Krieg der Herzen und des Verstandes

Marie Luise Knott

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Ich duckte mich hinter eine eineinhalb Meter hohe Mauer aus Schlackensteinen, um mich herum palästinensische Jugendliche, die Benzinbomben bastelten und Steine zertrümmerten, um sie zu besseren Wurfgeschossen zu machen. Gegenüber die israelische Armee. Der erste Junge wurde gegen 15 Uhr getroffen.“ Diese Szene aus dem palästinensischen Gaza während der zweiten Intifada entstammt dem Buch „Reise nach Kandahar. Unterwegs in den Krisengebieten der islamischen Welt“ des britischen Reporters Jason Burke. Alle 15 Minuten, so berichtet er, griffen die Jugendlichen an. Alle 15 Minuten wurde einer von ihnen durch einen Schuss eines israelischen Soldaten leicht verletzt. Am Ende des Tages, bevor es dunkel wurde, gingen die Israelis zum Angriff über und vertrieben die Steinewerfer. Die Gewalt habe dort etwas Formalisiertes, Demonstratives, sagt er, und wer die lokale Kultur und Politik nicht sehr genau kenne, könne kaum begreifen, „was da vor sich ging und welche komplizierten Botschaften beide Seiten einander und der Weltöffentlichkeit vermittelten“.


 Jason Burke reist seit vielen Jahren für den „Observer“ in die islamische Welt, nach Afghanistan, Pakistan, Kaschmir, Irak und Palästina. Seine Reportagen aus den letzten acht Jahren hat er nun zusammengetragen. Burke wechselt die Seiten und Perspektiven – mal mischt er sich unter die Palästinenser, mal hockt er hinter einem israelischen Panzer. Die Genese des Konfliktes ist ihm gleichgültig. In seinem Bericht gibt es keine Wirtschaftsinteressen, keine Arbeitspolitik, keine Olivenhaine, die nicht mehr bewirtschaftet werden können, keine politischen Versammlungen, keine perspektivlosen Jugendlichen – nichts von alledem. Seine Recherchen stehen im Bann der Frage: Wie islamisch ist die islamische Welt und in welcher Konfrontation mit dem Westen befindet sie sich wirklich? Und: Wie viele Gesichter hat der Krieg?


 Er notiert, was er hört und sieht, vor dem Hintergrund dessen, was er aus früheren Reisen erinnert. Nicht von ungefähr steht ein Zitat des französischen Schriftstellers Albert Camus ihm Pate, der sich bei Kriegsende als Journalist betätigte. „Ich wollte nicht über das hinausgehen, dessen ich mir sicher war. Deshalb hielt man mich für unentschlossen und unkonstruktiv.“ Unentschlossen und unkonstruktiv – das sind Burkes Reportagen durchaus auch. Ähnlich wie schon in seinem Buch „Al-Qaida. Wurzeln, Geschichte, Organisation“, in dem er 2005 zu dem Schluss kam: „Die gute Nachricht ist, dass diese Al-Qaida gar nicht existiert. Die schlechte Nachricht ist, dass die Bedrohung weit gefährlicher ist als irgendein einzelner Terroristenführer mit einer Armee von treuen Kadern.“ Ähnlich geht es ihm auch jetzt: Die gute Nachricht, könnte man es formulieren, lautet, dass der Islam kein so einheitliches Konglomerat ist, wie es der Westen glauben macht die schlechte Nachricht ist, dass der Islam in diesen Ländern wirklich sehr lebendig ist und die Idee des Dschihad im Grundsätzlichen auch unter Gemäßigteren akzeptiert ist. 


 Burkes Anliegen, die ideologischen Frontlinien des „Kampfs der Kulturen“ durch die konkrete Anschauung aufzubrechen, gelingt. Denn er kennt die Länder, die er bereist, und deren Kriegsgeschichte. Er ist mit allen Sinnen bei der Sache, und so schafft er es vielfach, in einer Szene Realität, Stimmung und Standpunkt zusammenzubringen und dem Leser all dies gleichzeitig auseinanderzuhalten. Mitunter ist er optimistisch gestimmt, mitunter nagen Angst und Selbstzweifel an ihm. Ob Granaten neben ihm einschlagen, ob er auf einer einsamen Straße an einem Auto vorbeifährt, in dem gerade zwei Kollegen ermordet wurden – immer weiß er, dass ein Zusammenspiel aus Zufall, Wachsamkeit und Professionalität sein Überleben sichert. 


