Wie wir Sinti und Roma sehen

ein Interview mit Brigitte Mihok

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Frau Mihok, in Deutschland gibt es zwischen 100.000 und 200.000 Roma und Sinti. Wie leben sie hier?

Sinti leben seit rund 600 Jahren im deutschen Sprachraum. Die Vorfahren der deutschen Roma wiederum kamen im späten 19. Jahrhundert aus dem Osten Europas hierher. Die Angehörigen beider Gruppen sind deutsche Staatsbürger. In ihrer Identität und sozialen Lage unterscheiden sie sich von denjenigen Roma, die als Arbeitsmigranten in den 1960er Jahren oder als Flüchtlinge in den 1990er Jahren nach Deutschland gekommenen sind. Doch sie teilen die Erfahrung, immer wieder mit traditionellen Stereotypen vom „Zigeuner“ konfrontiert zu werden. 
 
Sind sie gesellschaftlich benachteiligt?

Der Zugang zu Bildung, Wohnung und Gesundheitsversorgung ist vor allem für geduldete Roma-Familien eingeschränkt. In der Mehrzahl sind sie aus dem ehemaligen Jugoslawien zu uns geflüchtet. Ihre Lebenssituation hängt daher von lokalpolitischen Konzepten im Umgang mit Flüchtlingen ab. Besonders schlimm ist es da, wo Roma in Unterkünfte mit maroder Bausubstanz, schlechter Grundausstattung und teilweise fehlender Sozialbetreuung verwiesen werden. Manche Roma-Kinder haben nur eingeschränkten Zugang zu Kindergärten. Andere werden nur teilweise in Ganztagsschulen eingebunden. Und bei etlichen Kindern aus Großfamilien hat sich in manchen Schulen die Praxis verfestigt, sie auf Sonderschulen zu überweisen.

Wie sind Sie bei Ihrer Studie vorgegangen?

Wir wollten herausfinden, welchen Bedingungen die Integration von Roma-Kindern, deren Familien seit 1990 nach Deutschland gekommen sind, in verschiedenen Lebensbereichen unterliegt. Wir haben Fallstudien in den Städten Berlin, Frankfurt am Main, Münster, Köln und Hamburg erstellt. Hierzu fanden 49 Interviews mit lokalpolitischen Akteuren, Experten und Praktikern statt. 
 
Welche Ergebnisse hat Ihre Studie?

Die Studie zeigt auf, dass von einem generellen Desinteresse der Roma-Kinder gegenüber Schulbildung nicht gesprochen werden kann. Ein Teil nimmt das Schulangebot sehr wohl wahr. Einige Kinder wiederum erhalten keine Unterstützung von den Eltern oder stoßen auf Vorbehalte. 
 
Wie integrationswillig sind Roma und Sinti selbst?

Die Frage sollte meines Erachtens anders gestellt werden: Welche Integrationsvoraussetzungen eröffnet die Mehrheitsgesellschaft? Für die hier geduldeten Roma bedeutet der unsichere Aufenthaltsstatus, dass Familien und ihre Kinder besonderen Beschränkungen und Auflagen unterliegen: Arbeitsverbot, reglementierte Unterbringung in Wohnheimen, Ausbildungsverbot für Jugendliche und gekürzte Sozialleistungen. Das alles sind Bedingungen, die einer Integration entgegenstehen und zu sozialer Ausgrenzung führen. 
 
Wie kann die Situation verbessert werden?

Roma, die seit über zehn Jahren hier leben, sollten einen Aufenthaltsstatus erhalten, der ihnen eine Perspektive auf ein geregeltes Leben ermöglicht. Für diejenigen, deren Verbleib in den Flüchtlingsheimen sich verfestigt, sollte die Wohn- und Betreuungssituation verbessert werden. Nötig ist auch ein verstärktes Engagement bei der Einbindung der Kinder in die Kindergärten. Und wir, die Mehrheitsbevölkerung, müssen vor allem eines tun: immer wieder die eigenen Wahrnehmungsmuster infrage stellen. 

Das Interview führte William Billows



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