Nicht gekommen, um zu bleiben

von Carmen Aguirre

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)


Am 11. September 1973 wurde Salvador Allende, der demokratisch gewählte sozialistische Präsident Chiles, durch einen Militärputsch gestürzt. Drei Monate später ging meine Familie ins Exil und landete in Vancouver. Die Regierung von Pierre Trudeau erkannte die Militärjunta des Generals Pinochet binnen drei Wochen an. Schließlich standen große Interessen auf dem Spiel: Kupfer ist eine der wichtigsten Ressourcen Chiles, und Allende hatte sämtliche Kupferminen des Landes verstaatlicht. Vor der Verstaatlichung befand sich ein Großteil des chilenischen Kupfers in ausländischem Besitz, unter anderem in dem des kanadischen Bergbauunternehmens Noranda.

Nach der Wahl Allendes hatten sich kanadische Banken aus Chile zurückgezogen, Kanada setzte die bilaterale Hilfe aus. Einen Monat nach dem Putsch stimmte Kanada jedoch Krediten der Interamerikanischen Entwicklungsbank an Chile zu und befürwortete nun Darlehen des Internationalen Währungsfonds. Bis zum Jahr 1978 gewährten kanadische Banken dem chilenischen Staat insgesamt zwanzig Kredite; die Investitionen kanadischer Unternehmen beliefen sich auf fast eine Milliarde Dollar. Obwohl die drei größten Kupferminen Chiles in staatlicher Hand blieben, forderte Noranda den 49-prozentigen Anteil an seiner Tochtergesellschaft Chile Canadian Mines zurück.

Warum gewährte Kanada 7.000 Chilenen auf der Flucht dennoch Asyl? Linke in ganz Kanada waren entsetzt über die Reaktion ihrer Regierung auf den ultrarechten Putsch und forderten die Aufnahme der Flüchtlinge. Sie veranstalteten Kundgebungen, besetzten Regierungsbüros und schrieben Briefe, bis Kanada sich 1974 zur Aufnahme chilenischer Asylsuchender bereit erklärte. Meine Familie, ich war damal sechs, meine Schwester fünf, meine Mutter Mitte zwanzig und mein Vater Anfang dreißig, traf als eine der ersten in Kanada ein. Zum ersten Mal in seiner Geschichte nahm Kanada „linke Flüchtlinge“ aus einem so genannten Dritte-Welt-Land auf. Sie wurden kanadische Städt geflogen, die sie oft nicht frei wählen konnten, und in Hotels untergebracht, bis eine Unterkunft gefunden war. Die Kosten dafür wurden von den Flüchtlingen zurückgezahlt, sobald sie eine Arbeit hatten. Arbeit gab es im Kanada der 1970er-Jahre reichlich, viele Jobs waren allerdings mit körperlichen Strapazen verbunden. Und um als chilenischer Asylbewerber akzeptiert zu werden, musste man sich bereit erklären, auf eine linke politische Tätigkeit in Kanada zu verzichten. Fast niemand hielt sich an diese Anweisung.

Im Exil aufzuwachsen heißt sich vorzunehmen. keine Wurzeln zu schlagen

Meine Eltern kamen aus der unteren Mittelschicht. Dank des ausgezeichneten öffentlichen Bildungssystems Chiles hatten beide einen Hochschulabschluss. Zum Zeitpunkt des Putsches war mein Vater Leiter des Fachbereichs Physik und meine Mutter Leiterin des Fachbereichs Englisch der Universität Austral in Valdivia. Als sie wegen ihrer aktiven Unterstützung der Allende-Regierung entlassen wurden, tauchten sie unter.

Die Exilanten, mit denen ich in Kanada aufwuchs, waren Gewerkschaftler und Studentenführer. Sie stammten aus allen sozialen Schichten und Regionen Chiles. Im Exil aufzuwachsen bedeutet, dass man sich nicht vornimmt, Wurzeln zu schlagen und in einem neuen Land neu zu erfinden, sondern stets mit der triumphalen Rückkehr in die Heimat rechnet. Zehn Jahre lang  standen unsere Koffer am Fuße unserer Betten. Niemand ahnte, dass bis zum Rücktritt Pinochets 17 Jahre vergehen würden.

Meine Kindheit und Jugend bestand aus Solidaritätsaktionen mit dem Widerstand in Chile, aber auch mit Gruppen, die sich für lokale und internationale Themen einsetzten, etwa indigene Aktivisten und Palästinenser. Beide Gruppen, aber auch Wehrdienstverweigerer aus den USA und kanadische Gewerkschaftsaktivisten hießen uns willkommen und unterstützten uns.

