Die Macht, jemanden warten zu lassen

von Leonie Düngefeld

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)

Die Macht, jemanden warten zu lassen -

Foto: Nick Hannes/ Panos Pictures


Wann ist ein Flüchtling ein »richtiger« Flüchtling? Zuerst einmal: Die Fluchtgeschichte sollte tragisch, ein Geflüchteter möglichst der Hölle entronnen sein. Um nicht wieder zurückgeschickt zu werden, muss man seinen Leidensweg in eine überzeugende Geschichte verwandeln können. Am wichtigsten aber ist: Wer geflüchtet ist, soll dankbar sein. Dankbar dafür, in einem Camp im Dreck schlafen und drei Stunden in der Schlange anstehen zu dürfen, um von barmherzigen Freiwilligen etwas zu essen zu bekommen. »Was ist furchtbar genug, damit der Westen sich verantwortlich fühlt?«, fragt Dina Nayeri in ihrem Buch »Der undankbare Flüchtling«. Auf sehr persönliche Weise reflektiert sie die Erwartungen an Geflüchtete, das Gefühl der Entwurzelung und Wege der Anpassung an eine fremde Kultur. Sie erzählt ihre eigene Fluchtgeschichte aus Iran und die anderer Menschen, denen sie begegnet ist. 

Als Tochter eines Ärztepaares wächst Nayeri im postrevolutionären Isfahan auf, hin- und hergerissen zwischen Islam und Christentum, zu dem ihre Mutter auf einer Reise nach London konvertiert ist. In der Islamischen Republik ist die Familie dadurch ständigen Drohungen ausgesetzt. Die Mutter beschließt, mit Dina und ihrem jüngeren Bruder Iran zu verlassen. So reisen sie zunächst als Touristen zu Bekannten in Dubai und von dort nach Italien, wo sie schließlich auf Asyl warten. Sie haben Glück und gelangen in die USA, wo Nayeri später Elite-Universitäten besuchen wird. 2017, sie lebt mittlerweile in London, reist Nayeri mit der Organisation Refugee Support in das Flüchtlingscamp Katsikas in Griechenland. Einige der Menschen, die sie dort trifft, finden Platz in diesem Buch.

Nicht in die Heimat zurückkehren zu können, in der hoffnungsvoll herbeigesehnten Fremde aber auch nicht gewollt zu sein – es ist ein Privileg, dies nie erleben zu müssen

Die Schauplätze wechseln ständig, leicht verliert man den Überblick. Nayeri erzählt Fluchtgeschichten, die aus dem Iran und Afghanistan nach Moria führen, ins griechische Katsikas, nach Amsterdam oder London, Geschichten von geglückter Integration und abgelehnten Asylanträgen. Das Gefühl der Rastlosigkeit, das Nayeri seit ihrer Flucht begleitet, wird ansatzweise spürbar. Kann man als Mensch, der nie flüchten musste, dieses Buch in seiner ganzen Tiefe verstehen? Nicht in die Heimat zurückkehren zu können, in der hoffnungsvoll herbeigesehnten Fremde aber auch nicht gewollt zu sein – es ist ein Privileg, dies nie erleben zu müssen. Das Stigma eines Geflüchteten wird uns nie definieren. Zu Recht fordert Nayeri Demut, schämt sich für Menschen, »die in sicheren Wohlstandsländern geboren wurden und nach Grenzmauern schreien«.

Nayeri berichtet vom ewigen Bemühen um Anerkennung, von einem Gefühl der Minderwertigkeit und der Konfrontation mit Rassismus und Vorurteilen: »In der Schule riefen die Kinder mir Ching-Chang-Chong nach. Sie flüsterten etwas von Katzen essen und geschnürten Füßen. Sie sagten, im Iran gäbe es keine Duschen.« Die Mutter erfährt Diskriminierung, als sie in Oklahoma keine Zulassung als Ärztin erhält, der Bruder aufgrund seiner dunkleren Hautfarbe. Nayeri fühlt sich »ausgeschlossen«, »verspottet«, »wie ein Niemand«. Umso größer der Drang, es zu etwas zu bringen. Was hat sie auch zu verlieren? Mit einem unbändigen Ehrgeiz schafft Nayeri es schließlich nach Princeton und Harvard. Sie passt sich den Maßstäben der westlichen Welt an.

