Kultur auf allen Kanälen

von Doris Akrap

Tabu (Ausgabe I/2021)

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Foto: Joel Wyncott on Unsplash


Über 11.000 Maskierte waren aus den USA, aus Indien, Japan, Deutschland, Kroatien und anderen europäischen Ländern angereist. Von Tausenden Schaulustigen umringt, liefen sie durch die Straßen der nordkroatischen Hafenstadt Rijeka. Es handelte sich um den traditionellen Karnevalsumzug am 23. Februar 2020. Er war einer der ersten Programmpunkte der Europäischen Kulturhauptstadt 2020 – und ausgerechnet dieser Maskenball sollte auch die einzige Großveranstaltung im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres an der Adria bleiben. Am 17. März 2020 sagte die Stadt wegen der Ausbreitung des Coronavirus sämtliche 600 Veranstaltungen mit 350 Organisationen aus 55 europäischen und nicht europäischen Ländern ab, entließ 59 Mitarbeiter des Kulturhauptstadtprogramms und setzte eine neue Direktorin ein, um ein der Pandemie angepasstes Programm zu entwickeln.

Irena Kregar Šegota, die neue Direktorin von Rijeka 2020, erklärte: »Wir haben den Akzent nun auf die lokale Szene gesetzt, auf lokale Besucher.« Die Idee der Kulturhauptstadt, die den europäischen Austausch fördern soll, war damit so gut wie beerdigt.

Seit dem Frühjahr 2020 sind 89 Prozent aller Weltkulturerbestätten und 95 Prozent aller Museen weltweit – mit Ausnahme kurzer Unterbrechungen – geschlossen. Ähnliches gilt für Messen, Konzerte, Festivals. In Dutzenden Ländern wurden zudem partielle Notstandsgesetze erlassen, die auch die Freiheit von Presse und Kunst einschränken. Hatten sich Künstler und Kulturschaffende in der Phase des ersten Lockdowns noch allerlei einfallen lassen, um nicht zu verstummen, scheint genau das in der zweiten Welle der Pandemie zu passieren: Die Veranstaltungskalender sind leer, der Enthusiasmus, Alternativen zu entwickeln, scheint gedämpft. »Die Kulturarbeit liegt weltweit am Boden. Die Pandemie hat verheerende Auswirkungen auf die Arbeit internationaler Kulturbeziehungen«, bestätigt Gitte Zschoch, Geschäftsführerin von EUNIC, dem Verbund europäischer Kulturinstitute, der den Kulturaustausch von neunzig Ländern koordiniert. »Das, woran wir glauben und worin unsere Arbeit besteht, fehlt komplett: der Austausch zum gegenseitigen Verständnis und zum Aufbau von Vertrauen.«

Die Städte würden ohne Kulturangebote verdorren und ländliche Gegenden ohne den Kulturtourismus verlassen werden

Von der internationalen Gewerkschaft der Frauenfußballerinnen bis hin zu Akademikervereinigungen, die zu internationalen Kulturbeziehungen forschen: Alle machen sich Sorgen, wie ihre Aktivitäten in Zukunft bezahlt, organisiert und gefördert werden können. Auch wenn im Verbund von EUNIC bisher kein Kulturinstitut schließen musste und die Mitarbeiterschaft mit allen Mitteln erhalten werden soll, berichtet Gitte Zschoch von großer Unsicherheit unter den Mitarbeitern. »Alle treibt die Sorge um, dass die Budgets für die Kultur- und Bildungsarbeit mit Drittstaaten im nächsten Jahr schrumpfen werden«.

Genau davor warnt auch der Europa- und Kulturpolitiker Gijs de Vries: »Kultur darf nicht als Kostenfaktor, sondern muss als Investment betrachtet werden«. Wieder einmal werde Kultur als Luxus behandelt anstatt als unabdingbarer Bestandteil der menschlichen Existenz, sagt er. Nicht nur weil er die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Kultursektor untersucht hat, forderte de Vries den Europarat und das EU-Parlament zuletzt auf, die Kultursektoren im Covid-19-Gesamtrettungspaket explizit zu berücksichtigen. Obwohl der Wirtschaftsanteil der Kultur in der EU 4,2 Prozent betrage, werde sie mit gerade mal 0,15 Prozent des EU-Budgets bedacht. Im Juli 2020 habe der Rat für den Zeitraum zwischen 2021 und 2027 zudem lediglich 1,6 Milliarden Euro für Creative Europe, das Flaggschiff unter den europäischen Kulturprogrammen veranschlagt. Viel weniger, als die Kulturbranche gefordert hatte. Dabei könne sich die digitale Industrie ohne kreative Inhalte nicht erholen, so de Vries. Die europäischen Städte würden ohne Kulturangebote verdorren, und ländliche Gegenden ohne Kulturtourismus vollends verlassen werden. »Die Kultur ist Teil der Lösung, wie sich Europa von der Corona-Pandemie erholen wird«, sagt de Vries.

