Das große Schweigen

von Will Self

Tabu (Ausgabe I/2021)

-

In viktorianischen Zeiten war Vieles unsagbar. Aber hat sich das bis heute wirklich gerändert? Foto: Getty Images


In den schlechten alten Zeiten war die Gesellschaft voller Tabus – nicht wahr? Im gesamten 19. und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein waren selbst die aufgeklärtesten und liberalsten Kulturen geradezu besessen von diesen Codes und Methoden zur Kontrolle ihrer Mitglieder. Viele der Tabus waren so fest verankert, dass wir Mühe hatten, die Grenze zwischen dem gerade noch Erlaubten und dem im wörtlichen Sinne Undenkbaren zu erkennen.

Ich sage bewusst „wir“, weil ich in genau so einer Gesellschaft aufgewachsen bin. In einer Gesellschaft, die von Tabus zerfressen war wie eine Leiche von Würmern. Zumindest empfanden das mein erwachender Geist und mein sich entwickelnder Körper damals so. Ich war offensichtlich ein sexuelles Wesen – vielleicht sogar auf besonders ausgeprägte Weise. Ich kann mich tatsächlich nicht an irgendeine Zeit erinnern, in der ich keine erotischen Gedanken hatte und mich nicht mit den Körpern anderer beschäftigte. Trotzdem war ich von mittelalten und älteren Menschen umgeben, die sich völlig bar jeder Sexualität zeigten und sich in einem gänzlich unnatürlichen Umfeld zu bewegen schienen.

Meine Eltern waren vergleichsweise alt für ihre Zeit. Bei meiner Geburt im Jahr 1961 war meine Mutter vierzig, mein Vater ein Jahr älter. Als Amerikanerin, die in New York aufgewachsen war, trat meine Mutter sehr viel forscher auf (dieses anachronistische Etikett scheint hier angebracht) als mein Vater. Im Sprachgebrauch der Zeit hatte sie eindeutig „eine Vergangenheit“. Ihr gehörten die Werke von Freud, Fromm und de Beauvoir, die ihre Titel „Tabu!“, „Liebe!“ und „Sex!“ von unseren Bücherregalen herabschrien. Die unerträglich langweiligen Bücher über Politik waren eher nach Dads Geschmack, da er dieses Fach an der Hochschule unterrichtete.

Über Sexualität wurde in meiner Kindheit nicht gesprochen

Da war also diese Schlaftablette Dad – und da waren seine Eltern und ihr Milieu, in dem wir viel Zeit verbrachten. Meine Großeltern wurden in den 1890er-Jahren geboren. Meine Großmutter wurde als kleines Mädchen einst hochgehoben, um Queen Victorias Trauerzug zu sehen; beide waren zwangsläufig Viktorianer. Ich kann mich nicht erinnern, dass einer von ihnen jemals auf irgendeine Weise über menschliche Begierden gesprochen hätte. Manchmal besuchten wir zum Tee auch die sogenannten „Jungferntanten“ aus der Nachbarschaft. Das waren unverheiratete Frauen unbestimmten Alters, die immer noch Kleider aus dem schwarzen Seidenstoff der 1920er-Jahre trugen. 

Mein Vater, der Golf und Tennis liebte, hatte zwei enge unverheiratete Freunde. Sie waren seine bevorzugten Sportskameraden. Als mein Bruder und ich ins Pubertätsalter kamen, realisierten wir, dass die beiden schwul sein mussten. Nicht, dass unser Vater dies jemals zugegeben hätte – oder überhaupt hätte zugeben können. 

Über aktive Heterosexualität wurde in meiner Kindheit ebenfalls nicht gesprochen. Diese Sprachlosigkeit spiegelte sich auch in der Literatur wider: Als unersättlicher Romanleser durchwälzte ich die Werke von Dickens, Trollope, Eliot und anderen nach der kleinsten Andeutung von Haut-auf-Haut. Ich konnte aber nicht einmal ein Kopularverb finden, das auf Kopulation hingedeutet hätte, nur Ellipsen und andere Formen typografischer Zäsuren. Aber im Ernst: Damals zerbrach ich mir im Bett liegend den Kopf darüber, wie es die menschliche Spezies im Verlauf des letzten Jahrhunderts nur geschafft haben konnte, ein solch exponentielles Wachstum hinzulegen.

