Republik der Stammesräte

von Pamela Palmater

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)

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Angehörige der Wet'suwet'en führen während ihres Protests gegen die Coastal Gas Pipeline eine Zeremonie durch. Foto: Amber Bracken


Kanada wird oft als friedvolles Land gepriesen, als Land der Freundschaft. Doch wenn man einen Blick auf seinen Umgang mit der eigenen indigenen Bevölkerung wirft, sieht die Realität ganz anders aus – vor allem deutlich brutaler. 

Lange bevor die ersten Europäer einen Fuß auf „Turtle Island“ setzten (so nannte die indigene Bevölkerung die große Insel, die heute unter dem Namen „Nordamerika“ bekannt ist), lebten dort indigene Menschen. Sie lebten in souveränen Gemeinschaften mit ihren jeweils eigenen komplexen sozialen, rechtlichen, ökonomischen und politischen Systemen. Jedes Volk verstand sich als selbstbestimmt, das heißt, dass es die Regierungsgewalt und Gerichtsbarkeit über sich selbst und sein Territorium innehatte.

Die verschiedenen indigenen Völker verfügten über Wissen in der Medizin und den Naturwissenschaften. Sie verstanden es, auf nachhaltige Weise ihren Lebensunterhalt zu sichern, und unterhielten Handelsbeziehungen mit anderen Völkern. Zudem besaßen sie Rechtssysteme, die über Jahrtausende hinweg verfeinert worden waren. Jede Gemeinschaft hatte ihr eigenes politisches System: Manche waren in Clans und Häusern organisiert, wie die Wet’suwet’en; andere organisierten sich nach Gebieten, wie die Mi’kmaq. Politische Bündnisse und militärische Allianzen zwischen benachbarten Völkern waren ebenfalls verbreitet.

Die Auswirkungen der gewalttätigen Kolonisierung indigener Territorien und Völker sind noch heute spürbar

Im Verlauf der gewalttätigen Kolonisierung indigener Territorien und Völker in Nordamerika wurde der größte Teil des Landes enteignet und Millionen Menschen verloren ihr Leben. Die Auswirkungen dieser Geschehnisse sind noch heute spürbar. Lange Zeit behandelte die kanadische Regierung indigene Menschen so, als gehörten sie alle einer einzigen Gruppe an, den „Indianern“. Heute unterteilt Kanada die indigene Bevölkerung in drei Kategorien: First Nations, Inuit und Métis (Begriffserklärung auf Seite 30). Diese Praxis wird der Vielfalt an eigenständigen Identitäten allerdings nicht gerecht. 

In Kanada gibt es bis zu achtzig indigene Völker, die alle ihre eigene Kultur, Sprache und Identität besitzen. Im Zuge der Kolonisierung versuchte die Regierung der europäischen Siedler, deren Gebiete unter ihre Kontrolle zu bringen. Dabei teilten sie die Völker in 634 Stämme auf. Seitdem lebt ein Großteil davon in kleinen Reservaten unter der Kontrolle des „Indian Acts“ (der sogenannten „Indianergesetze“) von 1876. Der „Indian Act“ ist Ausdruck der staatlichen Herrschaft über die „Indianer“. Er kontrolliert auch die traditionellen Regierungsstrukturen. So kam es zum Beispiel, dass die Mi’kmaq nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ in 29 verschiedene „First Nation“-Stämme unterteilt wurden, die ihrerseits auf fünf Provinzen und bis in den US-Staat Maine verteilt wurden – ein Schicksal, das sie mit unzähligen anderen First Nations teilen.

Zwar wurden vor und nach der Gründung der kanadischen Konföderation mit einigen indigenen Völkern Abkommen unterzeichnet. Doch die meisten dieser historischen Verträge wurden unter Zwang geschlossen und die offiziellen schriftlichen Versionen widersprachen dem, was den Indigenen zuvor mündlich zugesichert worden war. Diese Verträge werden jedoch noch immer von der kanadischen Regierung als Rechtfertigung für die fortdauernde Aneignung indigener Gebiete und Ressourcen herangezogen.

Die 1991 ins Leben gerufene „Königliche Kommission für Ureinwohner“ (RCAP) rekonstruiert, wie die Regierung der weißen Siedler begonnen hatte, indigene Regierungsformen zu unterdrücken: Zunächst wurden die traditionellen Regierungsformen der einzelnen Völker durch die im „Indian Act“ verankerten Gruppenräte ersetzt. Das Ziel war, indigene Regierungen zu kontrollieren und gleichzeitig die Menschen in das kanadische Staatswesen zu integrieren. Dies wurde durch strikte Essensrationierungen, Verbote der Ausübung kultureller Praktiken und Einschränkungen beim Verlassen der Reservate vorangetrieben. Und diese Maßnahmen sind keineswegs Relikte einer fernen Vergangenheit: Noch im Jahr 1969 sprach sich die Regierung in ihrem „Weißbuch zur Indianerpolitik“ für eine endgültige Assimilierung der „Indianer“ aus – und löste damit massive Proteste aus.