Ich führte ein Doppelleben: In meiner chilenischen Gemeinschaft lebte ich als Exilantin; in der Schule und der Nachbarschaft war ich eine perfekt in den Mainstream integrierte Latina. Meine zwei Leben verliefen parallel zueinander und überkreuzten sich selten. Aufmärsche, Boykottkampagnen, Cumbia-Tanzpartys, Lieder von Victor Jara, Violeta Parra, Quilapayun und Illapu, die Herausgabe von Newslettern, die über die Situation in Chile informierten, die Gründung des ersten spanischsprachigen Nachrichtensenders in Vancouver und Fundraising füllten mein chilenisches Leben aus. Wir unterstützten linke Familien, die ihre Arbeit verloren und kein Einkommen hatten, deren Brotverdiener im Gefängnis saßen, ermordet worden waren oder als verschwunden galten, und förderten Mitglieder des geheimen Widerstandes. Einige Dutzend chilenische Familien wurden zu meiner Familie und waren bald meine Tanten, Onkel und Cousins. Die Erwachsenen litten an posttraumatischen Belastungsstörungen, wussten aber nicht, wo sie professionelle Hilfe bekommen konnten.

Meine Eltern arbeiteten zehn Jahre lang als Putzkräfte, während sie zur Anerkennung ihrer Abschlüsse Prüfungen an der University of British Columbia nachholten

Meine Eltern, Tanten und Onkel waren Hausmeister oder Gärtner, wuschen Autos, trugen Zeitungen aus oder machten Nachtschichten in Fischfabriken, Stahl- und Sägewerken. Nach der Schule und an den Wochenenden halfen wir Kinder unseren Eltern bei der Reinigung von Bürogebäuden, Schulen, Kindertagesstätten und Friseursalons. Manchmal weinte eine Tante oder ein Onkel beim Staubsaugen im Flur eines Büros. Meine Mutter erklärte uns dann, dass die „Große Traurigkeit“ einen manchmal überwältige und dass man ihr dann freien Lauf lassen müsse. Meine Eltern arbeiteten zehn Jahre lang als Putzkräfte, während sie zur Anerkennung ihrer Abschlüsse Prüfungen an der University of British Columbia nachholten. Viele der anderen Erwachsenen, die Ingenieure, Lehrer, Ärzte und Buchhalter gewesen waren, hatten keinerlei Aussicht auf eine Anerkennung ihrer Qualifikation und blieben Hausmeister.

Meine Eltern standen bis 1987 in Chile auf einer schwarzen Liste; dann besuchte Papst Johannes Paul II. Chile und verlangte, dass Pinochet die Listen abschaffte. Kaum war dies geschehen, kehrten meine Eltern zurück, allerdings nicht, um zu bleiben. Wie kann man zurückkehren, wenn sich die eigenen Kinder ein Leben in Kanada aufgebaut haben? Wie kann man zurückkehren, wenn das frühere Leben in Chile nach 15 Jahren nirgendwo mehr zu finden ist?

Etwa die Hälfte der chilenischen Flüchtlinge ging nach Chile zurück und kehrte Kanada für immer den Rücken

Als Kanada in den 1970er-Jahren chilenische Flüchtlinge aufnahm, hoffte die Regierung wahrscheinlich auf die typischen sozialen Aufsteiger – eingewanderte Minderheiten, die im Land bleiben, sich integrieren und „Kanadier“ werden, nicht aber eine eigene Gemeinschaft, die mit Leib und Seele für Solidaritätsaktionen und eine Rückkehr in die Heimat eintrat. Etwa die Hälfte der chilenischen Flüchtlinge ging nach Chile zurück und kehrte Kanada für immer den Rücken. Ein Großteil der anderen Hälfte lebt noch immer hier, unfähig, sich irgendwo anders anzusiedeln.

Vor einigen Jahren sammelten mehrere chilenische Familien, darunter meine, Geld, um eine syrische Flüchtlingsfamilie zu unterstützen. Wir holten sie nach Kanada und fanden eine Wohnung für sie. Sie waren überrascht und erleichtert – wie meine Eltern, als wir das erste Mal kamen –, dass es am Tag ihrer Ankunft sonnig und warm war. Als mein Vater und mein Onkel sie besuchten und eine Liste mit notwendigen Möbeln und Geräten erstellten, wurden sie von der syrischen Familie unterbrochen: „Oh, bitte besorgen Sie nichts. Wir sind nicht gekommen, um zu bleiben. Wir werden nach Syrien zurückkehren, sobald der Krieg vorbei ist.“ Mein Vater und mein Onkel erinnerten sich an diese Worte, sie kannten das Gefühl.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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