mitspielen und stillschweigend ihren Anteil einstecken. Tatsächlich sehe ich mich deshalb heute auch nicht mehr als einen Whistleblower der Deutschen Bank. Denn ich habe sowohl den konstanten Austausch von Personal zwischen der Börsenaufsicht SEC und der Deutschen Bank offengelegt als auch ein Problem im US-Rechtssystem.

Wie funktionierte der Personalaustausch zwischen der Deutschen Bank und der SEC?

Ich denke, dass Richard Walker, der Leiter der Aufsichtsabteilung der SEC war, bevor er 2001 Chefjustiziar der Deutschen Bank wurde, ein System erschaffen hat, das beide Einrichtungen voneinander profitieren lässt. 2009 wechselte sein Protegé Robert Khuzami vom Chefjustiziar bei der Deutschen Bank zur SEC. Robert Rice, den ich im Jahr 2011 in der Deutschen Bank auf den Betrug aufmerksam gemacht hatte, war damals für die bankinternen Ermittlungen zuständig. Er wechselte, als die Ermittlungen noch in vollem Gange waren, zur SEC über. Ein SEC-Anwalt, Darcy Flynn, beschuldigte Khuzami und Walker 2011, sie hätten weitere Unregelmäßigkeiten vertuscht.

Es mag zwar zweifelhaft erscheinen, ist aber nicht illegal, zwischen diesen beiden Institutionen zu wechseln ...

Das stimmt, und man wusste auch schon von diesem Stellenaustausch zwischen den beiden Institutionen. Ich habe nur mehr Aufmerksamkeit darauf gelenkt.

Welche beruflichen Konsequenzen hatte das für Sie?

Für Banken bin ich heute verbrannt. Aber was mich wirklich fertig gemacht hat, waren Gerichtsentscheide, von denen Anwälte profitierten. Das Gesetz blieb dabei auf der Strecke. In zehn Jahren habe ich jetzt drei Fälle verloren: Als ich meine Whistleblower-Klage 2011 vor die SEC brachte, wurde ich von einer Anwaltsfirma vertreten, die mich letzten Endes selbst verklagt hat. Wenn die SEC eine Strafe festsetzt, haben Whistleblower Anrecht auf einen Anteil und davon geht wiederum ein Anteil an die Anwälte. In meinem Fall waren das acht Millionen US-Dollar. Die Anwälte wollten mich 2015 in einer Verhandlung dazu zwingen, das Geld anzunehmen, ich verzichtete aber darauf, weil ich fand, dass das Geld der Deutschen Bank und ihren Aktionären zugutekommen sollte. Zwischen 2013 und 2016 heuerte ich ein paar Experten an, die mir bei meinen Gerichtsverfahren helfen sollten. Auch sie verklagten mich 2018, als sie eine Gelegenheit sahen. Sie fürchteten um ihre Prozente. Viele Whistleblower fallen solch einem Gebaren zum Opfer, obwohl es in den USA gute Gesetze gibt, die sie eigentlich beschützen sollten.

Sie haben Betrug aufgedeckt, aber auch Geschäftsgeheimnisse. Von welchen Wertvorstellungen haben Sie sich leiten lassen, als Sie auf Fehlverhalten innerhalb der Bank aufmerksam machten?

Ich habe letztlich fehlerhafte Buchungsmethoden an die Behörden gemeldet. Dabei habe ich meine Pflicht getan. Manche Leute haben mich als jemanden mit einem außergewöhnlichen Ethos beschrieben. Aber das ist nicht wahr. Ich bin ziemlich durchschnittlich. Whistleblower müssen moralisch nicht besser sein als andere Menschen. Das wäre eine zu hohe Bürde für die Menschen, die auf Missstände aufmerksam machen wollen. Was wir dagegen fordern sollten, ist ein System, das Menschen dabei unterstützt, das Richtige zu tun.

Das Interview führte Fabian Ebeling
Aus dem Englischen von Annalena Heber

 

Weitere Informationen:
Manipulierte Papiere und Zinsen

Seit der Finanzkrise 2007/2008 war die Deutsche Bank in mehrere Skandale verwickelt, etwa das Investment in schlecht abgesicherte Hypotheken von Hauskäufern in den USA: Die Bank bündelte die Hypotheken in komplexe Finanzprodukte, versah sie mit guten Ratings und gab sie als Anlageprodukte an andere Banken. Eric Ben-Artzi und zwei weitere Whistle­blower machten den Fall öffentlich. Nachdem die Immobilienblase platzte, wurde die Deutsche Bank ab 2013 mit Strafen von insgesamt 9,1 Milliarden US-Dollar belegt.

Seit 2011 wusch die Bank mithilfe von Aktiengeschäften außerdem russische Rubel im Wert von zehn Milliarden US-Dollar. Dafür musste sie 600 Millionen US-Dollar Strafe zahlen. Auch in der Europäischen Union forderten Behörden 1,7 Milliarden US-Dollar von der Bank. Der Grund: Zinsmanipulationen an wichtigen Referenzzinssätzen wie Euribor und Libor. Britische und US-Behörden baten die Bank mit weiteren 2,5 Milliarden Dollar zur Kasse.

2020 kam ans Licht, dass die Bank Jeffrey Epstein 2013 als Kunden aufgenommen hatte. Die New Yorker Finanzaufsicht warf der Deutschen Bank vor, man habe dort um das kriminelle Gebaren des schwerreichen Sexualstraftäters gewusst, der sich im August 2019 in einer New Yorker Gefängniszelle das Leben nahm. Die Bank musste eine Strafe von 150 Millionen US-Dollar zahlen.

Fabian Ebeling



Ähnliche Artikel

Tabu (Bücher)

Zurück zu den Wurzeln

von Jess Smee

Jessica J. Lee reist in die Vergangenheit ihrer Familie und durch die Natur Taiwans

mehr


Das Deutsche in der Welt (Thema: Deutschsein)

Thomas Mann als Handicap

von Rosa Ribas

Die deutsche Literatur gilt als schwierig. Wie man ihr dennoch verfallen kann

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Kulturprogramme)

Gefillte Fisch sucht Fahrrad

von Nadja Cornelius

Jüdische Singlepartys sind in Lettland ein voller Erfolg. Organisiert werden sie vom jüdischen Gemeindezentrum „Alef“ in Riga

mehr


Tabu (Editorial)

„Über echte Tabus schweigen wir“

von Jenny Friedrich-Freksa

Unsere Chefredakteurin wirft einen Blick in das aktuelle Heft

mehr


Das Deutsche in der Welt (Thema: Deutschsein)

Wirtschaftswunder in der grünen Hölle

von Marvin Dürksen

Wie deutschstämmige Siedler in Paraguay erfolgreich Viehzucht betreiben

mehr


Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Weltreport)

Familie zuerst

von Sandip Roy

Sich als schwul zu outen ist in Indien kein Tabu mehr - nicht zu heiraten dagegen schon

mehr