Spätes Coming-out

von Leo Boix

Tabu (Ausgabe I/2021)

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In Argentinien war Homosexualität lange tabu – doch die Zeiten ändern sich. Foto: Picture-Alliance


Der Tisch ist gedeckt. Mein Vater bringt das Fleisch herein, die Blutwürste auf dem Tablett aus gehärtetem Holz. Meine Mutter lobt das Essen. Auf einmal macht jemand eine Bemerkung über den Tod des berühmten Komikers Charlie Rivel. „Der Arme“, sagt meine Schwester, „ich mochte ihn.“ „Aber er war eine Schwuchtel!“, lacht Papa. Alle lachen. Ich schlucke Wörter hinunter wie heiße Steine. Das ist das Schlimmste, was man sein kann. Kannst du dir das vorstellen – eine Schwuchtel zu sein?

Es ist das Jahr 1983. Raúl Alfonsín hat gerade sein Amt als Präsident angetreten. Argentinien kehrt zur Demokratie zurück, nach sechs Jahren Militärdiktatur, sechs Jahren der Verschwundenen, der Toten. An diesem Nachmittag kommt Dario, ein Freund aus der Nachbarschaft, zum Spielen zu mir. Wir bauen uns im Garten ein Zelt aus alten Decken. Als wir drin sind, will er mich nackt sehen. Erst zieht er mir die Hose aus, dann die Unterhose. Wir merken es nicht, aber meine Mutter kann uns durchs Küchenfenster sehen. „Geh sofort nach Hause. Das Spiel ist aus“, sagt sie lakonisch. Sie hat es niemandem erzählt.

Sie kenne jemanden, der mich „heilen“ könne, mit „Elektroschock-Sitzungen“

Jahre später sitze ich meinem Vater gegenüber und knete unter dem Tisch meine Finger. Heute werde ich es ihm sagen. Mama ist schon lange tot. Meine Schwestern haben mich überzeugt, dass es an der Zeit sei. Papa darf nicht der Letzte sein, der es erfährt, sagen sie. In einem brechend vollen Grillrestaurant sitzen wir und plaudern über alles Mögliche, bis wir aufgegessen haben. Erst nach dem Dessert fasse ich genug Mut: „Papa, ich bin schwul.“

Schweigen. Er sieht mich an wie betäubt. Ich bin wieder mit meinen Händen unter dem Tisch zugange, als würde ich ein Gebet sprechen, das niemand erhört. Rasch brechen wir auf. Mein Vater umarmt mich nicht. Am nächsten Tag verabschiedet er mich spröde vor meiner Rückkehr nach London, wo ich mit meinem Freund lebe. Monatelang meldet er sich nicht bei mir. „Warum tut er mir das an? Bei allem, was ich für ihn getan habe!“, sagt er immer wieder zu seiner zweiten Frau. Schließlich schreibt sie mir einen mehrseitigen Brief. Sie bietet mir an, mir zu „helfen“, sagt, sie kenne jemanden, der mich „heilen“ könne, mit einer Behandlung, die „funktioniere“. Sie würde die Kosten übernehmen. In ihrem Brief rät sie mir, einen „Spezialisten“ in Paris aufzusuchen: Der werde mich „wieder zum Mann machen“, mit „Elektroschock-Sitzungen“.

In dieser Nacht kann ich nicht schlafen. Wieder kaue ich auf Wörtern herum. Ich zerknülle den Brief gewaltsam, werde ihn nie beantworten. Mein Vater ruft mich endlich wieder an. Er erwähnt das Thema mit keinem Wort. Mit der Zeit passt er sich dann, wie er sagt, der neuen Situation an. Fragt mich sogar manchmal nach meinem Partner. Will wissen, wie wir es hinkriegen, so lange zusammenzubleiben.

Kurz vor seinem Krebstod gesteht mir Papa, dass einer seiner Onkel so war wie ich

In Argentinien ändern sich die Dinge. Es wird zum ersten Land Lateinamerikas, das die gleichgeschlechtliche Ehe gesetzlich erlaubt. Jahre später, in seinem Haus in Buenos Aires, wenige Tage vor seinem Krebstod, gesteht mir Papa in einem Zustand, der schon ans Delirium grenzt, dass einer seiner Onkel so war wie ich. Er bringt den Satz nicht zu Ende. Er versucht noch mehr zu sagen, doch das Gespräch ist vorbei. Ich pflege ihn an seinem Sterbebett, lese ihm meine Gedichte vor. Er möchte sich irgendwie verabschieden, sprechen kann er nicht mehr. Ich halte seine Hand, rede leise, nah bei seinem Ohr. Ich weiß, dass er mich hört, dass er mich hören will. Ich sage ihm, dass ich glücklich bin, dass ich mir wünschte, wir hätten früher mehr miteinander gesprochen, ehe ich ins Ausland ging.

In der Nacht, als Papa stirbt, sitze ich im Flugzeug zurück nach England. Durchs Fenster sehe ich den Ozean, den ich zum ersten Mal 1996 überquerte, in der Hoffnung, frei zu sein, für ein Leben ohne Tabus, ohne ungesagte Worte.

Aus dem Spanischen von Michael Ebmeyer



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