Man versteckte ihre wahre sexuelle Orientierung hinter einem Vorhang abscheulicher Zweideutigkeiten

Was die Homosexualität betrifft, erlebten die meisten Briten in den späten 1960er- und 1970er Jahren eine seltsame Offenbarung (die meinen Vater allerdings unberührt ließ): Im Jahr 1957 empfahl der sogenannte „Wolfenden-Report“ – eine von der britischen Regierung in Auftrag gegebene Untersuchung – die Entkriminalisierung von einvernehmlichem Sex zwischen Männern (lesbische Liebe war in Großbritannien nie illegal, was allerdings kein Resultat von Liberalität war, sondern eher das eines Tabus, vermischt mit der guten alten Misogynie). Es bedurfte allerdings noch eines weiteren Jahrzehnts, bis diese Empfehlung in einem Gesetz verankert wurde. Während dieser Jahre, und noch einige Zeit danach, waren unsere Radiosender und TV-Bildschirme voll von schwulen Comedians und Moderatoren, deren affektiertes Verhalten schlichtweg als amüsante Extravaganz behandelt wurde. Gleichzeitig versteckte man ihre wahre sexuelle Orientierung vor aller Augen hinter einem Vorhang abscheulicher Zweideutigkeiten.

So wie ich niemals herausfand, ob die Viktorianerinnen und Viktorianer jemals kopuliert haben, so blieb mir auch unerklärlich, wie mein Vater imstande war, das Offensichtliche zu leugnen: dass zumindest zwei (und womöglich mehr) seiner engsten Freunde schwul waren. Aber er gab es nie zu – genauso wenig wie meine Großmutter jemals ihren Glauben an Gott und ihre Mitgliedschaft in der Church of England aufgab, jener eigenartig lauwarmen Version des Christentums. Sie wurde ins Grab gelegt, ohne jemals über Sex oder auch den Tod gesprochen zu haben. '

Wenn ihn meine freudianischen Ausflüge zur Verzweiflung brachten, pflegte mein Vater zu sagen: „Nicht alles dreht sich um Sex, musst du wissen. Ich bin mir sicher, dass Agatha und Dreda in ihrem Leben noch nie auch nur einen sexuellen Gedanken gehabt haben.“ Agatha und Dreda waren die beiden erwähnten Jungferntanten.

Der Tod bleibt weiterhin größtenteils unsagbar

Nun sind alle diese tabugeplagten Verwandten schon längst gestorben, während mich eine Gesellschaft und eine dazugehörige Kultur umgibt, die sich ihrer Tabulosigkeit rühmt. Zumindest, was sexuelle Tabus betrifft. Der Tod bleibt jedoch weiterhin größtenteils unsagbar, außer, er wird durch die amüsante Gothic-Kultur modelliert, oder durch unterhaltsamen Horror. Trotzdem frage ich mich, ob unsere Sexualität heute wirklich ein offenes Buch ist, selbst in westeuropäischen Ländern, die für Toleranz und Inklusion denen gegenüber stehen, die keine heteronormative Orientierung haben oder sich als non-binär verstehen. Denn wenn ich das Pech habe, über eine Sexszene zu stolpern, die für den Mainstream-Fernsehkonsum gedreht wurde, dann sehe ich nach wie vor einen verstohlenen und verschämten Akt, der meistens in aller Schnelle beendet wird. 

Der britische Schriftsteller Martin Amis bemerkte einmal, Sex zwischen lang verheirateten Paaren sei wie Inzest unter Geschwistern: Es passiert sehr selten und wird immer begleitet von großer Scham bei beiden Beteiligten. Manchmal frage ich mich, ob unsere alternde Bevölkerung nicht jenen lang Verheirateten gleicht, für die Liebemachen tatsächlich nur noch eine verblassende Erinnerung gegenseitiger Anziehung ist. Vielleicht kommen daher all diese Darstellungen von jugendlichem, sportlichem und scheinbar ungebundenem Sex. 

