„Mit meiner Dichtung kehre ich nach Hause zurück“

ein Interview mit Natasha Kanapé Fontaine

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)

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Die Innu-Dichterin Natasha Kanapé Fontaine. Foto: Julie Artacho


Frau Kanapé Fontaine, Sie sind eine der wenigen erfolgreichen Innu-Dichterinnen in Quebec. Wie kommt das?

Quebec war lange mit der Behauptung seiner eigenen Identität beschäftigt, mit dem Bewahren seiner französischen Kultur und Sprache. Im englischsprachigen Teil Kanadas publizieren indigene Autoren seit über vierzig Jahren. Dort spricht niemand mehr von einer »neuen« indigenen Literatur, wie es in Quebec getan wird. Hier gab es zunächst nur An Antane Kapesh und Rita Mestokosho. Maurizio Gatti hat 2004 mit einer Anthologie indigener Literatur zu ihrer Wahrnehmung beigetragen. Ab den 1990er-Jahren kamen Veröffentlichungen etwa von Joséphine Bacon, Naomi Fontaine und mir selbst dazu. Dass wir so wenige sind, hat sowohl historische als auch soziale Ursachen. Ich gebe Workshops, Naomi und Joséphine Bacon auch. Das reicht aber nicht, um interessierte junge Menschen zu ermutigen und auszubilden, wenn sie professionell schreiben wollen. Es gibt auch zu wenige Verlage, die unerfahrene indigene Autoren veröffentlichen, die zudem kaum Französisch sprechen. Französisch ist in einigen Gemeinden nur die Zweitsprache, die jungen Leute sprechen es kaum. 

Sehen Sie sich als eine Vorreiterin, die in der Öffentlichkeit ihre Stimme für die Indigenen erhebt?

Das kann ich nicht von mir sagen. Ich frage mich ständig, was ich brauche oder was die Gesellschaft von mir braucht. Wenn ich künstlerisch aktiv werde, überlege ich, in welcher Form, ob interdisziplinär, als Text, Theaterstück oder Bild. Mir ist bewusst, dass ich zu den Ersten zähle, die eine große öffentliche Wahrnehmung haben und auch eine mediale Reichweite. Ich versuche das zu nutzen. In verschiedenen Arbeitsfeldern tätig zu sein hat mir ermöglicht, von der Kunst zu leben. Nur als Autorin oder Dichterin wäre das nicht gegangen. Mein Timing war gut. Ich sammelte Erfahrungen mit der pankanadischen Protestbewegung Idle No More und stellte fest, dass das öffentliche Teilen meines Lebens, der Austausch mit dem Publikum zu meinem Schaffensprozess gehören. Ich möchte gemeinsam mit anderen das Zusammenleben mit und die Beziehung zwischen den indigenen Gruppen diskutieren.

In Ihrem Gedicht »La resèrve« (»Das Reservat«) aus dem Band »Bleuets et abricots« schreiben Sie: 

Unsere Söhne und Töchter werden aus den Stauseen steigen
sie werden die Geister aus den Legenden beschwören
sie werden Papakassik sagen
Tshiuetinishu
Tshakapesh
Tshishikushkueu
die Erzählungen werden auf den Waldwegen wieder
zum Leben erweckt.

Treibt Ihre Herkunft Sie in Ihrer Dichtung an?


Im Allgemeinen wohl eher das Land der Ahnen, ein Ort, der für mich unerreichbar bleibt. Ich träume aber auch 
davon, in meine Heimat zurückzukehren. Derzeit lebe ich in der Stadt. Mit meiner Dichtung kehre ich nach Hause zurück. 

Sie sind in der Innu-Gemeinde Pessamit im Norden Quebecs aufgewachsen ...

Anfang der 1990er-Jahre wohnten dort nur wenige Leute. Ich erinnere mich, wie still und ruhig das Leben war. Ernste soziale und wirtschaftliche Probleme gab es damals nicht. Mein Vater hatte Arbeit, nichts Großes, aber er verdiente seinen Lebensunterhalt. Meine Mutter hatte Freunde und ihre Familie. Wir verbrachten viel Zeit mit der Familie, ich mit allen meinen Großeltern. Sie waren Jäger und aßen gern Wild, also gingen sie auf die Jagd. Es waren friedliche Jahre. Meine Großeltern nahmen mich mit in den Wald, an den See, zum Angeln. Wir aßen zusammen und verbrachten Zeit miteinander. Das habe ich sehr genossen. 

