„Wir brauchen eine neue Polizeikultur“

ein Interview mit Devon Clunis

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)

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Foto: Aaron Vincent Elkaim


Herr Clunis, vier Polizisten, die auf einem Mann knien, bis er zu Tode erstickt: Die Ermordung George Floyds durch amerikanische Polizisten war ein prägender Moment des Jahres 2020. Was war Ihre erste Reaktion, als Sie das Video der Tat gesehen haben?

Ich hatte drei verschiedene Reaktionen. Meine erste Reaktion war die eines Schwarzen. Da war natürlich viel Wut dabei. Meine zweite Reaktion war die eines Menschen, unabhängig von der Hautfarbe: die tiefe Trauer darüber, dass da ohne Erbarmen ein Leben genommen wurde. Und meine letzte Reaktion war die eines Polizisten, der jahrzehntelang im Dienst war. Ich kenne alle Polizeimethoden, die im Buche stehen, und bin mit dem Training vertraut, das Polizisten durchlaufen. Als ich das Video sah, habe ich mich zu meiner Frau umgedreht und war sprachlos. Drei Menschen, vier Menschen knien auf einem Mann, der keine unmittelbare Bedrohung darstellt ... das ergab aus meiner Sicht einfach keinen Sinn. Die Polizisten nutzten tödliche Gewalt, ohne angegriffen zu werden. Das kann Ihnen weder ein Polizist noch irgendwer sonst erklären.

Auf jeden Fall traf das Video einen Nerv. Überall auf der Welt protestieren seitdem Menschen gegen Polizeibrutalität und Rassismus. Probleme, die nicht nur amerikanischer Natur zu sein scheinen. Auch in Ihrer Heimatstadt Winnipeg kam es zu Demonstrationen. Hätte sich der Mord an Floyd auch in Kanada ereignen können?

Ich bin weiterhin der Meinung, dass die Situation in den USA in gewisser Weise einzigartig ist. Damit will ich keinesfalls sagen, dass Polizeibrutalität und Rassismus hier kein Problem darstellen. Aber ich habe in meiner Karriere mehrere Fortbildungen für amerikanische Polizisten geleitet und denke, dass es durchaus relevante Unterschiede zwischen der kanadischen und der amerikanischen Gesellschaft gibt – und auch grundlegende Unterschiede in der Polizeiarbeit. Als Black Canadian kann ich Ihnen sagen, dass meine Sinne jedes Mal geschärft sind, wenn ich in die USA reise. Wenn ich wieder nach Kanada zurückkehre, dann ist es, als würde eine Art Ballast von mir abfallen. Viele amerikanische Spitzensportler, die in kanadischen Sportligen aktiv sind, berichten von ähnlichen Erfahrungen. In Kanada lebt es sich für Schwarze also sicher ein Stück weit entspannter. Dazu kommt, dass amerikanische Polizisten sich meiner Erfahrung nach seit Jahrzehnten in einer Art Krieg gegen »das Böse« wähnen. Die Behörden und die Zivilgesellschaft haben sich voneinander entfremdet. Das wird dadurch verstärkt, dass jeder Zivilist in den USA potenziell bewaffnet sein kann. Ein Umstand, der die Grundhaltung der Polizisten natürlich extrem verändert. Wenn ich amerikanischen Kollegen erzähle, dass ich in meinen 29 Dienstjahren nur zweimal meine Waffe gezogen habe – und dass ich meine Pistole meist auf der Arbeit gelassen habe, wenn ich nach Hause gegangen bin –, dann sind sie schockiert. Viele von ihnen tragen mehrere Waffen und sind jederzeit auf das Schlimmste vorbereitet.

Trotzdem hat auch Kanada in Sachen Polizei und Rassismus Probleme. Allein in den vergangenen Monaten kam es zu mehreren Vorfällen: Erst schlugen Beamte in Alberta auf einen indigenen Demonstranten ein, dann wurde ein Mann, ebenfalls mit indigenem Hintergrund, in der Provinz New Brunswick erschossen. Für große Entrüstung sorgte auch der Fall von Chantel Moore, einer Angehörigen der Tla-o-qui-aht First Nations. Sie wurde im Zuge eines »Wellness-Checks«, eines polizeilichen Hausbesuchs, getötet. Laut den Behörden bedrohte Moore einen Beamten mit einem Messer. Dieser tötete sie mit fünf Schüssen. 

Ich will die Probleme der kanadischen Polizei sicher nicht kleinreden. Klar ist, dass die Erfahrungen der indigenen Gemeinschaft in Kanada in gewisser Weise die Erfahrungen der Schwarzen Community in den USA widerspiegeln. Schaut man sich die kanadische Geschichte an – und insbesondere die Enteignung der kanadischen Indianer –, dann versteht man, dass diese Ereignisse bis heute nachwirken. Dieses Rassismusproblem schlägt sich dementsprechend auch in der Polizeiarbeit nieder. Auf der anderen Seite ist es zu einfach, im Einzelfall nur mit dem Finger auf Polizisten zu zeigen. Polizeibeamten wird beigebracht, in Extremsituationen vor allem eines zu tun: eine potenzielle Bedrohung für sich und für Zivilisten auszuschalten. Ich kann gut nachvollziehen, dass Menschen das oft kritisieren und sagen: »Warum schaltet ihr die Bedrohung nicht aus, indem ihr auf Arme oder Beine zielt, statt Menschen zu töten?« Aber auch das ist eine Vereinfachung der Realität. Wer sich bedroht fühlt, reagiert oft instinktiv oder greift auf trainierte Methoden zurück, nicht auf langwierige Gedankenspiele.

