Die Venezia-Mall in Istanbul

von David Wagner

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)

Die Venezia-Mall -

Foto: Aytunc Akad für Kulturaustausch


Wer in Istanbul in die riesige Venezia-Mega-Outlet-Mall hineingerät, spürt, dass Walter Benjamin wohl recht hatte mit seiner Behauptung, jeder Ort der Kultur sei zugleich einer der Barbarei: Es gibt Kanäle, schwarze Gondeln, einen Schrumpf-Campanile, von dem der Putz bereits bröckelt, und die Anmutung eines Dogenpalasts, in dem sich Bekleidungsgeschäfte befinden.

Wo bin ich bloß, fragt sich, wer hier spaziert. Dass Venedig nun ausgerechnet im früheren Konstantinopel nachgebaut wurde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Haben die Venezianer doch während des Vierten Kreuzzugs im Jahre 1204 die Stadt geplündert und fast alles, selbst Niet- und Nagelfestes, nach Venedig verschifft. Darunter viel Marmor für die Fassade von San Marco oder die Quadriga. Ihren Raubzug, mit dessen Beute sie ihre eigene Stadt byzantisierten, haben die Venezianer später gern verschwiegen. Und dennoch hatte dieser erzwungene Kulturaustausch sein Gutes: Was einst Konstantinopel schmückte, ist heute, lange nach dessen Untergang, in Venedig zu sehen.

Noch. Falls Venedig eines Tages selbst untergeht – der Anstieg des Meeresspiegels macht es fast unausweichlich –, wird eine Idee, ein Hauch dieser Stadt in einer Istanbuler Mega-Outlet-Mall erhalten bleiben. Das wird die späte, süße Rache des geplünderten Konstantinopel sein.



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