Worüber spricht man in Belarus?

von Anton Trafimowitsch

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)

Mitri Sirin -

Polizei und Protestierende geraten in Belarus täglich aneinander. Foto: Getty Images


„Wie gehtʼs? Jemand verhaftet?“ So beginnen derzeit viele Gespräche in Belarus. Denn mittlerweile geht die Polizei gnadenlos gegen die Regierungskritiker und Demonstranten vor. Mit dem 9. August, dem Tag, an dem Aljaksandr Lukaschenka sich unrechtmäßig zum Wahlsieger erklärte, hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Minivans sind die neuen Symbole der Angst, denn die Spezialeinheiten nutzen oft unauffällige Transporter. Sie halten in der Nähe einer Demonstration an, dann springen schwarz Uniformierte heraus und greifen jeden, den sie kriegen können. Wenn ich einen Van sehe, mache ich mich bereit, zu rennen.

Auch der Inhalt unserer Rucksäcke sieht anders aus: Viele von uns packen eine Zahnbürste ein oder was man sonst noch im Gefängnis braucht. Am frühen Abend hört man in Minsk lautes Hupen von Autos und Bussen. Die sonst so disziplinierten Autofahrer grüßen jeden, den sie auf der Straße mit weißen Blumen oder der weiß-rot-weißen Flagge der Opposition sehen. Niemand plant mehr, alles ist im Fluss. Das einzig Sichere ist die nächste Kundgebung. Zwei Jahrzehnte lang war jeder Protest in Belarus etwas Außergewöhnliches. Heute fragt man sich gegenseitig: „Und, auf welcher Demo warst du?“

 



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