Das gibt’s doch gar nicht!

von Paul La Farge

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)

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Illustration: Julia Praschma


Vor einigen Jahren hielt ich eine Lesung an einer Universität in New York City. Im Anschluss an meinen Auftritt meldete sich eine angesehene Englischprofessorin. Sie fragte, ob mein letzter Roman, gespickt mit einer Vielzahl von als Wahrheit getarnten Unwahrheiten, es Leserinnen und Lesern nicht zu schwer gemacht habe, Fakt und Fiktion zu unterscheiden. Wir befanden uns damals bereits mitten in der Trump-Ära. Der Begriff „Fakten“ war also schon derart politisiert, dass jeder seine eigene Definition pflegte. War es für einen ernst zu nehmenden Schriftsteller wie mich unter diesen Umständen nicht geradezu riskant, Dinge zu erfinden?

Ich hielt die Frage meiner Zuhörerin damals für eine relativ einfache. Immerhin stand das Wort „Roman“ in gut lesbaren Druckbuchstaben neben dem Barcode auf dem Umschlag meines Buches – nebenbei bemerkt dem einzigen Teil meiner Literatur, den man wirklich ernst nehmen sollte. „Caveat lector“, heißt es im Lateinischen: „Möge der Leser sich in Acht nehmen.“ Trotzdem rührte aus der besorgten Frage der Professorin natürlich eine tiefergehende Problematik, die es verdient hat, genauer unter die Lupe genommen zu werden: Haben Schriftsteller in einer Zeit, in der Uneinigkeit darüber herrscht, was „die Fakten“ sind, eine besondere Verantwortung? Hat die Fiktion die Macht, noch mehr Verwirrung zu stiften? Man könnte diese Frage aber natürlich auch anders stellen: Haben fiktive Erzählungen das Potenzial, eine derart aufgerührte Welt wieder zu beruhigen?

Der richtige Ansprechpartner für eine solche Frage scheint mir, wie so oft, Franz Kafka. Immer wieder komme ich in ganz verschiedenen Kontexten auf seine Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“ zurück, in der ein Affe namens Rotpeter über seine Gefangennahme durch Mitarbeiter des Zirkus Hagenbeck berichtet – und über seine Entscheidung, sich im Käfig auf dem Schiff nach Hamburg als Mensch auszugeben, um dem elenden Leben in Gefangenschaft zu entgehen. Zwar stellt sich schon allzu bald heraus, dass die Welt auch mit einem sprechenden Affen nicht viel besser umspringt als mit einem stummen. Doch in seiner großen Rede vor der Akademie stellt Rotpeter klar: „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen.“

Auch wenn wir es nicht gerne zugeben: Authentizität ist immer auch eine Frage des handwerklichen Geschicks

Selbst in diesen wunderlichen Zeiten, in denen uns kaum eine böse Überraschung erspart bleibt, dürfte Leserinnen und Lesern nach der Lektüre weiterhin klar sein, dass Affen nicht sprechen können. Und darum geht es Kafka in seiner Geschichte ja auch gar nicht. Die Frage nach tatsächlichen oder „alternativen“ Fakten spielt keine Rolle. Vielmehr will uns „Ein Bericht für eine Akademie“ zum Nachdenken anregen: über unser eigenes Affentum, gewiss, aber möglicherweise auch über mehr. Über die Erfahrungen versklavter Afrikaner, zum Beispiel, die unter weitaus schlechteren Bedingungen als Rotpeter in die Neue Welt verschifft wurden, oder über das Schicksal eines tschechischen Juden in den letzten Tagen der österreichisch-ungarischen Monarchie. Heute denken Leserinnen und Leser bei der Kafka-Lektüre vielleicht auch über die Nöte syrischer Geflüchteter in Europa nach und darüber, was es bedeutet, ein Außenseiter zu sein. Die Geschichte von Rotpeter ringt uns Empathie ab und verlangt Einfühlungsvermögen von uns, für andere Menschen und vielleicht sogar für andere Kreaturen. Diese Aufforderung an die Leserschaft ist das Herzstück der Erzählung – und der Grundstein für ihre literarische Kraft. 