Welche Sprache haben Sie als Kind gesprochen?

Als ich klein war, zu Hause Innu, in der Schule Französisch. Und deshalb habe ich irgendwann auch zu Hause Französisch gesprochen. Ich hatte meine Muttersprache für lange Zeit verloren, als Erwachsene habe ich durch viele Besuche in Pessamit wieder angefangen, Innu zu sprechen.

Welches Thema liegen Ihnen besonders am Herzen?

Das Land. In meinem aktuellen Bühnenprogramm rede ich davon, dass ich meine physische Verbindung zum Land wiederfinden möchte. Ich trainiere eine Kampfkunst, die mir dabei hilft, eine Verbindung zwischen Körper und Geist herzustellen. Eines Tages möchte ich wie die Ahnen als Nomadin durchs Land ziehen. Diesen Traum umzusetzen ist mir sehr wichtig. Das Nachdenken als Autorin führte mich zu der Erkenntnis, dass es für uns junge Leute entscheidend ist, uns mit den alten Lebensarten vertraut zu machen und eine Verbindung zu den Ahnen herzustellen. Auf diese Art werden wir unsere Identität in Einklang bringen. 

2012 wurde die Protestbewegung Idle No More als Reaktion auf Gesetzespakete der damaligen Regierung gegründet, die etwa den Schutz von Wäldern und Gewässern aufheben sollten. Viele Bürgerinnen und Bürger solidarisierten sich, um friedlich für indigene Rechte, den Schutz der Umwelt und der indigenen Kultur friedlich zu demonstrieren. Wo steht Idle No More heute?

Es ist eine Bewegung, die meine Generation tief geprägt hat. Für viele junge Frauen wurden wir zum Sprachrohr. Die Bewegung wurde auch zu einer literarischen und künstlerischen Strömung, man spürt ihren Einfluss in den Medien und in der Literatur. Idle No More existiert vielleicht nicht mehr auf den Straßen, aber jedes Mal, wenn es soziale und politische Debatten gibt, wenn Leute demonstrieren gehen, tun sie das mit den Erfahrungen, die sie mit diesen Protesten gemacht haben. Die Proteste waren kraftvolle Erlebnisse, die uns auch heute noch oft von einem Tag zum nächsten tragen.

Wofür muss heute noch gekämpft werden?

Der Kampf darum anzuerkennen, dass Rassismus struktuell ist, ist noch sehr aktuell. Auch, welchen Platz Frauen in den Gemeinden und Städten einnehmen, bedarf einer ständige Auseinandersetzung. Ich denke hierbei vor allem an den Indian Act, ein rassistisches, diskriminierendes Gesetz, das die Rechte der Frauen mit Füßen tritt. Aber die Frauen lassen nicht locker. Auch um die Anerkennung der indigenen Literatur kämpfen wir noch, auch wenn indigene Autorinnen und Autoren innerhalb Kanadas viel unterwegs sind und über ihre Kulturen und Bücher sprechen. Derzeit ist ihre mediale Präsenz groß. Es bleibt abzuwarten, wie sich das entwickelt. 

Sie haben als Dichterin und Künstlerin auch international Erfolg. Welche Erfahrungen haben Sie in Europa gemacht?

Wenn ich nach Europa reise, muss ich nicht mehr mit einem Vortrag über die kanadische Geschichte beginnen, um die indigene Literatur zu rechtfertigen. Die Leute wissen Bescheid. Ich kann mich aktuellen Themen widmen und meine Überlegungen mit ihnen teilen.

Stört es Sie manchmal, immer wieder für indigene Themen angefragt zu werden?

Es kommt darauf an, wohin ich gehe. Ich suche Orte und Veranstaltungen aus, die mich als Autorin einladen, als Frau, als Mensch und erst dann, weil ich Innu bin. Wenn ich mich vorstelle, tue ich das als Innu. Das ist mir wegen des geschichtlichen Kontextes wichtig. Wenn ich eine Anfrage annehme, dann, weil ich weiß, dass man mich als eigenständige Person wahrnimmt und nicht, weil ich eine Innu bin.

Das Interview führte Jennifer Dummer



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