Der Damm

von Michelle Winters

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)


Mit meinem UFO-Nachtlicht lese ich den neuen Zoey-Malone-Krimi unter der Bettdecke, als ich durch den Flur Conrads Bettfedern quietschen höre. Ich horche nach der sich öffnenden und schließenden Schlafzimmertür von Dad und Rachel. Das Schlafwandeln hat ein paar Wochen nach unserem Einzug angefangen, gleich nachdem wir den Damm gefunden hatten.

Dad sagte, nach New Brunswick ziehen sei ein Kinderspiel. Ein Befreiungsschlag. Hypothekenfreies Wohnen und naturnahe Kindheit für Conrad – obwohl er viel zu klein ist, um sich an das handtuchgroße Stück Gras vor unserem Haus in Toronto zu erinnern, wo er auf einem Deckchen, das unwesentlich kleiner war als der Rasen, x-mal fotografiert wurde.

Ich weiß aber den wahren Grund, weshalb wir hierhergezogen sind: Dad hat seinen Job bei dem Solarmodulhersteller verloren, bei dem er beschäftigt war. Conrad ist mein kleiner Bruder, aber kein ganz echter, denn Rachel, seine Mama, ist meine Stiefmutter. Ich darf sie nicht so nennen, das Wort gefällt ihr nicht. »Schwester« ist ihr lieber. Etwa ein Jahr nach dem Tod meiner Mama hat sie mir bei der Parade zum Earth Day ein Peace-Symbol ins Gesicht gemalt. Sie und Dad haben ein paar Minuten miteinander geredet, dann malte sie ihm ihre Telefonnummer auf die Hand.

Rachel ist fünfzehn Jahre jünger, aber Dad sagt, Seelen haben kein Alter. Conrad wurde ganzheitlich in einer Plastikwanne zu Hause geboren. Ich konnte Rachel vom anderen Ende des Flurs hören, wo ich mit ihren Freundinnen saß, die trockene Blätterbüschel anzündeten und mir eines zum Herumwedeln gaben, es reinigt die Luft, sagten sie. »Er wird was ganz Besonderes«, sagte eine der Freundinnen zu mir und musste dabei die Stimme heben, um Rachels Geschrei zu übertönen.
In den Seeprovinzen lebt es sich so billig, dass Dad nicht mal mehr arbeiten muss. Er sagt, dass er nie mehr einen Anzug anziehen muss, kommt keinen Tag zu früh. Rachel hat einen Job als Wellnessberaterin bei einer hiesigen Bank, wo sie die Mitarbeiter in ein gesünderes Leben mit Salat und Yoga einführt, Dad ist zu Hause bei uns. »Rachels Karriere ist wichtig«, sagte er, als wir ihr am ersten Morgen nachsahen, während sie davonfuhr, und verwuschelte mir das Haar, »und mir verschafft sie Gelegenheit, mit meinem Mädchen zusammen zu sein.«

Den Damm fanden wir bei unserem ersten Gang über unser Anwesen. Dad sagte, er werde einen Permakulturgarten anlegen, und Rachel versprach er, jeden Tag rauszugehen und für die ausgefallenen Gerichte, die er kochen werde, die perfekte Knoblauchzehe für sie zu pflücken. Als wir an dem Tag losgingen, führte er Conrad an der Hand, sodass ich vorausging und als Erste die aufgetürmten Stangen über den Hügel ragen sah. In Gedanken spulte ich eilig sämtliche Tiere ab, die ich kannte, um mir dieses Bauwerk zu erklären. Vögel konnten es nicht gewesen sein, Elche ebenso wenig, und Bären wohnen in Höhlen. Es konnte nur eine Hexe gewesen sein.

»Ba-da?«, fragte Conrad, als sie mich eingeholt hatten, und stieß mit den Fingern in die Luft.
Dad hievte sich Conrad auf den Arm.
»Ist das ein ...?«, fragte ich.
»Ja«, sagte Dad nach einer Sekunde. Er sah nicht erfreut aus. »Sieht aus wie ein Biberdamm.«
»Bidam«, sagte Conrad.