Die Leute mögen die Freiheit genießen, im Privaten die abseitigste und hemmungsloseste Freizügigkeit auszuleben, aber die öffentliche Sphäre bleibt seltsam leer, abgesehen von den erwähnten Leibesübungen. Ja, doch, natürlich kenne ich das Internet und seine nahezu grenzenlosen Darbietungen vielfältigster Perversität; ich weiß auch, dass ich mit nur wenigen Klicks ein Video aufrufen kann, in dem ein Mann Sex mit einem Esel hat – oder ein Esel mit einem Mann, wie auch immer.

Tabus, die wir glaubten hinter uns gelassen zu haben, werden immer wieder reproduziert

Aber Tatsache ist, dass ich diese Klicks nicht tätige – zumindest kaum. Der Vergleich mag irritieren, aber ähneln wir nicht, wenn wir uns dem Cyber-Sex hingeben, den sexuellen Heuchlern vergangener Zeiten? Sie ließen sich in ihren Salons, in denen die Tischbeine mit niedlichen kleinen Schürzen verdeckt waren, über hoch intellektuelle Dinge aus, um dann hinunter auf die Straße zu gehen und mit halbnackten Kinderprostituierten ins Geschäft zu kommen. Tabus folgen immer noch dem Weg des alten Sprichworts: Aus den Augen, aus dem Sinn. Das Internet scheint in der Tat wie gemacht dafür, erlaubt es in seinem zugleich grenzenlosen wie abgegrenzten Raum doch die Berücksichtigung nahezu unendlich differenzierter Vorlieben, Orientierungen und Identitäten. Natürlich sickert auch manches aus der virtuellen in die reale Welt durch – wobei Rachepornos, Cyber-Mobbing und selbstverständlich Kinderpornografie alles andere als opferlose Verbrechen sind.

Dennoch scheint es mir, als würden die Tabus, die wir glaubten hinter uns gelassen zu haben, in diesem glitzernd neuen Spiegel-Medium mit seiner plätschernden kommerziellen Oberfläche und seiner dunklen Schattenseite verbotener Begierden größtenteils reproduziert. Natürlich stimmt es, dass wir heute über alle möglichen Dinge sprechen (und schreiben) können, die bei meinem Vater (ganz zu schweigen von jenen Jungferntanten) für Bluthochdruck gesorgt hätten; aber es ist nicht so, dass die Welt diesen Dingen gegenüber tolerant ist. Sie hört einfach gar nicht mehr zu, so abgelenkt ist sie durch ihre endlosen narzisstischen Abbilder … von sich selbst.

Aus dem Englischen von Christian Seeger



Ähnliche Artikel

Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Weltreport)

Familie zuerst

von Sandip Roy

Sich als schwul zu outen ist in Indien kein Tabu mehr - nicht zu heiraten dagegen schon

mehr


Ganz oben. Die nordischen Länder (Thema: Skandinavien)

Ideen, die die Welt braucht

von Karola Klatt

Schneller ermitteln: das TOD-Kit

mehr


Was bleibt? (Bücher)

Künstler auf Koks

Carmen Eller

In seinem Roman „Die goldenen Jahre“ erzählt der verstorbene iranisch-amerikanische Musiker Ali Eskandarian von einem Leben zwischen Rausch und Ernüchterung

mehr


Tabu (Thema: Tabu)

Als meine Schwester starb

von Okwiri Oduor

Warum meine Familie über das größte Unglück, das uns geschah, nicht sprach

mehr


Tabu (Thema: Tabu)

Du sollst nicht lügen

von Ayelet Gundar-Goshen

Über ein Verbot, das niemand von uns einhalten kann

mehr


Tabu (Weltreport)

Kultur auf allen Kanälen

von Doris Akrap

Die Covid-19-Pandemie hat zu massiven Einschränkungen in den internationalen Kulturbeziehungen geführt. Eine nie dagewesene Herausforderung für die Kulturinstitute

mehr