„Es war wie eine Revolution“

von Liane Birnberg

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)

Liane Birnberg in ihrem Berliner Atelier -

Foto: Ivette Löcker


Meine Mutter wollte aus mir die Geigerin machen, die sie selbst gerne geworden wäre. Zu Hause musste ich stundenlang üben und schaute sehnsüchtig den anderen Kindern beim Spielen auf der Straße zu. Meine Bücher und Noten an der Musikschule waren immer voll mit Zeichnungen, worüber meine Lehrer ganz entrüstet waren. Meine Kindheit war sehr schwierig, denn zu Hause herrschte immer eine düstere Stimmung. Meine Eltern hatten das KZ überlebt, aber sie haben mit meiner Schwester und mir nie darüber gesprochen, ich habe das erst sehr viel später erfahren. Wenn andere Überlebende sie besuchten, durften wir das Zimmer nicht betreten.

Überhaupt war ich ein sehr schüchternes Mädchen. Das änderte sich, als ich dann Musikwissenschaft und Komposition am Bukarester Konservatorium studierte. Mit vier Studienkolleginnen spielte ich in der ersten Frauenpopband Europas: "Venus L". Ich sang, komponierte, arrangierte, schrieb die Texte. Als ich Leiterin der Band wurde, gab mir das sehr viel Selbstvertrauen. Ich fühlte mich befreit, es war wie eine Revolution!

Ich spielte in der ersten Frauenpopband Europas

Weil wir uns keine Instrumente leisten konnten, spielte ich am Anfang Tamburin statt Klavier. Der Dekan warnte mich: "Liebe Genossin Birnberg, verschwenden Sie nicht Ihre Talente. Ich vertraue darauf, dass Sie auf den richtigen Weg finden!" Popmusik war Ende der 1960er-Jahre verpönt. Noch dazu drangen wir in eine Männerdomäne ein.

Trotzdem schafften wir es, berühmt zu werden. Wir traten live auf, im Fernsehen und im Radio. Eine Fernsehsendung wurde gestrichen, weil einige unserer Songtexte politisch nicht genehm waren. Ich liebe klassische Musik und habe mich viel mit Neuer Musik beschäftigt. Doch diese Zeit mit "Venus L" war meine schönste Zeit überhaupt. 1977 besuchte ich meine Schwester in Köln, die ein paar Jahre zuvor legal aus Rumänien ausgereist war. Einen Tag nach meiner Ankunft dort ereignete sich ein schweres Erdbeben in Bukarest. Viele meiner Freunde waren unter den Opfern. Mein Vater bat mich, nicht mehr zurückzukehren. Ich kam in ein Durchgangslager in der Nähe von Dortmund. Dort erhielt ich einen deutschen Pass, quasi meine neue Identität. Das war möglich, weil meine Eltern aus Czernowitz stammten, ihre Muttersprache war Deutsch.

Langsam fand ich meinen Weg als Künstlerin

Ich arbeitete dann in Köln als Musiklehrerin, lernte Deutsch am Goethe-Institut und begegnete dort meinem späteren Mann. Er wurde 1981 Leiter der Sprachabteilung des Goethe-Instituts in Lagos in Nigeria. Dort begann mein großes Interesse für die Bildende Kunst. Ich traf den Künstler Bruce Onobrakpeya, den ich sehr bewunderte. Ich fing an zu zeichnen und beschäftigte mich ernsthaft mit Malerei. Ein Jahr später zogen wir nach Atlanta in die USA, wo ich bei Katherine Mitchell Kunst studierte. Langsam fand ich meinen Weg als Künstlerin.

Dann kam mein Sohn zur Welt. Nach seiner Geburt verschlimmerte sich mein Rheuma, an dem ich schon länger litt. Meine beiden Knie wurden gleichzeitig operiert. Das erste Jahr als Mutter war grauenhaft, denn ich konnte mich kaum um meinen Sohn kümmern. Er war vier Jahre alt, als wir 1988 nach Berlin kamen. Hier arbeitete ich als Musiklehrerin in einer jüdischen Privatschule, gleichzeitig malte ich und hatte viele Ausstellungen im In- und Ausland. Manchmal merke ich hier, dass ich aus einem südlichen Land komme. Ich brauche Zärtlichkeit, dass man sich umarmt. In jedem Land, in dem ich lebte, sog ich das auf, was gut für mich war. Ich denke, ich bin einfach ein Weltmensch.

Ich brauche Zärtlichkeit, dass man sich umarmt

Während des Corona-Lockdowns war ich so verrückt, in ein neues Atelier umzuziehen. Dreißig Jahre lang hatte ich in meinem alten Atelier gearbeitet, doch plötzlich verlangten sie dafür die dreifache Miete. Ich schrieb dem Kultursenator, dass ich es unmöglich finde, wie Künstler behandelt werden. In das neue Atelier, das man mir vermittelte, wollte ich erst nicht, weil ich große Angst vor dem Umzug hatte, dem Ordnen und Aussortieren. Mein Mann sagte, du kannst nicht ohne deine Kunst leben, du musst es nehmen.

Die Situation mit Corona bedrückt mich. Viele Freunde sind abgetaucht und melden sich nicht. Zwei Monate lang war ich wie gelähmt. Zurzeit arbeite ich auf Papier. Ich arbeite abstrakt, ich wollte nie etwas aus der Realität übertragen, ich suchte meine eigene. Wie ein Detail, das immer abstrakt ist. Die Musik, mit der ich so stark verbunden bin, ist auch abstrakt. Der Schriftsteller John Berger, mit dem ich mehrere Bücher gemacht habe, sagte immer: "I can‘t look at your paintings without listening to them."

Protokolliert von Ivette Löcker



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