Fiktionale Werke entfalten ihr Potenzial dadurch, dass sie uns fühlen lassen. „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“, fragt der Philosoph Thomas Nagel in seinem berühmten gleichnamigen Essay und kommt zu dem Schluss, dass wir es nicht wissen können. Und genau an dieser Stelle setzen Romane an: Sie erzählen uns, wie es ist, eine Fledermaus, ein Geflüchteter, ein Zauberlehrling, ein Vater oder ein Hausmann zu sein. Das Vertrackte ist natürlich, dass die Subjektivitäten anderer Menschen, ganz zu schweigen von den Subjektivitäten von Fledermäusen und Affen, unergründlich sind. Schriftstellerinnen und Schriftsteller müssen sie demenstprechend mit Spekulationen anreichern und ihrer Leserschaft im gleichen Zug glaubhaft machen, dass ihre Geschichten, wenn sie schon nicht wahr sind, doch zumindest einen wahrhaftigen Kern haben; dass sie etwas zutiefst Richtiges über die Welt aussagen und darüber, wie es in den Köpfen anderer Menschen aussieht. 

Doch mittlerweile lösen fiktive Erzählungen, die vorgeben, dass „der Andere“ spricht – sei es eine Person anderer Ethnie, anderen Geschlechts oder anderer sexueller Orientierung als der Autor –, gerade wegen dieser einmaligen Qualität große Ängste aus. Die Leserschaft fragt den Schriftsteller: „Wenn Sie niemals ein X gewesen sind, wie können Sie dann über das Leben eines X schreiben? Wie können wir Ihnen vertrauen?“ Dabei steigt der Argwohn noch weiter, wenn man sich vor Augen hält, dass auch die Erfahrungen von wie auch immer gearteten Gruppen, sei es die „jüdische Lebensrealität“ oder die „homosexuelle Lebensrealität“, nicht homogen ist, sondern bei genauerer Betrachtung womöglich in unendliche viele Einzelerfahrungen zerfällt. Könnten Fledermäuse uns Bericht erstatten, wie es sich als Fledermaus lebt, dann kämen sie sicher zu anderen Ergebnissen als menschliche Autoren – und bald schon würde man die Zwergfledermaus über den Flughund sagen hören: „So eine richtige Fledermaus bist du aber eigentlich auch nicht!“

Die beunruhigende Wahrheit ist,dass das Falsche unter die Haut geht. Vielleicht sogar mehr als das Echte

Und dennoch fühlt sich die Geschichte des Rotpeter für uns wahrhaftig an. Nicht weil wir wissen, wie es ist, ein Affe zu sein, oder weil wir mit dem ein oder anderen Affen befreundet sind. Nein, sie fühlt sich wahrhaftig an, weil Kafka sie in genial konstruierte Sätze und Absätze gießt. Der Autor wählt die Worte des Affen mit einer unerreichten Sorgfalt und verwebt politische und gesellschaftliche Themen spielend leicht mit fiktiven Ereignissen. Einmal sinniert der Affe Rotpeter über den Unterschied zwischen der Freiheit und dem Ausweg, ein anderes Mal untersucht seine Schimpansenfreundin den schaurigen „Irrsinn des verwirrten dressierten Tieres“. Kafkas Sätze drohen vor Empörung aus dem Satzspiegel zu fallen und schnappen dort zu, wo er trockene, unwiderlegbare Urteile über die Welt fällt. Der Rotpeter wird für uns lebendig, weil er eine Metapher ist, deren genaues Wesen Kafka uns wissentlich vorenthält. Ist der Affe ein Symbol für unseren Wunsch, die Abendgarderobe abzulegen und nackt durch die Savanne zu hüpfen? Ist er die Stimme der Unterjochten, die uns daran erinnert, dass Kultur – selbst in den Universitäten – auf Gewalt basiert? Steht er für beides oder gar für etwas ganz anderes? Entscheidend ist, dass wir uns trotz allem, was uns entzweit, in dem Affen wiedererkennen. Wir fühlen mit ihm. Nicht weil wir uns willenlos seiner Realität unterordnen, sondern aus dem umgekehrten Grund: Wir finden in der Absurdität seiner Realität eine bisher unbekannte Perspektive, mit der wir auf uns selbst zurückblicken können.