Tausende indigene Kinder wurden ihren Eltern weggenommen

​​​Die Folgen dieser menschenverachtenden Politik sind heute allzu deutlich sichtbar: Im Jahr 2020 sind Mitglieder indigener Völker überrepräsentiert in Pflegefamilien, Gefängnissen oder unter den Obdachlosen. Sie werden überdurchschnittlich häufig Opfer von Gewalt, Zwangssterilisierungen oder erleben polizeilichen Rassismus. Ihre sozioökonomische Lage ist die schlechteste von allen Bevölkerungsgruppen Kanadas. Im Jahr 2015 wurde der Schlussbericht der „Wahrheits- und Versöhnungskommission Kanadas“ (TRC) veröffentlicht, der die schreckliche Normalität der vergangenen Jahrhunderte dokumentiert: Tausende indigene Kinder wurden ihren Eltern weggenommen, um in „Residential School“ genannten Internaten umerzogen zu werden. Viele von ihnen wurden misshandelt oder für medizinische Experimente missbraucht. Ziel war es, den „Indianer“ im Kind zu töten.

Ein weiterer Tiefpunkt der Geschichte ist das bis heute andauernde extrem hohe Maß an Gewalttaten gegenüber indigenen Mädchen und Frauen. Sie werden drei bis dreieinhalbmal häufiger Opfer von Gewalt als nicht indigene Mädchen und Frauen. Im Jahr 2019 rief die „Nationale Untersuchungskommission für verschwundene und ermordete indigene Frauen und Mädchen“ (MMIWG) eine landesweite Krise aus und befand Kanada des fortdauernden Genozids für schuldig. Ein Genozid, der auf indigene Frauen und Mädchen abzielt und Grund ist für die hohen Zahlen an nicht aufgeklärten Gewalttaten und Mord. Immer mehr Menschen fordern die lückenlose Aufklärung dieser Taten und interpretieren sie als Folge der fortdauernden Unterdrückung durch die Zentralregierung.

Denn auch im Jahr 2020 werden die meisten indigenen Nationen nach Gesetzen regiert, die ihnen aufgezwungen wurden und die nicht ihren kulturellen Werten und Traditionen entsprechen. Das verursacht Konflikte – sowohl zwischen den indigenen Nationen und der kanadischen Regierung als auch innerhalb der Nationen selbst. Darum wird der Aufruf zur Dekolonisierung immer lauter. Einige indigene Führungspersonen weisen mittlerweile die föderale Kontrolle zurück und versuchen, traditionelle Regierungssysteme wiederzubeleben.

Die kanadische Regierung verhandelt nicht über Fragen der Souveränität oder Selbstverwaltung

Es gibt drei unterschiedliche Formen, wie indigene Nationen sich selbst verwalten: durch Gruppenräte nach dem im „Indian Act“ festgelegten Modell (die Mehrheit), als selbstverwaltete Gemeinschaften, oder mit traditionellen Regierungen. Letztere Form kommt den Regierungspraktiken, die vor dem Kontakt mit den Europäern üblich waren, am nächsten. Aber ganz gleich, welches Verfahren benutzt wird – sie alle unterliegen den Beschränkungen des „Indian Act“, was Rechtshoheit und Machtbefugnisse betrifft. Die kanadische Regierung verhandelt nicht über Fragen der Souveränität oder Selbstverwaltung. Darum kämpfen immer mehr indigene Graswurzelbewegungen dafür, die Souveränität über ihre traditionellen Gebiete wiederzuerlangen.

So wie das Volk der Wet’suwet’en, das im Frühjahr 2020 weltweit Schlagzeilen machte: Die Betreiber der Gas-Pipeline Coastal Gaslink hatten zuvor lediglich mit einigen Stammesräten der Wet’suwet’en Abkommen geschlossen, um die Pipeline durch deren Land verlaufen zu lassen. Aber Entscheidungen, die das gesamte Volk betreffen, werden bei den Wet’suwet’en noch immer nach traditionellen Gesetzen getroffen. Dabei treffen sich alle Clans bei einem Festmahl und diskutieren. Diese traditionelle Form der Regierungsführung war nie auf legale Weise außer Kraft gesetzt worden. Als die Pipeline-Betreiber mithilfe der Polizei die protestierenden Wet’suwet’en gewaltsam von ihrem eigenen Land vertreiben ließen, kam es kanadaweit zu Protesten. Sie dauerten monatelang an. Protestierende blockierten Autobahnen, Bundesstraßen, Häfen und Eisenbahnlinien. Die Föderalregierung war schließlich gezwungen, sich mit den Anführenden zu treffen. Nun soll der Verhandlungsprozess beschleunigt werden, um den Wet’suwet’en die Regierungsgewalt über ihr Land zurückzugeben.

Aus dem Englischen von Caroline Härdter



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