Von Menschen und Büchern

von Uwe Rada

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Sarajevo empfängt mich mit strahlendem Sonnenschein. Das ist hier nicht immer so, sagt Frank Baumann. Er leitet im Goethe-Institut Sarajevo die Bibliothek und ist für eine Woche einer meiner Ansprechpartner. Vor allem im Winter, sagt Baumann, liegt über dem Talkessel von Sarajevo dichter Nebel. Der Anflug auf die Stadt gilt als schwierig, oft fallen Flüge aus.

Als „Pate“ des Programms „Menschen und Bücher“ werde ich nicht nur bei einem Empfang im Goethe-Institut die gespendeten Bücher an die Bibliothek der Germanistischen Abteilung der Universität Sarajevo übergeben, sondern auch Kurse für Studenten anbieten.

Auf Wunsch der Universität biete ich einen Workshop über die Rolle George Bushs in den deutschen Medien an. Ich habe einige Titelseiten von deutschen Zeitungen dabei, die nach den Kongresswahlen in den USA erschienen sind. Wir reden also über die unterschiedliche Berichterstattung von taz, FAZ und Boulevardmedien und auch darüber, warum in Deutschland wie kommentiert wird. Die Studenten sind dabei sehr engagiert. Deutsche Zeitungen kennen die wenigsten, obwohl sie lange Zeit in Deutschland gelebt haben. Aber das war vor zehn Jahren, da waren die meisten zehn oder zwölf Jahre alt. Dennoch ist das Wissen über Deutschland erstaunlich. Als ich die Bild-Zeitung herumreiche, die nach den Kongresswahlen in den USA nicht mit der Niederlage der Republikaner aufmachte, sondern mit dem Ausbruch des „Entführers von Stefanie“ auf das Dach der JVA Dresden, lachen alle: Die Geschichte kennen wir. Woher, will ich wissen. Die Antwort: RTL.

Was ist ein Kommentar, was ein Bericht, was eine Reportage? Vor dem Workshop „Journalistisches Schreiben“ hatte ich einigen Respekt. Am Ende hat es richtig Spaß gemacht, nicht zuletzt wegen der Studenten, die ziemlich aktiv waren. Nach meiner Schilderung eines Produktionsablaufs bei einer Tageszeitung machen wir uns gemeinsam an die Arbeit: journalistische Genres benennen und in drei Gruppen sortieren: Nachrichtentext, Meldung und Bericht Kommentar, Glosse, und Kolumne Reportage, Interview, Porträt. Beispielhaft für jede journalistische Gattung habe ich einen Text dabei, den wir zusammen analysieren. Anschließend sondieren wir die Nachrichtenlage des Tages mit Internet und Beamer im Tickerserver der taz und entscheiden uns für das Thema „Amoklauf in Emsdetten“. In Gruppen sollen bis zum nächsten Tag Kommentar, Nachrichtentext oder eine Reportage geschrieben werden. Ich bin sehr gespannt. Morgen, sage ich den Studenten zum Abschluss, können Sie Ihre Texte mit denen in den „richtigen“ Zeitungen vergleichen. Journalistisches Schreiben als Live-Simulation einer Zeitungsproduktion – die Ergebnisse sind beachtlich.

Am Ende meines Sarajevo-Aufenthalts lese ich im Goethe-Institut aus meinem Oderbuch. Zwar sind die Studenten, trotz des Aushangs in der Germanistischen Abteilung, nicht in die Institutsräume gekommen. Dafür ist die „deutsche Gemeinde“ anwesend. Es ist eine schöne Lesung. Ich lese aus dem ersten Kapitel „Wiederentdeckung der Oder“, danach gibt es eine kurze, aber engagierte Diskussion. Im Anschluss an die Lesung werden die Bücher feierlich an die Bibliothek der Germanistischen Abteilung übergeben.

An meinem letzten Abend in Sarajevo beim Blick über die Stadt spüre ich es: Diese Stadt hat mich gepackt. Mit ihr bin ich noch lange nicht fertig. Es ist tatsächlich ein Trost, dass ich als „Pate“ des Programms nicht nur einmal vor Ort bin, sondern im Mai 2007 erneut eine Woche hinreisen werde, um zu sehen, was aus Menschen und Büchern geworden ist.



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