„Musikalische Seide“

ein Interview mit Jan Moritz Onken

Tabu (Ausgabe I/2021)

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Der Dirigent Jan Moritz Onken. Foto: Nicolas Brodard


Herr Onken, wofür steht Ihr Orchester?

Der Begriff „ Neue Seidenstraße“ wird vor allem für ein gigantisches Infrastruktur-Projekt Chinas verwendet, das neue Handelsrouten zwischen Asien, Afrika und Europa schaffen soll. Mithilfe unserer Musik setzen wir uns dafür ein, dass jeder Mensch – wo immer auf dieser Welt – eine eigene Lesart dieses globalen Begriffes entwerfen kann. Denn noch haben wir die Chance, der „Neuen Seidenstraße“ eine europäische Interpretation – im Sinne von menschlich, inklusiv und universell – zu geben.

Wie kamen Sie auf diese Idee?

Ich habe als Dirigent an Orten entlang der Seidenstraße wie St. Petersburg und Almaty gearbeitet. Das hat mich musikalisch geprägt und ich habe erlebt, wie empfindlich Menschen auf monopolistische Deutungshoheiten im Hinblick auf Begriffe wie „Seidenstraße“ reagieren. So entstand die Idee zur Orchestergründung 2016.

Was wollen Sie mit Ihrem Orchester bewirken?

Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra zeigt seit Jahren, dass Musik Antagonismen zwischen Musikern aus dem Nahen Osten überwinden kann. Unser Orchester mit bis zu 82 Musikern aus über zwanzig Nationen richtet den Blick auf Seidenstraßen-Länder und geht sogar noch einen Schritt weiter.

Inwiefern?

Wir laden Menschen dazu ein, auf unserer Website musikalische Seide hochzuladen, also Video- und Audioaufnahmen klassischer Werke, die sie für wertvoll halten. Dafür haben wir auf Google Anzeigen geschaltet mit der Frage: „Wie würdest Du eine Seidenstraße komponieren?“ Innerhalb von zwei Jahren sind mehr als 1,2 Millionen Menschen aus aller Welt auf unserer Plattform gelandet. Für mich als Dirigent ist es sehr besonders, wenn mir in der Berliner U-Bahn eine Inspirationsquelle von einem Zuhörer aus Kinshasa, Schweden oder New York aufs Handy flattert. Jedes kleine Stück „Seide“ trägt dazu bei, dass das große Ganze, das am Ende in unseren „Berliner Dialogkonzerten“ zusammenfließt, gelingt. Der Austausch mit unseren Zuhörern bildet die Grundlage für ein „echtes“ Live-Konzert. Dafür wurden wir beim Wettbewerb „Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet.

Wie läuft diese Art von Programmentwicklung ganz konkret ab?

Die Vorstellungen von Qualität im Kontext eines bestimmten Begriffes wie „klassische Musik“ sind ja äußerst divers. Wir öffnen uns dieser Vielfalt, haben aber auch unseren eigenen Kopf. Konkret haben wir zum Beispiel bei einem Konzert im großen Sendesaal des Rundfunks Berlin-Brandenburg eine Inspirationsquelle von einem Musikliebhaber aus Peking – „5 Elements“ von Qi Gang Chen – mit „Don Juan“ von Strauss und dem „Feuervogel“ von Strawinsky kombiniert. Bei einem Konzert im Botanischen Garten teilten Ideengeber aus Tübingen, Budapest und Argentinien ein Programm aus Mozart, Ligeti und Debussy.

Was ist noch anders an Ihrem Orchester?

Viele Orchester definieren sich über den Namen einer Stadt, eines Komponisten oder über die Form, etwa „philharmonisch“. Wir sind weder ein Studenten- noch ein Projektorchester. Wir entwickeln uns unabhängig von gängigen Kategorien ständig weiter. Mir ist jedenfalls kein zweites Orchester bekannt, bei dem ein weltweites Publikum so viel mitgestalten kann!

Wie setzen Sie das technisch um?

Unser Klangkörper gleicht einem großen Schwarm, der sich je nach Programm, Ort und finanziellen Möglichkeiten in wechselnder Besetzung von neun bis 82 Musikern immer wieder neu zusammensetzt. Wir kooperieren unter anderem mit den Berliner Barocksolisten, Cantus Cölln und Stipendiaten der ArteMusica Stiftung in Frankfurt. Rechtlicher Träger ist die gemeinnützige Callias Foundation. Finanziell sind wir auf Sponsoren aus ganz Europa angewiesen. Geprobt wird an verschiedenen Orten in Berlin.

 

Das Interview führte Nicholas Brautlecht



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