In vielen Fällen gibt es jedoch gar keine Bedrohung – und trotzdem wenden Polizisten immer wieder übermäßige Gewalt an, oft gegenüber Minderheiten. Würden Sie Kritikern zustimmen, die sagen, dass solche Vorfälle ein Indiz für strukturellen Rassismus bei der Polizei sind?

Ich kann da nur für mich sprechen, also für jemanden, der fast drei Jahrzehnte für die Behörden in Winnipeg gearbeitet hat. Blicke ich auf meine Karriere zurück, dann kann ich ehrlich sagen: Nein, es gibt in den Polizeibehörden, die ich kenne, keinen institutionalisierten Rassismus. Die Praktiken und Verfahren haben ihre Richtigkeit. Das heißt aber nicht, dass ich nicht Zeuge von Rassismus geworden wäre. Habe ich diskriminierendes Verhalten erlebt? Ja! Gibt es rassistische Polizisten? Ja! Aber der Rassismus in der Polizei ist für mich auch ein Spiegel des Rassismus in der Gesellschaft. Als ich mit meiner Familie mit elf Jahren von Jamaika nach Kanada kam, habe ich die Fremdenfeindlichkeit am eigenen Leib erfahren. Einer meiner ersten Lehrer nannte mich ein »nicht sehr schlaues Kind«. Und in der weiterführenden Schule warf man mir alle möglichen Schimpfwörter an den Kopf. Es gab aber immer auch Gegenbeispiele: Frau Hanna, meine Lehrerin in der sechsten Klasse, gab mir täglich, noch vor Unterrichtsbeginn, Nachhilfe. Auch bei der Polizei ist dementsprechend nicht alles schwarz und weiß: Immerhin wurde ich als erster Schwarzer in Kanada Polizeipräsident. Drei Freunde von mir wurden – trotz ihrer schwarzen Hautfarbe – in den 1980er-Jahren Polizisten in Winnipeg. Wie wäre das möglich gewesen, bei dem vermeintlichen Ausmaß des Rassismus in den Behörden? »Struktureller Rassismus« ist mir eine zu einfache Antwort auf die komplexen Probleme, über die wir hier reden.

Was wäre Ihrer Meinung nach eine bessere Antwort?

Ich finde, wir sollten uns über zwei Dinge unterhalten: zum einen über das, was ich »erfahrungsbezogenen Rassismus« nenne. Dieser steht in engem Zusammenhang mit dem sozioökonomischen Hintergrund von Kriminalität. Und zum anderen über die Überlastung der Polizei. Das sind in meinen Augen derzeit die zwei wichtigsten Probleme in der Polizeiarbeit. Wenn ich über erfahrungsbezogenen Rassismus spreche, meine ich damit, dass es rassistische Vorurteile gibt, die Polizisten durch den übermäßigen Kontakt mit bestimmten sozialen Gruppen entwickeln. Der Begriff »struktureller Rassismus« ist für mich deshalb irreführend. Viele Polizisten haben nicht etwa rassistische Handbücher oder bekommen rassistische Befehle. Vielmehr entwickeln sie die rassistischen Tendenzen ganz automatisch bei der Arbeit. Sie werden ständig an soziale Brennpunkte geschickt – und rein statistisch gesehen haben sie dort mehr mit Minderheiten zu tun als mit dem weißen Durchschnittskanadier. Es ist also kein Wunder, dass die persönliche Erfahrung den Beamten nahelegt, dass die Hautfarbe in Zusammenhang mit Kriminalität steht. Steckt man dann irgendwann mitten in einer Ermittlung und fahndet, obwohl alle Indizien auf einen Weißen als Täter hinweisen, weiter nach einem Schwarzen, dann ist aus diesen Vorurteilen ein rassistisches Problem geworden. Dabei wäre die logischere Schlussfolgerung womöglich, dass nicht Kriminalitätsrate und Hautfarbe zusammengehören, sondern Kriminalitätsrate und Armut. Wie wäre es, wenn man einmal hundert Schwarze in ein wohlhabendes Viertel umsiedeln würde? Würden die Polizisten sie so behandeln wie immer? Das wäre ein sehr aufschlussreiches Experiment.

Neben der Rassismusproblematik sprachen Sie die Überlastung der Behörden an.

