Mein erster Deutschkurs

von Gülten Dogdu

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Mein Name ist Gülten Dog¯du. Ich bin 39 Jahre alt. Ich bin Hausfrau und habe drei Kinder. Meine Töchter sind 17 und 16 Jahre alt, mein Sohn ist acht. Seit 1988 lebe ich in Deutschland. Am Anfang hatte ich Angst, weil ich hier niemanden kannte. Ich dachte, ich finde keine Freunde, kann die Sprache nicht. Es war aber ganz anders, weil ich merkte, dass viele Menschen in Deutschland Türkisch sprechen. Mein Mann fand sehr einfach Arbeit im Straßenbau. Als ich erst ein paar Wochen in Deutschland war und krank wurde, musste ich einen deutschen Bekannten zum Übersetzen mitnehmen. Ansonsten habe ich alles selbst gemacht: einkaufen, mit Lehrern reden, zum Amt gehen.

Leider hat mein Mann im Moment keine Arbeit und ich auch nicht. Deshalb muss ich jetzt an einem Deutschkurs teilnehmen, sonst können unsere Sozialleistungen gekürzt werden. Seit Juli 2006 lerne ich Deutsch an einer Sprachschule, also auch lesen und schreiben, so wie meine Nachbarinnen.

Im Kurs sind Menschen aus der ganzen Welt – von Russland bis Afrika. Ich gehe gerne hin. Leider ist mein Kopf schon so alt, dass es schwierig für mich ist zu lernen. Die deutschen Artikel sind das schwierigste. Im Türkischen gibt es keine Artikel. Meine Familie findet es gut, dass ich Deutsch lerne. Wenn ich allerdings mit meinen Kindern Deutsch rede, lachen sie, weil ich Fehler mache. Aber mein Deutsch ist besser geworden und ich kann jetzt meinem Sohn bei den Hausaufgaben helfen. In der dritten oder vierten Klasse geht das wahrscheinlich nicht mehr. Das ist dann zu schwierig. In der Türkei war ich leider auch nur fünf Jahre in der Schule.

In Kreuzberg leben zu wenig Deutsche, ich habe keine deutschen Nachbarn, mit denen ich reden kann. Ich komme also in den Kurs, spreche ein bisschen Deutsch, aber zu Hause dann wieder Türkisch. Wir haben türkisches Fernsehen, und ich befürchte, wenn der Kurs zu Ende ist, werde ich wieder alles vergessen. Ich finde es richtig, dass die Menschen, die hier leben, auch Deutsch lernen müssen. Ich würde allen raten, die hierher kommen, dass sie sofort einen Deutschkurs machen. Jetzt, wo meine Kinder groß sind, würde ich gerne arbeiten gehen, aber ich habe keinen Beruf gelernt. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch hier. Trotzdem: Deutschland ist meine zweite Heimat geworden, ich lebe gerne hier.

Protokolliert von Christine Müller



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