„Globalisierung gerechter machen“

ein Interview mit Thomas Piketty

Eine Geschichte geht um die Welt (Ausgabe III/2020)

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Thomas Picketty. Foto: Vincent Muller/Opale/Leemage/laif


Herr Piketty, als Reaktion auf die Pandemie wird vielerorts über das Ende der Globalisierung gesprochen. In ferne Länder ausgelagerte Industrien sollen zum Beispiel nach Europa zurückgeholt werden. Glauben Sie, dass sich unser Wirtschaftsystem verändern wird?

Es ist noch zu früh, das zu sagen. Mächtige Kräfte werden auf den Status quo, auf eine Rückkehr zur Tagesordnung drängen. Die nationalistische Rechte wird versuchen, die Krise für sich auszunutzen, um ihren Vorteil bei der Rückkehr zu nationalstaatlichen Grenzen und der Verschärfung der nationalen und ethno-religiösen Identitäten auszubauen. Die Frage ist, ob mit Hilfe eines alternativen Diskurses ein anderes, gerechteres Entwicklungsmodell entworfen werden kann, um eine neue transnationale Zusammenarbeit aufzubauen. Diese Ansätze versuche ich mit den Ideen des "partizipativen Sozialismus" und des "sozialen Föderalismus" zu fördern.

Werden wir den Paradigmenwechsel hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit erleben? 

Ich glaube, dass man in Europa und weltweit nach neuen Lösungen sucht und dass es einen sehr schnellen Paradigmenwechsel geben kann, wie es in der Geschichte schon oft geschehen ist. Aber in diesem Stadium bleibt noch alles sehr offen.

Kann es Europa gelingen, aus dieser Krise geeint hervorzugehen und Solidarität sowohl innerhalb als auch außerhalb der EU zu beweisen?

Dafür müsste man das Einstimmigkeitsprinzip ändern, denn es verhindert die Verabschiedung eines gemeinsamen Haushalts und eines gerechten Steuersystems in Europa. Wir sollten mit einer kleinen Zahl von Ländern beginnen, zum Beispiel, indem wir der im Jahr 2019 gegründeten Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung echte Befugnisse geben. Es wird nicht so viel darüber gesprochen, zumindest in Frankreich nicht, aber das Ganze ist eine interessante Sache. Das Problem ist, dass die Versammlung nur eine beratende Funktion hat. Sie sollte dafür verantwortlich sein, ein gemeinsames Steuersystem für Frankreich und Deutschland zu verabschieden.

Ist Ihr aktuelles Buch "Kapital und Ideologie" ein Appell für eine transnationale Bewegung, die sich gegen die etablierten Eliten wendet? Eine globale Gelbwesten-Bewegung – ist das ihr Traum?

Ehrlich gesagt, ich war sehr traurig über die Bewegung der Gelbwesten. Ich konnte nachvollziehen, dass sie wegen der Erhöhung der Benzinsteuer wütend waren. Am Ende musste ich aber feststellen, dass viele nationalistische Demonstranten auf der Straße waren und dass Internationalismus nicht das Hauptmerkmal der Bewegung war. Wir werden viel tun müssen, damit wir der internationalen Bewegung eine soziale Farbe verleihen können. Die große Herausforderung besteht heute darin, die Globalisierung mit Umverteilung und wirtschaftlicher Gerechtigkeit zu versöhnen. Wir müssen es möglich machen, aber das wird sehr schwierig sein.

Worin liegen dabei die größten Herausforderungen?

Wir gehen von einer Situation aus, in der die sozial schwachen Gruppen das Gefühl haben, von der Globalisierung und der europäischen Integration schlecht behandelt worden zu sein. Nur die oberen Schichten unterstützen die europäische Integration. Es ist eine Illusion zu glauben, dass man einfach nur besser erklären müsste, was man macht. Zudem zu behaupten, arme Menschen seien nationalistisch, ist zynisch und falsch. Wir können nicht mit reinen Wirtschafts- oder Handelsverträgen weitermachen. Wir brauchen ehrgeizige Verträge, die soziale, umweltbezogene Ziele einschließen. Technisch gesehen ist das nicht kompliziert. Wir haben nur seit den 1980er- und 1990er-Jahren einen anderen Weg gewählt. Das müssen wir ändern.

Sie schlagen eine bessere Machtverteilung in Unternehmen und ein Kapitaleigentum auf Zeit vor, durch eine stark progressive Besteuerung großer Vermögen. Wollen sie jegliche Individualität abschaffen?

Es geht nicht darum, die Vielfalt abzuschaffen. Es geht mir darum, dieser Vielfalt die Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten. Das heißt, alle sollten möglichst umfänglichen Zugang zu grundlegenden Gütern, beginnend mit Bildung, bekommen. Allgemein gesprochen meine ich Partizipation, also Mitbestimmung und möglichst umfassende Teilhabe aller an den verschiedenen Formen gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen Lebens. Wir haben vergessen, dass menschlicher Fortschritt im 20. Jahrhundert möglich war, weil das Eigentum desakralisiert wurde. Heute haben wir eine Sakralisierung des Vermögens und des Vermögensaufbaus. In der Praxis aber ist Vermögensaufbau immer ein kollektiver Prozess. Unser größter Feind ist der Mangel an Wissen und das Vergessen.

Kapital und Ideologie. Von Thomas Piketty. C. H. Beck, München, 2020.

Das Interview führte Cécile Calla



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