Die Kamera in den Augen des Kuscheltiers

von Sarah Murrenhoff

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)

Die Kamera in den Augen des Kuscheltiers -

Foto: Kevin Mallett/ Gallerystock


Wer hat schon Angst vor einem Furby? Diesem eulenähnlichen batteriebetriebenen Plüsch-Spielzeug der 1990er-Jahre? Ein Furby ist fellig, je nach Perspektive hässlich oder süß, macht unverständliche Geräusche und watschelt ungelenk vor und zurück. So weit, so harmlos. Was aber, wenn sich hinter den Glasaugen des Plüschroboters eine Kamera verbirgt, durch die ein User oder eine Userin an einem Bildschirm von irgendwo auf der Welt auf dich und dein Leben blickt? Wenn sich dieser unbekannte Mensch in Form eines Plüschtiers 4.0 frei durch deine Wohnung steuern kann? Das ist das gar nicht so unrealistische Ausgangsszenario des Romans »Hundert Augen« der argentinischen Autorin Samanta Schweblin.

»Kentukis« heißen die beseelten Kuscheltiere auf Plastikrädern, und sie sind schwer in Mode. Plötzlich infiltrieren sie jeden Winkel dieser Erde, es gibt sie in Form von Kaninchen, Pandas, Krähen oder auch Drachen. Sie kosten 279 US-Dollar und die ganze Welt spricht über sie. Alle wollen ein Kentuki. Eins haben oder eins sein, das ist allerdings die Frage. Denn man kann »Herr« oder »Bewohner« eines Kentukis sein in Schweblins Roman. Dieser webt sich zusammen aus Dutzenden kleinen Miniaturporträts von Kentuki-»Herren« und »Bewohnern«. Filmschnittartig entsteht ein Panoptikum an Einzelgeschichten, von denen eine beklemmender ist als die andere. Immer tiefer wird man hineingezogen in eine Welt, von der man ahnt, sie wäre hier und jetzt exakt so möglich.

Schweblin ist eine Meisterin der Kippmomente – unablässig scheinen ihre Geschichten von einer Sichtweise in die andere und wieder zurück zu kippen

Da ist Alina, die ihre Kentuki-Krähe verstümmelt, ihr die Flügel abfackelt oder sie am Ventilator aufhängt, aus Langeweile, und um ihre eigene Unzulänglichkeit zu ertragen. Da ist Enzo, geschiedener Familienvater in Umbertide in Italien, der einen Maulwurf-Kentuki anschafft, damit sein Sohn die Trennung der Eltern besser verarbeitet. Die Freundschaft, die sich nun zwischen Vater und Maulwurf anbahnt, scheint so vornehm, dass man fast geneigt ist, sich der Rührung hinzugeben. Bis man begreift, dass der Maulwurf eine gefährliche Obsession für Enzos Sohn entwickelt hat. Oder Emilia, eine Rentnerin in Lima, die sich von ihrem Sohn verlassen fühlt und ein Kaninchen in der Wohnung einer jungen Frau in Erfurt »bewohnt«. Emilias mütterliche Gefühle gehen so weit, dass bald Fotos der unbekannten Frau ihre Küche schmücken. 

Ob in »Hundert Augen« oder in den Kurzgeschichten, die die 1978 geborene und zweimal für den Man Booker Prize nominierte Schriftstellerin am liebsten schreibt: Meist erzählt Schweblin von ganz alltäglichen Momenten, doch ein gewisses Unbehagen, das Gefühl einer latenten Bedrohung liegt immer in der Luft. Schweblin ist eine Meisterin der Kippmomente – unablässig scheinen ihre Geschichten von einer Sichtweise in die andere und wieder zurück zu kippen. Sah man eben noch den süßen Maulwurf, stellt man sich im nächsten Moment den perversen Alten vor, der dahinterstecken könnte. Wie Vexierbilder überlagern sich in Schweblins Erzählungen unterschiedliche Realitäten. Dies lässt einen die Welt sehen, wie man sie vorher noch nie gesehen hat. 

In »Hundert Augen« erkundet Schweblin die ganze Spannbreite menschlichen Verhaltens. Sie erzählt von der Suche nach Nähe, von Demütigungen und unüberwindbarer Einsamkeit. Doch selbst die zärtlichsten Momente tragen schon das Vorgefühl der großen Zerstörung in sich. Nichts, wirklich nichts an ihrer Prosa ist versöhnlich. Mit poetischer Präzision führt Schweblin auch jede noch so zarte Geschichte zielgerichtet Richtung Abgrund. Jede Form von Gewissheit ist am Ende der Lektüre in Fetzen. Nur eine Ahnung drängt sich auf: Nicht in Form von Technologie holen wir das Verstörende in unsere Wohnungen. Das Verstörende war schon lange vorher da – denn es steckt viel in uns selbst. Und das ist die Form von Literatur, die so überwältigend ist, dass sie einem den Boden unter den Füßen wegzieht.

Hundert Augen. Von Samanta Schweblin. Suhrkamp, Berlin, 2020.



Ähnliche Artikel

Menschen von morgen (Thema: Jugendliche)

„Ich wollte aufhören“

ein Interview mit Gabriela Sabatini

Ein Gespräch über Zweifel am Tennisspielen, persönliche Opfer und Entscheidungen fürs Leben

mehr


Beweg dich. Ein Heft über Sport (Die Welt von morgen)

Grenzenlose Anklagen

Eine Kurznachricht aus Kanada

mehr


Menschen von morgen (Thema: Jugendliche)

Trotzki und ich

von MatÌas Javier Mlotek

Matías Javier Mlotek aus Argentinien glaubt an politisches Engagement und auch ein bisschen an die Liebe

mehr


Good Morning America. Ein Land wacht auf (Thema: Vereinigte Staaten)

Eine schrecklich nette Familie

von Michael Levitin

Was der amerikanische Familienroman über die Vereinigten Staaten aussagt

mehr


Unterwegs. Wie wir reisen (Was anderswo ganz anders ist)

Wo man in Argentinien große Scheine klein kriegt

von Karen Naundorf

Seit Tagen habe ich hundert Pesos in der Tasche und es ist wie immer in Argentinien: Der Geldautomat gibt nur große Scheine aus

mehr


Das bessere Amerika (Thema: Kanada)

Am Ende einer Odyssee

von Alberto Manguel

Wie Kanada mein Heimatland wurde

mehr