Tragische Helden

von Preti Taneja

Eine Geschichte geht um die Welt (Ausgabe III/2020)

Tragische Helden -

Illustration: Julia Praschma


Die Trauer fühlt sich an wie eine erwürgende Krankheit, wie ein Fieber aus Kummer und Wut. Während ich dies schreibe, hat sie uns bereits alle erfasst, zusammen mit Covid-19. Dabei weiß jeder, der beruflich mit sozialer Gerechtigkeit zu tun hat oder den Alltag aus einer Minderheitenperspektive erlebt, dass diese Trauer wie eine Epidemie ist: Sie wütet seit Jahrzehnten. Sie hält uns in Angst, ein perfekter Sturm, jederzeit kurz davor, loszubrechen. Jetzt ist es in Großbritannien soweit: Mit dem schrecklichen, unverhältnismäßigen Tribut, den das Coronavirus von Menschen fordert, die schwarz sind, asiatisch und einer ethnischen Minderheit angehören. Das Akronym ‚BAME‘ (‚Black, Asian and Minority Ethnic‘) werde ich nicht verwenden: Es gibt keine solche Gemeinschaft. Außerdem verwischt es alle Nuancen und klingt wie ‚bane‘ (dt. Fluch). Es ignoriert den anti-schwarzen Rassismus und erlaubt es Politikern und anderen, von Vielfalt zu sprechen, wenn sie asiatische Menschen, aber keine Schwarzen in ihrer Organisation haben. Man denkt auch oft, dass das "a" für "und" steht, wenn es sich um Asiaten und Asiatinnen handelt - aber südost- und ostasiatische Menschen haben solch unterschiedliche Kulturen, Einwanderungsgeschichten und Erfahrungen mit Rassismus. Wenn es ein Akronym geben muss, dann experimentiere ich zuerst mit AMEB, was wie der Anfang von 'amiable' klingt (dt. liebenswürdig); ich bevorzuge BEAM (dt. (Licht)Strahl). 

Jetzt fließt Covid-19 durch die jahrhundertealten Arterien des Sklavenhandels und des Empire; es vermehrt sich durch Jahrzehnte von gebilligtem Rassismus, kontrollierter Einwanderung, Alibipolitik und Diskriminierung. Es verbreitet sich durch die Übertragung kultureller Erwartungen und Schweigen aus der breiten Masse sowie innerhalb minorisierter Gemeinschaften. Es tötet uns in Größenordnungen, die Viele in den ersten Wochen der Krise „schockierend“ nannten. 

Dabei war es vorherzusehen, dass das neuartige Coronavirus die Leute treffen würde, die ihm am meisten ausgesetzt sind, die gezwungen sind, ohne persönliche Schutzausrüstung, von der es in Großbritannien immer noch nicht genügend gibt, zu arbeiten. Das sind Menschen im Nationalen Gesundheitswesen (NHS), in der Sozialfürsorge und solche in den am wenigsten „wertgeschätzten“, unsichersten Arbeitsverhältnissen. Die Menschen, die (um es mit den Worten von Arundhati Roy zu sagen) nicht stimmlos sind, sondern „vorsätzlich zum Schweigen gebracht, vorzugsweise ungehört“.  Menschen, die die Infrastruktur am Laufen halten, als Ärzte, Krankenpflegende, Stationshilfskräfte, Reinigungskräfte, Arbeitende in der Lebensmittelindustrie, Köche und Köchinnen in Take-aways, Auslieferungsfahrende, Müllwerkende, Sicherheitskräfte. Alles Tätigkeiten, die in Großbritannien in überproportionalem Maß von Menschen mit Migrationshintergrund verrichtet werden. Welche die Regierung vom abfälligen „gering qualifiziert“ zum mehrschichtigen „Keyworker“ und weiter zum „Held“ aufgewertet hat, mit einem Beiklang der Aufopferung, als der Pandemie-Lockdown begann; aber dadurch wurden Menschen natürlich nicht besser geschützt. 

Ich gehöre nicht zu den oben aufgezählten. Ich schreibe Romane über die Entbehrungen meiner Eltern. Romanautoren sind keine Propheten: Manchmal sind wir nur Wetterfahnen; wir lesen die Welt, wir schreiben ihre Turbulenzen und Unterströmungen nieder, wir malen uns mögliche Zukunftsvarianten auf einer Buchseite aus. Dies sind nun ein paar gesammelte Gedanken zu dieser Zukunft, eingereicht am Tag bevor George Floyd in Minneapolis, Minnesota, USA, mit einem Knie im Nacken starb, bevor die Black Lives Matter-Bewegung weltweit Millionen von Menschen, die nicht mehr können, dazu inspirierte, auf die Straße zu gehen. Es wurde in Trauer geschrieben, inmitten einer gusseisernen Abriegelung, im Auge eines perfekten rassistischen Sturms. 

