Die vielen Stimmen

von Sherry Simon

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)

-

Im Montrealer Viertel Mile End werden viele unterschiedliche Sprachen gesprochen. Foto: Getty Images


Zu meinem eigenen Erstaunen ist aus mir mit den Jahren eine Art Stadtführerin geworden. Ich liebe es, mit Besuchern durch mein Viertel zu laufen, sie auf Gebäude und Sehenswürdigkeiten aufmerksam zu machen und ihnen Geschichte, Literatur, Religion und Essen näherzubringen. Mein Lieblingsthema sind jedoch Sprachen. Es macht mir Freude zu erklären, dass die Gegend von Montreal, in der ich lebe, genau auf der Trennungslinie zwischen dem historisch englischsprachigen und dem französischsprachigen Teil liegt und dass die Menschen dort wie in einer Zwischenwelt leben: Sie fühlen sich  keiner der beiden Seiten zugehörig und lauschen stattdessen lieber den vielsprachigen Unterhaltungen der Einwanderer und Neuankömmlinge.

Das Viertel heißt „Mile End“, vollkommen integriert in die französische Sprache wird es oft mit Bindestrich „Mile-End“ geschrieben. Auch wenn der Name auf das 18. Jahrhundert zurückgeht, in Vergessenheit geriet und erst um 1970 wiederentdeckt wurde, erfasst er doch gut die immanente Mehrdeutigkeit dieses Viertels. Wo ist der Anfang der Meile, die hier zu Ende geht? Was macht diesen Ort zu einem Ende und wie inspiriert das die Neuanfänge, die hier stattfinden?

Die Sehenswürdigkeit, mit der ich gewöhnlich beginne, ist ein echter Hingucker Man stelle sich ein institutionelles Gebäude aus den 1960er-Jahren vor, ein Schulhaus aus gelbem Backstein mit orangen und roten Paneelen. Der Name „Collège Français“ steht in großen Lettern an der Fassade und der Eingang wird von farbenfrohen Wandbildern umrahmt. Geht man aber auf die andere Straßenseite, eröffnet sich eine neue Szenerie. Oben auf dem Gebäude befindet sich nämlich kein Flachdach, sondern ein Gewölbebogen aus Backstein mit hebräischen Buchstaben im Halbkreis darauf. Was man hier sieht, ist die Stirnseite einer Synagoge, der man einfach ein neues Gesicht gemauert hat.

Aus einer jüdischen Synagoge wurde eine Schule. Solche Umnutzungen sind gang und gäbe, doch diese hier ist gründlich verpfuscht worden. Es bleibt ein Gefühl der Respektlosigkeit, als wäre dies weniger eine Transformation als eine feindliche Übernahme.

Fünfzig Jahre lang war Jiddisch die am meisten gesprochene Sprache in Montreal

Das heutige Gebäude steht sinnbildlich für die Geschichte des Viertels. Es wurde um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert für englische und irische Mittelständler errichtet. Die ersten Institutionen, die sich dort ansiedelten, waren ein „Christlicher Verein Junger Menschen“ und eine irisch-katholische Kirche. Doch bald darauf stellten jüdische Einwanderer aus Osteuropa einen Großteil der Bevölkerung  dar. Ein dichtes Netz von Schulen, Synagogen, Kulturvereinen, Bäckereien und Tante-Emma-Läden entstand, und etwa fünfzig Jahre lang war Jiddisch die am meisten gesprochene Sprache auf den Straßen. Die Bnei-Jacob-Synagoge wurde 1918 zusammen mit mehreren Schulen in der Nähe gebaut. In den 1960er-Jahren hatten die meisten Juden das Viertel wieder verlassen, ihr Jiddisch gegen Englisch und ihre Wohnungen gegen geräumigere Einfamilienhäuser im West End getauscht.

Die Privatschule Collège Français ergriff die Gelegenheit, die jetzt leer stehenden jüdischen Schulen sowie die Bnei-Jacob-Synagoge zu erwerben. Dieser Kauf fand vor dem Hintergrund eines massiven politischen und sprachlichen Wandels in Montreal statt. Ab den 1960er-Jahren führten die Turbulenzen der sogenannten Stillen Revolution zum Sturz der alten anglofonen Machtstrukturen und dem Siegeszug der neuen frankofonen Bourgeoisie. Sprachgesetze, durch die das Französische bevorzugt behandelt wurde, beschleunigten die visuelle und mündliche „Übersetzung“ der Stadt ins Französische.