Die beunruhigende Wahrheit, der wir an dieser Stelle begegnen, ist, dass das Falsche, das Fiktive, unter die Haut geht. Vielleicht sogar mehr als das Echte. Mit diesem Prinzip ist fernab der Literatur auch die „Erfolgsgeschichte“ der Fake News zu erklären. Während die handelsüblichen Nachrichten uns eine komplizierte Welt zeigen, die uns immer wieder vor moralische Probleme stellt, entsprechen gut konstruierte alternative Fakten unseren Vorstellungen darüber, wie die Welt sein sollte. Gute Romane und Erzählungen funktionieren genauso. Auch wenn wir es nicht gerne zugeben: Authentizität ist immer auch eine Frage des handwerklichen Geschicks. 

Was also sollen belletristische Autorinnen und Autoren tun? Wie erwehren wir uns in Zeiten der Fake News des Vorwurfs, das Falsche zu stärken und das Echte zu schwächen? Eins möchte ich vorwegschicken: Ganz hilflos sind wir nicht!

Zum einen könnten wir uns als Lehrerinnen und Lehrer engagieren. Denn wer, wenn nicht wir, kann auf Berufserfahrung in der Konstruktion plausibler Unwahrheiten verweisen? Schülerinnen und Studierende können von uns lernen, wie Geschichten entstehen. Zum anderen können wir selbst neue Erzählungen verfassen. Vertrackte Essays darüber, dass die Welt kompliziert sein kann. Selbstzerstörerische Romane darüber, dass es unmöglich ist, alles besser zu wissen als die anderen. Und zu guter Letzt könnten wir auch – der aufmerksame Leser ahnt bereits, dass der dritte Punkt in dieser Aufzählung womöglich der stärkste ist und für das Ende aufgehoben wurde – Geschichten schreiben, die dem Leser mehr abverlangen als die simple Identifikation mit einem Protagonisten. Geschichten, die uns daran erinnern, dass Empathie – im Gegensatz zu dem schrecklichen Begriff „Nachvollziehbarkeit“– nicht auf der Gleichheit oder zumindest Ähnlichkeit zwischen uns und „den Anderen“beruhen muss. Denn die reinste Form der Empathie zeigt sich ja gerade dort, wo es uns unser Gegenüber schwer macht, einfühlsam zu sein. Auch diese Idee stammt einmal mehr von Kafka. In seiner Erzählung „Von den Gleichnissen“ beschreibt er sie so:

„Viele beklagen sich, dass die Worte der Weisen immer wieder nur Gleichnisse seien, aber unverwendbar im täglichen Leben, und nur dieses allein haben wir. Wenn der Weise sagt: ›Gehe hinüber‹, so meint er nicht, dass man auf die andere Seite hinübergehen solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn es das Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint irgendein sagenhaftes Drüben, etwas, das wir nicht kennen, das auch von ihm nicht näher zu bezeichnen ist und das uns also hier gar nichts helfen kann. Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, dass das Unfassbare unfassbar ist, und das haben wir gewusst. Aber das, womit wir uns jeden Tag abmühen, sind andere Dinge. 

Darauf sagte einer: ‚Warum wehrt ihr euch? Würdet ihr den Gleichnissen folgen, dann wäret ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen Mühe frei.‘

Ein anderer sagte: ‚Ich wette, dass auch das ein Gleichnis ist.‘

Der Erste sagte: ‚Du hast gewonnen.‘

Der Zweite sagte: ‚Aber leider nur im Gleichnis.‘

Der Erste sagte: ‚Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast du verloren.‘“

Die Gedankensprünge, die dieser Absatz erfordert, sind nicht die kleinsten – und ich bin alles andere als sicher, ob ich sie so springen kann, wie Kafka es beabsichtigte. Dennoch scheint mir „Von den Gleichnissen“ nahezulegen, dass Geschichten uns, wenn wir ihnen nur genug vertrauen, an einen Ort transportieren können, der ohne sie unerreichbar wäre. An einen Ort, der fabelhaft ist und schwer zu beschreiben, einen Ort, an dem wir die Unbegreifbarkeit des Unbegreiflichen erkennen. Wartet dort vielleicht auch die Erkenntnis, dass andere Menschen wirklich anders sind – und nicht nur der Spiegel, in dem wir unsere guten und unsere hässlichen Seiten sehen können? Die Einsicht, dass die eine Welt nicht existiert? Und erlauben uns Geschichten vielleicht, zwischen dem Hier und dem Dort hin und her zu reisen und uns eine Zeit lang zu verlieren?

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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