 Um sein Verständnis von Unvoreingenommenheit zu gewährleisten, sucht er sich an jedem Ort Gesprächspartner auf allen Seiten. Kurz vor Beginn des Irakkriegs reist er durch das Land und beschreibt etwa die Distanz der dortigen Kurden zu Saddam wie zu den Amerikanern – auch wenn alle in Amerika leben möchten. Später untersucht er, wie es geschehen konnte, dass die Stimmung im Lande umschlug warum sind die ehemaligen Amerika-Unterstützer im Irak heute „Widerstandskämpfer“? Burke befragt Beamte und Gefangene, Menschen auf der Straße, Imame und Uniformierte. Im kurdischen Suleimaniye verbringt Burke Stunden im Gefängnis, wo ein ehemaliger Folterer aus den Reihen der Baath-Partei ihm berichtet, sogar neugeborene Babys gefoltert zu haben. Später interviewt er einen Selbstmordattentäter, der im letzten Moment Muffensausen bekam. Und er spricht mit einem Waffenschmuggler, den die Amerikaner vor dem Irakkrieg als Kronzeugen aufbauten, um zu beweisen, dass Saddam Hussein Osama Bin Laden Biowaffen verkaufte. Gesichter des Krieges, der, so Burke, zwar ein richtiger Krieg ist, jedoch aus den falschen Gründen zum falschen Zeitpunkt und falsch geführt wurde. Kein Wunder, dass der Waffenschmuggler keine Wahrheit hat.


 Am Ende eines der ersten Kriegstage raucht Burke mit den jungen amerikanischen GIs aus Michigan einen Joint . Und weil ihn Stimmung und Kleidung an „Full Metal Jacket“ erinnern, liest man: „Ich erwartete fast, am Himmel den Schriftzug ‚The End‘ zu sehen.“ Doch bekanntlich kommt das Ende nur im Film. Im wirklichen Leben geht es weiter. In welchem Ausmaß diese Armee nicht vorbereitet war auf das Land, das sie befrieden wollte, erkennt Burke an einem amtlichen Dokument, auf dem versehentlich der Hinweis auf die Reichsmark-Währung nicht gestrichen wurde. So gespenstisch und anachronistisch sind die Pläne der Besatzer, so unverlässlich alle Informationen. Kaum dürfte es gelingen, mit Panzernamen wie „Blitzkrieg“, „Bladerunner“, „Beautiful Destruction“ und „Bloodlust“ den „Hadschis“ gegenüber, wie die Iraker bei den Amerikanern heißen, als Friedensbringer aufzutreten. Der Krieg hat viele Gesichter.


 Burkes Ziel, die gängigen Vorurteile und Verallgemeinerungen über Islam und „Kampf der Kulturen“ außer Kraft zu setzen, ist so ehrenhaft wie erfolgreich. Doch unter dem Schock der Terroranschläge in London von 2005 kommt Burke zu dem Schluss, dass der „Krieg der Herzen und des Verstandes“ in den Ländern, die er bereiste, von den Islamisten gewonnen wurde. Die „islamistischen Krisengebiete“ aus dem Untertitel des Buches haben – so schließt er – auch unsere Länder erreicht.


 Mit der Zeit ermüdet man gleichwohl beim Lesen dieser Reportagen. Anders als der polnische Kriegsreporter Ryszard Kapuczinski etwa fehlt Burkes Geschichten wie schon erwähnt der Einblick in den Alltag. Einmal wünscht sich ein Dorf einen Brunnen, ein andermal werden die Zwänge des Mohnanbaus debattiert. Davon hätte man sich weit mehr gewünscht. Auch das Miteinander der Gemeinschaften und Nachbarn hätte interessiert: Wie kommen die Menschen zur politischen Willensbildung zusammen? Was sind ihre Hoffnungen und Lieben, welches ihre Sehnsüchte? Burkes Blickwinkel bleibt, ob er will oder nicht, dem Kampf der Kulturen verhaftet. Das ist – vielleicht – der Preis des Krieges? 
 

Reise nach Kandahar. Unterwegs in den Krisengebieten der islamischen Welt. Von Jason Burke. Aus dem Englischen von Rita Seuß. Patmos, Düsseldorf 2007.
 



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