Ich hatte letztes Jahr ein Referat über Biber gehalten und wusste, dass sie Dämme und Burgen aus Ästen und Zweigen errichten, aber das hier war zum Teil aus Stämmen gebaut. Der Biber ist unser Nationaltier, außerdem ein Symbol der kanadischen Industrie. Seine Zähne enthalten Eisen. Zu meiner Präsentation gehörten auch Bilder; und um die Kraft ihrer Kiefer und ihren Arbeitseifer zu demonstrieren, hatte ich eines von einem riesigen Ahornstamm, den ein Biber gefällt hatte. Er kaut unermüdlich. Der Biber ist neben dem Menschen das einzige Tier, das seine Umgebung von Grund auf umgestalten kann. Ich dachte, ich wüsste alles über Biber, aber dass sie derart groß bauen, hatte ich nicht gewusst.

»Na gut, gehen wir«, sagte Dad, legte mir die Hand zwischen die Schulterblätter und lenkte mich zurück Richtung Haus. Am selben Abend machte er Vollkornnudeln mit Wiesenchampignons, Zitronenschale und Parmesan.
»Rachel, ich habe einen Biberdamm gefunden!«, verkündete ich, als wir uns zu Tisch setzten. »Gleich unten am Bach! Er ist riesig!«
»Bidam!«, prustete Conrad.
»Toll!«, sagte sie, machte ihm große Augen und wischte sein versabbertes Kinn ab. Dann blickte sie Dad an.
»Biber«, sagte sie und hob die Brauen.
»Hm«, sagte Dad, hob ebenfalls die Brauen und schob sich mit der Gabel eine Nudel in den Mund.
»Wieso hat der Makler nichts gesagt?«, fragte sie. »Das ist eine Pest.«
»Ich, äh –«
»Weißt du, dass letztes Jahr in Weißrussland ein Biber einen Mann getötet hat?«, sagte sie. »Marschierte einfach auf ihn zu und biss ihm ins Bein. Hat ihm die Oberschenkelarterie durchtrennt. Der Mann ist verblutet, einfach so im Wald.«
»Rachel ...«, sagte Dad.
»Er muss weg«, sagte sie zu ihren Nudeln.
»Einen Biberbau kannst du nicht einfach zerstören«, sagte Dad. »Er ist Teil des Ökosystems. Womöglich bringen wir ganze Fischspezies um, wenn wir ihn kaputt –«
»Was schlägst du vor, David?«, fragte sie. »Willst du Knoblauch für sie pflücken?«
»Es ist illegal«, sagte er. »Darauf stehen Geldstrafen.« »Also, ich bin sicher, es fällt dir was ein.«

In dieser Nacht hörte ich die Haustür gehen, als ich schon hätte schlafen sollen, und dachte mir erst nichts, denn Rachel geht manchmal raus zum Rauchen. Aber es war nicht Rachel, es war Conrad. Ich schaute aus meinem Schlafzimmerfenster und sah ihn in seinem Raumschiffpyjama barfuß durchs Gras Richtung Damm gehen wie ein Zombie. Ich rannte hinunter und holte ihn noch rechtzeitig ein. Er schlief fest. Beim Frühstück hatten Dad und Rachel Streit. »Dieses Verhalten ist stressbedingt«, sagte Rachel. Dad brach in ein Kurzgelächter aus.

Conrad tut es jetzt jede Nacht. Er wacht auf, pinkelt auf den Boden und macht sich auf den Weg zum Damm. Dad hat am oberen Ende der Treppe ein Gitter befestigt und an der Haustür ein extra hohes Kettenschloss. Beim Abendessen bekamen er und Rachel wieder Streit, als er sagte: »Wir müssen nicht jedes Mal wie Fallschirmjäger sein Zimmer stürmen, Rachel.« Wenn man Conrad rechtzeitig erwischt, kann man ihn aufs Klo führen, und er macht alles im Tiefschlaf. Dann steckt man ihn wieder ins Bett, und er wacht nicht mal auf.

Die Klospülung geht, und zweierlei Schritte tappen über den Teppich zu Conrads Zimmer. Die Bettfedern quietschen, und seine Zimmertür schließt sich. Ich horche auf das Geräusch der Schlafzimmertür von Dad und Rachel, doch es öffnet sich stattdessen das Gitter am oberen Ende der Treppe und schließt sich wieder mit einem Klicken, Füße patschen die Treppe hinunter, die Kette an der Haustür klimpert am Türstock. Ich stürze zum Fenster und sehe Dad, der barfuß durch den Garten in Richtung Damm geht. Farben sind schwer zu erkennen, weil nur eine Mondsichel am Himmel steht, aber nachdem ich ihn jahrelang morgens zur Arbeit habe gehen sehen, weiß ich, dass er seinen blauen Anzug trägt. 

Aus dem Englischen von Barbara Schaden



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