Ja, das zweite große Problem. Meiner Erfahrung nach wird die Polizei heute zu oft dafür eingesetzt, politisches Versagen auszubügeln. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In Kanada werden Polizeibeamte ständig damit beauftragt, nach Kindern zu suchen, die den Kinderschutzdiensten weggelaufen sind. Das ist kein krimineller Akt, aber trotzdem verbringen viele Polizisten ganze Tage damit, Ausreißer zu finden. Ein anderes Beispiel: In vielen Städten ist die häusliche Gewalt der Anlass für die meisten Notrufe bei der Polizei. Aber ist in diesen Fällen wirklich ein bewaffneter Polizeibeamter der beste Ansprechpartner? Sollte nicht vielleicht mehr Geld in die Finanzierung von Beratungsstellen fließen? Ähnlich ist es bei den »Wellness-Checks«, bei denen Polizisten gerufen werden, um den Zustand von psychisch labilen Menschen zu prüfen. So auch im Fall von Chantel Moore. Sollte da nicht eher ein Psychologe an der Tür klingeln als ein Polizist? Wir leisten als Gesellschaft sehr wenig präventive Arbeit. Stattdessen schicken wir die Polizei, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen.

Was würden Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung heraus vorschlagen, um die Polizeiarbeit zu verbessern?

Lassen Sie mich meine Zeit in Winnipeg als Beispiel nehmen. Ich übernahm dort 2012 das Amt des Polizeipräsidenten. Damals wurde die Stadt in den Medien oft als die »Mord-Hauptstadt Kanadas« betitelt. Sie hatte eine der höchsten Kriminalitätsraten des Landes. Meine erste Amtshandlung war es deshalb, zum Ministerpräsidenten der Provinz Manitoba zu gehen, und ihm klipp und klar zu sagen: »Hören Sie auf, der Polizei so viel Geld zu geben. Kürzen Sie mein Budget!« Das war für viele Leute innerhalb und außerhalb der Behörde ein Schock. Aber die Idee dahinter war, dass es bessere Verwendungszwecke für das Geld gab. Statt das Polizeibudget zu erhöhen – eine Forderung, mit der Politiker im Wahlkampf gerne ihr Image als harter Hund schärfen –, sollte die Politik anderweitig investieren. Ich sagte dem Ministerpräsidenten, er solle das überschüssige Geld in die Sozialarbeit stecken und in die Unterstützung der ärmsten und kriminellsten Viertel der Stadt.

Dann sind Sie ein Unterstützer der »Defund the Police«-Bewegung, die sich seit geraumer Zeit dafür einsetzt, den Haushalt der Polizei zu kürzen oder umzuverteilen?

Ja. Das kann allerdings nicht der einzige Schritt sein. In Winnipeg haben wir zum Beispiel eine Reihe von Nachbarschaftsforen organisiert, um mehr über die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger herauszufinden. Dabei stellte sich heraus, dass viele der dringlichsten Probleme überhaupt nichts mit Kriminalität zu tun hatten. Manche Anwohner wollten, dass die Straßen repariert werden, andere wollten Ganztagsschulen. Es ging den Menschen vor allem um soziale Probleme. Ich habe meine Beamten daraufhin aufgefordert, als Vermittler akiv zu werden. Ich sagte ihnen: »Ihr könnt vielleicht nicht all diese Probleme lösen, aber ihr könnt die Leute an die richtigen Stellen und Ämter verweisen.« So verbesserte sich das Image der Polizei. Deswegen habe ich meinen Streifenpolizisten auch gesagt: »Wenn Ihr Kinder draußen auf der Straße seht, warum haltet Ihr dann nicht Mal kurz an, und unterhaltet Euch mit ihnen? Fragt sie, welche Probleme es auf der Straße gibt.«

Also eine Art Nachbarschaftspolizei?

Ja, ich war schon immer ein Befürworter des »Community Policing«. Es ist wichtig, dass die Polizei Verbindungen zu den Menschen aufbaut, die sie beschützen soll. Nur so kann sie Teil der Gemeinschaft werden. Klar, Dinge wie Deeskalationstraining und Fortbildungen zum Thema Rassismus sind genauso wichtig. Für mich steht trotzdem fest: Am Ende brauchen wir eine grundlegende Veränderung, eine neue Polizeikultur. Wenn die Leute uns nur dann sehen, wenn etwas Schlimmes passiert, dann ist damit Niemandem geholfen. In meinem ersten Jahr in Winnipeg sank die Kriminalitätsrate um 13,9 Prozent. Ohne Mehrausgaben. Unsere Strategie war also ein voller Erfolg. Das belegt, zumindest anekdotisch, auch eine Begegnung aus der Zeit kurz vor meiner Rente. Ich half damals mit meiner Frau in einer Suppenküche in Winnipeg aus. Wir gaben gerade Essen aus und redeten mit den Leuten, als ein Mann auf mich zukam und sagte: »Wissen Sie was, ich kenne Sie! Sie sind der Polizeipräsident. Und seitdem Sie da sind, haben die Polizisten uns anders behandelt.« Das war eines der größten Komplimente meiner Karriere.

Aus dem Englischen von Annalena Heber
Das Interview führte Kai Schnier



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