»Wenn der rationale Verstand eine glatte, saubere Straße ist, dann hatte unsere Schlaglöcher voller Paranoia und Angst«

»Die Flucht erschafft ein Chamäleon«, schreibt sie, »eine wachsame Kreatur, immer in Verkleidung.« Aus Euphorie und Dankbarkeit habe sie »die bestmögliche Sorte von Amerikanerin« werden wollen. Rückblickend hinterfragt Nayeri diese Strategie der kompletten Assimilation. Ein Identitätswandel sei eine »Zeit voller Selbstmitleid und Selbstverachtung«. Sie erinnert sich an die Trauer ihres Bruders Khosrou, als die Mutter ihm auf der Flucht den westlichen Namen Daniel gab. Anpassung müsse von beiden Seiten geschehen, argumentiert Nayeri, von Fremden und Einheimischen gleichermaßen.

Man erfährt von den schweren Traumata, die eine Flucht verursacht. »Wenn der rationale Verstand eine glatte, saubere Straße ist, dann hatte unsere Schlaglöcher voller Paranoia und Angst«, schreibt Nayeri. Sie selbst leidet, seit sie den Ersten Golfkrieg miterlebt hat, an Zwangsstörungen. Sie spürt ständig ein »Jucken im Kopf«, zählt ihre T-Shirts oder überprüft die Türschlösser. Die kleine Tochter von Farzaneh, die mit ihrer Familie aus Iran flüchtet, spricht monatelang kaum ein Wort, nachdem sie auf einem Schlepperboot von der Mutter getrennt werden soll. Und Kambiz, ein junger Iraner, bringt sich nach jahrelangem Warten auf Asyl in den Niederlanden um. Das Warten ist ein wichtiges Motiv für Nayeri. »Es ist die höchste Form der Demütigung, zum Warten gezwungen zu sein, und Macht besteht darin, andere warten zu lassen«, schreibt sie, und wirft der westlichen Welt vor, den Geflüchteten den Rücken zuzukehren. 

Inmitten all dieser einzelnen Erzählungen zeichnet Nayeri vor allem die Geschichte einer Emanzipation. Sie beschreibt ihre Mutter als eine starke, furchtlose Frau, eine Gefangene der Islamischen Republik und einer gewaltvollen Ehe, eine Frau, die sich nach Rebellion und Freiheit sehnt. Sie emigriert allein mit den Kindern, während ihr Mann zurückbleibt und eine weitere Frau heiratet. Auch wenn die Flucht ohne ihn wohl kaum so einfach gelungen wäre – zu oft helfen ihnen sein Geld und seine Kontakte aus der Patsche – ist es doch die Geschichte einer Frau, die sich aus ihren Ketten befreit und ihrer Tochter eine Zukunft in Freiheit ermöglichen möchte. 

»Was sie brauchen, ist Freundschaft, nicht Erlösung. Man muss ihnen die Würde zugestehen, an der Gesellschaft teilhaben zu können«

Der Autorin gelingt eine facettenreiche Synthese von Fluchtgeschichten. Sie erzählt von Moria, der »Hölle von Lesbos«, vergleichbar mit einem Gefängnis, und vom Flüchtlingsheim Barba in Italien, das zwar genauso ein trister, unmenschlicher Ort des Wartens, aber gleichzeitig ein Ort des Austauschs und des Lernens zwischen Kulturen und Religionen ist. Nayeri macht so nicht nur auf die Belastungen, sondern auch auf das Potenzial von Migration aufmerksam. 

Sie baut mit ihrer Geschichte eine Brücke zwischen zwei Welten und schlägt vor, was wir alle tun könnten: neugierig sein, Geduld miteinander haben und Geflüchteten mehr als nur eine Chance geben. »Was sie brauchen, ist Freundschaft, nicht Erlösung. Man muss ihnen die Würde zugestehen, an der Gesellschaft teilhaben zu können.« Am Ende sind es wir Nicht-Geflüchteten, die mit diesem Buch lernen können, dankbarer zu sein.

Der undankbare Flüchtling. Von Dina Nayeri. Kein & Aber, Zürich, 2020.



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