Dabei muss man konstatieren, dass die EU nicht völlig untätig ist. Die Europäische Kommission hat etwa die Plattform creativesunite.eu gegründet, um lokalen, regionalen und nationalen Kulturinitiativen eine digitale Bühne zu geben. Doch damit sei es nicht getan, meint Gitte Zschoch. »Es ist verständlich, dass die Länder zunächst nationale Förderprogramme auflegen, aber der internationale und innereuropäische Kulturaustausch muss als Gegengewicht zu einer Renationalisierung der Kultur im Fokus bleiben.«

So wie in vielen anderen Bereichen wurden auch in der Außenkulturarbeit digitale Formate ausprobiert, von denen einige, wie etwa Audio-Walks, schon lange bestehen und andere noch so sehr in den Kinderschuhen stecken wie die europäische Kulturarbeit selbst: Hackathons, Social­-Media-Kampagnen, virtuelle Ausstellungen, Künstliche Intelligenz für Sprachkurse.

»Alles, was online gemacht werden kann, wurde auch gemacht«, berichtet Gitte Zschoch. So sei etwa das äthiopische Projekt »Tibeb be Adebabay« (»Kunst im öffentlichen Raum«), ins Digitale verlegt worden – und damit auch die Definition und Vorstellung von öffentlichem Raum zur Debatte gestellt worden. Das von EUNIC gegründete »Nogoonbaatar Eco Art Festival«, das sich in Ulan Bator mit der sehr hohen Luftverschmutzung in der mongolischen Hauptstadt beschäftigen sollte, sei wiederum aufs nächste Jahr verschoben worden. Man habe sich gegen eine digitale Version entschieden, da viel zu wenig Leute vor Ort einen Internetzugang hätten.

Die Pandemie hat Gruppen ans Licht der Öffentlichkeit gebracht, die sonst im Schatten stehen

Auch in Rijeka brauchte man keine Leute mehr, die Bühnen aufbauen, keine Moderatorinnen, die Künstler ankündigen, und keine Pressekoordinatorinnen, die die Interviews mit ihnen organisieren. Bürgermeister Vojko Obersnel versprach im Frühjahr, alles zu tun, um das Programm ins Digitale zu transformieren – und nahm prompt eine Video-Grußbotschaft an Rijekas Partnerstadt Neuss auf. Sein Neusser Amtskollege Reiner Breuer tat es ihm gleich. Ausgerechnet in diesem Jahr hätte das dreißigjährige Jubiläum ihrer Städtepartnerschaft gefeiert werden sollen. So nett diese Videobotschaften gemeint waren, so sehr erinnerten sie an starre Protokolle, deren größter Mehrwert darin besteht, dass man beim anschließenden Sektempfang miteinander ins Gespräch kommt.

Doch einige künstlerische Projekte von Rijeka 2020 entwickelten weitaus mehr Kreativität. Eines davon fand im Rahmen des Projekts »27 Neighbourhoods« zwischen dem nordkroatischen Bergdorf Mrkopalj und den Niederlanden statt. Die Performancekünstlerin Lieke Benders und ihr holländisches Künstlerkollektiv »Hoge Fronten« entschlossen sich, aus ihrem Projekt eine virtuelle Life-Performance zu machen: Einen Tag lang konnte man auf YouTube den Bewohnern des Dorfes live in einem 360-Grad-Video begegnen. Man konnte ihnen beim Gehen und Fahren durch die Dorfstraße, beim Klavierspielen, beim Gärtnern und Reden zusehen. Sie hatten sich dabei selbst per Handykamera gefilmt.

Trotz aller Eintönigkeit hätten digitale Konferenzen, sagt Gitte Zschoch, auch Vorteile mit sich gebracht: »Die Vielstimmigkeit von Menschen aus aller Welt kann ohne großen Aufwand und wesentlich klimaneutraler organisiert werden.« Noch etwas hat sie beobachten können: Die Überwindung von Hierarchien. Ein »Sprechen auf Augenhöhe« gestalte sich in einer digitalen Konferenz wesentlich leichter.

Die Geschäftsführerin von EUNIC berichtet zudem, dass die Zeit ohne Veranstaltungen in den europäischen Kulturinstituten auch genutzt werde, um grundsätzliche Fragen zu diskutieren: Wie lassen sich im digitalen Raum Gemeinschaften bilden? Für wen wird Kulturarbeit gemacht? »Unsere Arbeit ist oft elitär«, räumt Zschoch ein. »Oft liegen die Kulturinstitute in gut situierten Stadtteilen. Da stellt sich schon die Frage: Wer kommt da eigentlich hin?«

Die Pandemie hat Gruppen ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, die sonst eher im Schatten stehen: Eltern, Senioren, Pflegepersonal. So sei es auch in der auswärtigen Kulturarbeit, sagt Zschoch. Man lerne durch die Pandemie, was voneinander lernen wirklich heißt. »Wir gucken etwa nach Japan, um zu lernen, wie dort Sprachkurse für ältere Menschen gestaltet sind.«

Der Umzug anlässlich des »Karneval in Rijeka« steht für Februar 2021 bislang immer noch im Kalender. Ursprünglich sollte er das Hauptstadtjahr beenden. Jetzt steht fest, dass Rijeka, so wie auch die andere Kulturhauptstadt 2020, das irische Galway, ihren Titel bis zum April behalten können.



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