Der Nioushoushan-Tempel in Nanjing

von Sebastian Mayer

Neuland (Ausgabe II/2016)

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Der Nioushoushan-Tempel in Nanjing, China. Foto: Sebastian Mayer


Einer der außergewöhnlichsten Orte, die ich je besucht habe, war ein buddhistischer „VIP-Tempel“ außerhalb von Nanjing in Ostchina. Ich durfte ihn nur betreten, weil ich im Auftrag der Firma, welche die Leuchten für den Tempel entworfen hatte, Fotos machte. Ein Fahrer brachte mich und meine chinesische Kontaktperson auf das Gelände des „Nanjing Nioushoushan Culture Parks“, das sich noch im Bau befand. Auf der Spitze des zentral im Park gelegenen Hügels betraten wir mit zwei Aufpassern einen riesigen kuppelförmigen Bau, in dem künftig ein Tempel für ein breiteres Publikum eröffnet wird. Ein Fahrstuhl brachte uns sechs Stockwerke hinab in den Berg.

Wir gingen durch labyrinthartige unterirdische Korridore, an deren Ende sich eine schwere Stahltür öffnete. Der Anblick des luxuriösen Tempelraums verschlug mir fast die Sprache. Der Raum war nicht sonderlich groß, aber dennoch fühlte ich mich plötzlich sehr klein. Zögernd merkte ich an, dass dieser Raum wahrscheinlich nur wenigen sehr reichen Menschen offen stehen würde. Mein chinesischer Begleiter erwiderte: „Geld öffnet diese Türen nicht. Dieser Ort ist nur für die Mächtigsten der chinesischen Gesellschaft.“ Gebaut hat den Tempel die chinesische Regierung für hochrangige Politiker und Militärangehörige. Nach wenigen Minuten mussten wir wieder gehen. Die Stahltüren schlossen sich mit einem satten Klicken hinter uns. Wir wurden zurück zum Fahrstuhl geführt. Draußen war es bereits Nacht.



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