„Trudeau trumps Trump“

von Jenny Friedrich-Freksa

Das bessere Amerika (Ausgabe IV/2020)

-

Foto: Max Lautenschläger


Im vergangenen Jahr, als alle noch ständig um die Welt flogen, war ich in Montreal. In der Crescent Street befindet sich ein riesiges Gemälde von Leonard Cohen an der Fassade eines Hochhauses. Man kann den verstorbenen Dichter unvergesslicher Songzeilen (»There’s a blaze of light in every word, it doesn’t matter which you heard, the holy or the broken Hallelujah«) von allen erhöhten Plätzen der Stadt aus sehen, vom Hausberg Mont Royal ebenso wie aus den oberen Etagen des Musée des beaux-arts.

Es passt gut ins Bild, dass Cohen so über allem schwebt, vereint der berühmteste Sohn der Stadt doch vieles, was man mit dem Land Kanada verbindet: Freiheit und Freundlichkeit, Liebe zu Menschen und zur Schöpfung, eine gewisse Smartness. In den Augen der Welt ist Kanada definitiv das bessere Amerika. Seit die politische Kultur der USA von ihrem derzeitigen Präsidenten in Schutt und Asche gelegt wird, erscheint uns das andere große Land auf dem Kontinent als fortschrittlicher, verlässlicher, berechenbarer. Trudeau trumps Trump.

Es geht um Landrechte, um die Sichtbarkeit ihrer Kultur, um Diskriminierung

Der vierte Stock des Musée des beaux-arts eröffnet nicht nur den Blick auf Leonard Cohen, er beherbergt auch eine Sammlung mit Inuit-Kunst – wunderschöne Tierskulpturen, flache Steinmasken und Figuren aus Walrosselfenbein. Während sich in anderen Etagen die Menschen drängen, läuft man in diesem Flügel völlig allein zwischen den Glasvitrinen umher. Dabei ist der Umgang des Landes mit den Nachfahren seiner Ureinwohner, den First Nations, Métis und Inuit, mittlerweile ein riesiges Thema geworden. Es geht um Landrechte, um die Sichtbarkeit ihrer Kulturen, um Diskriminierung. Probleme, die das Land bisher nicht gelöst hat.

Wie die indigenen Wurzeln des Vielvölkerstaats, das kulturelle Erbe der ehemaligen Mutterstaaten England und Frankreich sowie die heutigen Einwanderer Kanada prägen – das ist ein Schwerpunkt dieser Ausgabe. Außerdem schauen wir auf die unbewohnten Weiten dieses riesigen Landes, seine großartige Natur,  aber auch auf ihre Zerstörung: auf schmelzendes Eis, den Abbau von Ölsand, Pipelines. »A holy or broken Hallelujah«, wie Leonard Cohen sagen würde.



Ähnliche Artikel

Das bessere Amerika (Welt von morgen)

Schluss mit Wildtier-Handel

Eine Kurznachricht aus Vietnam

mehr


Das bessere Amerika (Thema: Kanada)

„Die Kamera ist unsere Waffe“

ein Interview mit Odile Joanette, Gloria Morgan

Odile Joanette und Gloria Morgan drehen Filme mit Indigenen. Was passiert, wenn Menschen ihre eigene Geschichte erzählen? Ein Gespräch

mehr


Das bessere Amerika (In Europa)

Dunkle Geschäfte

von Matthew Agius

Durch politische Skandale und korrupte Deals hat Malta in Rekordzeit seinen guten Ruf ruiniert

mehr


Das bessere Amerika (Welt von morgen)

Ohne Fahrer auf dem Highway

Eine Kurznachricht aus den USA

mehr


Das bessere Amerika (Bücher)

Die Macht, jemanden warten zu lassen

von Leonie Düngefeld

In ihrem Buch »Der undankbare Flüchtling« schreibt Dina Nayeri über die Arroganz und Vorurteile jener, die nie ihre Heimat verlassen mussten

mehr


Das bessere Amerika (Thema: Kanada)

„Mit meiner Dichtung kehre ich nach Hause zurück“

ein Interview mit Natasha Kanapé Fontaine

Die Innu-Dichterin Natasha Kanapé Fontaine über ihren Erfolg und ihre Kämpfe

mehr