Die Überlagerung der Fassade der ehemaligen Synagoge mit der neuen des Collège Français ist nur eines von unzähligen Beispielen für diesen Übersetzungsvorgang, der Umetikettierung von Geschäften, Institutionen und öffentlichen Gebäuden aller Art. Es gab Widerstand gegen diesen Prozess, der auf einem offiziellen Erlass beruhte, aber auch einen allgemeinen Konsens darüber, dass Französisch die Sprache der Zukunft sei. Die meisten Umbenennungen hinterließen keine Spuren, aber gelegentlich gelangen längst vergangene Sprachen wieder an die Oberfläche, schauen unter der abblätternden Farbe alter Ladenschilder hervor oder treten wie bei der Synagoge als hebräische Stirn zutage, so wie eine Botschaft aus einer anderen Zeit.

Von den 1960er-Jahren bis zur Jahrtausendwende herrschte in dem Viertel ein lebendiges Sprachengewirr. Auf den Straßen war Griechisch, Italienisch, Portugiesisch und Ukrainisch zu hören, ebenso wie das Jiddisch der ultraorthodoxen chassidischen Juden. Diese geschlossenen Gemeinschaften kamen in den 1950er-Jahren als Überlebende des Holocaust aus Europa nach Montreal und hielten die Sprache im Gegensatz zu den früheren Generationen jüdischer Einwanderer, die das Jiddische aufgaben, weiterhin am Leben. Englisch war immer noch die dominierende Sprache, doch Französisch gewann zunehmend an Präsenz.

Die Kirche wurde 1915 für die irischen Einwohner des Viertels erbaut und beherbergt heute eine italienische und eine polnische Gemeinde

Gehen Genauso auffällig wie das Collège ist ein anderes Gebäude, das durch seine ungewöhnliche Form zu einer Ikone des Viertels wurde. Es handelt sich um eine riesige Kirche mit einer gigantischen Kuppel, die eine beliebte Straße mit Cafés und Lebensmittelgeschäften überragt. Die Kirche heißt St. Michael the Archangel und ihre, wenngleich komplexe, Sprachhistorie lässt sich leicht zusammenfassen: Die Kirche wurde 1915 für die irischen Einwohner des Viertels erbaut und beherbergt heute eine italienische und eine polnische Gemeinde. Der Architekt Aristide Beaugrand-Champagne war ein bekannter frankofoner Quebecer. Das Innere der Kirche wurde wiederum von einem der berühmtesten Ausstatter kanadischer Kirchen entworfen, dem Italiener Guido Nincheri.

Diese Polyfonie scheint für eine Kirche, deren Gemeindemitglieder Einwanderer sind, zu passen. Der Innenraum ist außergewöhnlich: Die byzantinische Konstruktion ist voller Fresken, pfauenartiger rötlicher Art-Déco-Fenster, falscher maurischer Balkone und auf den Gewölbepfeilern sind fallende Engel abgebildet. Auch Bildnisse von Heiligen, die an die Herkunft der Gemeinden der Kirche erinnern, gibt es hier reichlich. Nicht nur die üblichen Standardheiligen der Christenheit tummeln sich in St. Michael, sondern auch der italienische Heilige San Marziale, der heilige Antonius von Padua, Thérèse de Lisieux, die Schwarze Madonna von Częstochowa und Maximilian Kolbe, der polnische Franziskanerpriester, der in Auschwitz ermordet wurde.

Die Geschichten hinter den Heiligen machen die Kirche zu einem Ort, an dem sich Erzählungen kreuzen. Berichtet wird von der irischen Hungersnot, der erzwungenen Abwanderung der süditalienischen Bauernschaft, der polnischen Kirche, die sich gegen die kommunistische Herrschaft stellt. Im Chor rezitiert, würde aus den sich überlagernden Sprachen und Geschichten ein Gewebe seltsamer Harmonien entstehen: die Klanglandschaft des Viertels.

Der Glockenturm von St. Michael ähnelt einem Minarett. 1915 mutete dieser Verweis auf die orientalischen Ursprünge des Christentums exotisch an. Doch heute eröffnet er der Kirche die Möglichkeit des Dialogs und der Bildung neuer Beziehungen und Allianzen.

