Kritisches Denken lernen

von William Billows

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Die Corniche, Beiruts palmengesäumte Uferpromenade morgens um 9 Uhr 30. Schwere Geländewagen und Landrover biegen in eine Einfahrt und halten an einem Schlagbaum: Der Parkplatz der American University of Beirut (AUB). Ein Sicherheitsmann prüft jedes Fahrzeug, wohl nicht erst seit dem 11. September. Aus dunkel verglasten Wagen steigen auffällig oft westlich gekleidete Studentinnen, die obligatorische Sonnenbrille ins Haar geklemmt. Ist dies hier Little America mitten in Beirut?

„Ebenso wie sich die akademischen Eliten in den USA selbst als unabhängig betrachten, sehen sich die Amerikanischen Universitäten im Nahen Osten nicht als Repräsentanten der US-Außenpolitik, sondern als Vertreter eines offenen akademischen Diskurses,“ meint die Politologin und Nahost-Kennerin Naika Foroutan. Gerade die Beiruter Uni habe sich den Idealen einer kritischen Denkschule verschrieben, mit offenen Debatten, Pluralismus und politischem Liberalismus. „Die AUB hat in den 1960er und 1980er Jahren viele Gegner der amerikanischen Außenpolitik hervorgebracht, vor allem linke libanesische und palästinensische Eliten,“ konstatiert auch Aktham Suliman, Büroleiter von Al Jazeera in Berlin.

Dennoch seien die amerikanischen Universitäten – neben Beirut gibt es weitere in Kairo, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten – die „beste Brücke zwischen dem Nahen Osten und den USA“. Auf wissenschaftliche Unabhängigkeit legte man an der AUB von Anfang an Wert. Bei der Grundsteinlegung für das Kollegienhaus 1871 rief der Gründungsvater, der Amerikaner Daniel Bliss, die Studenten zur Suche nach „Wahrheit“ auf. Egal war dem ehemaligen Missionar dagegen, ob seine Zöglinge die Uni „im Glauben an einen Gott, an viele Götter oder keinen Gott“ wieder verlassen. Ohne Zweifel ist dies auch heute noch ein Standpunkt in einem Land, in dem 19 verschiedene Religionsgruppen in einem fragilen Gesellschaftsgebilde leben und das immer wieder von Bürgerkrieg bedroht ist.

Und der macht auch vor den Mauern der American University nicht halt. 1991 wurde das Kollegienhaus durch eine Explosion zerstört. Längst ist es im alten Stil wieder aufgebaut worden. Die israelischen Bombenangriffe auf Beirut im letzten Sommer überstand der Campus ohne Schäden. Heute sind rund 7.300 Studenten eingeschrieben. Berühmte Persönlichkeiten wie Zaha Hadid, die aus dem Irak stammende britische Architektin, oder der kürzlich verstorbene deutsche Archäologe Manfred Korfmann studierten hier. Die AUB ist die traditionsreichste amerikanische Universität im Nahen Osten. Auf dem Campus gibt es drei Museen. Haften bleibt das Bild eines britischen Dozenten: Seine Studenten haben ihn 1945 für ein Erinnerungsfoto in ein Scheichgewand gesteckt und auf dem Unidach fotografiert.

Die AUB wird von einem Kuratorium internationaler Führungskräfte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Diplomatie geleitet. Alle Abschlüsse werden in den USA anerkannt, die Unterrichtssprache ist Englisch. Der Frauenanteil unter den Studenten liegt bei 48,5 Prozent. Wie an vielen amerikanischen Universitäten ist das Studium an der AUB nicht ganz billig: Die Studiengebühren betragen zwischen 8.000 und 21.000 Dollar im Jahr. Doch die Uni gibt auch sozial schwachen Studenten mit Stipendien eine Chance. Davon macht rund ein Drittel der Studenten Gebrauch. Noch höher ist der Stipendienanteil bei der American University of Cairo (AUC), die, 1919 gegründet, heute 5.000 Studenten zählt. Ein Fokus dieser Uni ist die Erwachsenenbildung, 30.000 Berufstätige bilden sich dort jährlich fort. Es gibt ein Desert Development Center, das sich mit den Problemen eines wasserarmen und überbevölkerten Entwicklungslandes beschäftigt und preiswerte Methoden entwickelt.

Eine Kultur kritischen Denkens, wie es US-Unis ihren Studenten abverlangen, entfaltet sich gerade an der 1997 gegründeten American University of Sharjah (AUS), Vereinigte Arabische Emirate. „Kritisch zu sein ist hier neu und passt nicht zu einer Kultur, in der Eltern oder religiöse Führer Autorität genießen“, hat Leonie Holthaus beobachtet. Die deutsche Politikstudentin absolviert gerade ein Auslandssemester in Sharjah. Die meisten Studenten sind keine Einheimischen, sondern kommen aus anderen islamischen Ländern: Saudi-Arabien, Palästina, Iran oder Pakistan.

Ein Blick über den Tellerrand wird erleichtert: „Es gibt viele Austauschprogramme mit US-Unis,“ sagt Holthaus. Regelrecht „in“ ist das Programm Soliya mit Internetkonferenzen zwischen arabischen und US-Studenten. Neben dem Virtuellen sieht es auch reale Colloquien und den persönlichen Wissensaustausch vor. Leonie Holthaus hat in Sharjah vor allem eine Erfahrung gemacht: Dass die meisten Muslime kein Problem mit den amerikanischen Werten, sondern mit der Außenpolitik und dem Irakkrieg haben. Und der Journalist Aktham Suliman ist sich sicher: „Man kann die American Universities als die positivste ,politische’ Initiative der Amerikaner im Nahen Osten bezeichnen.“



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