Der reibungslose Dialog zwischen Englisch und Französisch, die Präsenz anderer Sprachen – das alles ist nicht nur in diesem Bezirk, sondern in den meisten Gegenden des heute so selbstbewusst frankofonen Montreals eine Selbstverständlichkeit

Im 20. Jahrhundert war Mile End für lange Zeit einer der kosmopolitischsten Bezirke Montreals. Doch als das Jahrhundert sich seinem Ende zuneigte, verschwammen die Grenzen, und das Viertel verlor seinen einzigartigen Charakter. Mile End ist heute nicht mehr besonders vielfältig: In dieser Hinsicht wurde es von den Vierteln Côte-des-Neiges, Parc Extension oder Ville Saint-Laurent überholt. Trotzdem gilt Mile End noch immer als eines der lebhaftesten Viertel der Stadt. Nicht etwa wegen seiner ethnischen Vielfalt, sondern vor allem wegen seiner Kunstszene und Hipster-Cafés. Wenn der Sommer kommt, sind die Straßen voller Touristen, die an Stadtführungen zu Bagelbäckereien und chassidischen Synagogen, Aufnahmestudios international erfolgreicher Indie-Bands und innovativen Grünflächen teilnehmen. Der reibungslose Dialog zwischen Englisch und Französisch, die Präsenz anderer Sprachen – das alles ist nicht nur in diesem Bezirk, sondern in den meisten Gegenden des heute so selbstbewusst frankofonen Montreals eine Selbstverständlichkeit.

Die einst einfache Einteilung der Stadt in sprachliche Zonen ist jedoch mittlerweile einem komplexeren Bild gewichen. Mehr als die Hälfte der heutigen Montrealer wurde außerhalb Kanadas geboren. Neue Einwanderer kommen aus der ganzen Welt, die meisten aus Haiti, Italien, Algerien, Marokko und Frankreich. Ihre Sprachen lassen sich nicht mehr auf eine Gegend entlang der Hauptachse Montreals, des Boulevards Saint-Laurent, reduzieren. Einwanderinnen und Einwanderer, die heute hier arbeiten, sehen auch ganz anders aus als zu Beginn des Jahrhunderts. Dort, wo einst Osteuropäer in ausbeuterischen Betrieben an den Nähmaschinen saßen, stellen heute Videospielproduzenten hochqualifizierte junge Immigranten aus Frankreich ein.

Wie sollte man sich an die Sprachenvielfalt von Mile End erinnern? Wenn man einem Viertel eine Mentalität zuerkennen will, dann geht es in Mile End um vielsprachige Interaktion, um Übergang und Austausch. Seine Geschichte steht exemplarisch für die Geschichte Montreals, einer Stadt, die sich durch Übersetzung definiert und nach wie vor ihren öffentlichen Raum mit Konversationen belebt und bereichert. 

Aus dem Englischen von Karola Klatt



Ähnliche Artikel

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Praxis)

„Europa muss sich öffnen“

von Peter Sutherland

Demografie in Europa: Kann Familienpolitik den Trend zur Überalterung der Bevölkerung in Europa stoppen? Oder ist eine verbesserte Migrationspolitik die Lösung?

mehr


Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Köpfe)

Geschichten aus der Heimat

„Obwohl Deutschland ein Einwanderungsland ist“, sagt Jan Gerritzen, „gelten Migranten hier nur selten als Deutsche“

mehr


Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Theorie)

„Innere Potenziale nutzen“

von Wilhelm Hinrichs

Demografie in Europa: Kann Familienpolitik den Trend zur Überalterung der Bevölkerung in Europa stoppen? Oder ist eine verbesserte Migrationspolitik die Lösung?

mehr


Das neue Italien (Thema: Italien )

Die sardischen Zirkel

von Paola Soriga

Wie ich meine Heimat verließ und erst Italienerin und dann Europäerin wurde

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Kulturprogramme)

Gefillte Fisch sucht Fahrrad

von Nadja Cornelius

Jüdische Singlepartys sind in Lettland ein voller Erfolg. Organisiert werden sie vom jüdischen Gemeindezentrum „Alef“ in Riga

mehr


Großbritannien (Kulturprogramme)

„Mentorinnen für Migrantinnen“

ein Interview mit Béatrice Achaleke

Junge schwarze Frauen gelten in Europa noch immer als schlecht ausgebildet. Im „Black European Women Council“ haben sie nun erstmals ein Forum auf europäischer Ebene. Ein Gespräch mit der Gründerin

mehr