Es wird auch eine Rolle spielen, wer die Geschichten schreibt und welches Material uns dabei zur Verfügung steht. Ohne diese Geschichten wird der fruchtbare Boden für Angst, Hass und Spaltung immer weiter wachsen

Die brutalen Fakten des Britischen Imperialismus, der Millionen unterjochte und dann schwarze, ethnische und asiatische Minderheiten nach dem zweiten Weltkrieg „einlud“, Großbritannien zu dienen und dann in der neuen NHS zu arbeiten, in Fabriken, auf Bauernhöfen und in Geschäften, fehlen im nationalen Lehrplan wie auch in den gängigen Narrativen der Medien und Kunst nach wie vor weitestgehend. Die detaillierten Einzelheiten von Einzelschicksalen sind nur selten als der Aufzeichnung, Archivierung oder weiten Verbreitung wert erachtet worden. Diese schreckliche Lücke, verursacht durch bewusste Unterlassung, klafft nun weiter auf, da die Menschen einen frühen, vermeidbaren Tod durch Covid-19 sterben. In den kommenden Monaten und Jahren muss dieses Fehlen von Wissen zu jeglicher Post-Covid-Abrechnung gehören. Es wird auch eine Rolle spielen, wer die Geschichten schreibt und welches Material uns dabei zur Verfügung steht. Es wird spärlich sein, informell, anekdotisch und oft aus zweiter Hand – so viel steht jetzt schon fest. Ohne diese Geschichten wird der fruchtbare Boden für Angst, Hass und Spaltung immer weiter wachsen. In dieser Welt ist das faschistische „Geh nach Hause“ ein Lieblingsrefrain, macht sogar diejenigen, die „hier geboren“ sind, in Großbritannien und Europa, verletzbar; nicht nur die, die in den 1950ern, 60ern und 70ern kamen und heute so viel stärker bedroht sind. Ihre frühen, vermeidbaren Tode in Massen schwächen unser zerbrechliches Gefühl der Zugehörigkeit zu Großbritannien, selbst bei denen, die „hier geboren“ sind. 

Das wird noch dadurch verschlimmert, dass viele von ihnen ihr Leben lang geschwiegen haben: zu ihren eigenen Erinnerungen an kollektive Traumata wie die Teilung Indiens, das Wüten Idi Amins, die Folgen der vom Westen finanzierten Konflikte, globalen Kapitalismus und Klimaereignisse, die vielen gefährlichen und schwierigen Überfahrten nach England vorausgehen. Festgehalten durch Nostalgie und einen kämpfenden Vorwärtsdrang, während sie in ihren Kindern die Sehnsucht förderten aufzusteigen und Erfolg zu haben. 

Unsere Großeltern und Eltern waren die ursprünglichen Träumer, Teil-Hüter unserer Bindestrich-Identitäten. Jetzt, wo wir sie verlieren, nehmen sie den Kern unserer Herkunftsgeschichten mit sich, die Rituale, Traditionen und Sprache unserer gleichgestellten „anderen“ Heimatländer. Eine Generation von Ankunftsgeschichten – verloren. Eine britische Muslim-Freundin, die mit einem Großelternteil zusammenlebte, das kürzlich an der Krankheit starb, trauert nun um die einzige Person, mit der sie täglich Panjabi sprach. Ich erinnere mich schmerzlich daran: Meine eigene Mutter starb vor sechzehn Jahren; mein Hindi hat seitdem gelitten. Unsere Migrationslehren, die in altehrwürdiger mündlicher Tradition weitergereicht wurden (wenn wir nachdrücklich nachfragten) sind es, was uns verwurzelt, und uns dazu befähigt, für uns und unsere Gleichgestellten zu kämpfen, und unseren Kindern ein Fundament zu geben. Wie werden wir das nun machen? 

Menschen aus Südasien, wie so viele schwarze und ethnische Minderheiten, zelebrieren das Leben in erweiterten, generationsübergreifenden Gruppen. Zum Guten wie zum Schlechten, Geselligkeit ist Kultur. Die Ironie dieser Tragödie ist schrecklich: Covid-19-Übertragung bedeutet, dass überall im Land unsere verwandtschaftlichen Netzwerke ein potenzielles Todesurteil darstellen, und so müssen wir eine neue Isolation erlernen. Das ist besonders für Ältere unvereinbar und schwer zu akzeptieren. Minderheitenfamilien der Arbeiterklasse, die in minderwertigen Unterkünften in dicht besiedelten Miethausstraßen oder gefährlichen Hochhausblöcken gefangen sind oder einen Familienbetrieb in der Dienstleistungsindustrie führen, wird es schwerer treffen, insbesondere da sie in den am schlimmsten betroffenen Gegenden Großbritanniens leben. 

Niemand wird kriminell geboren, auch wenn der Rassismus uns dazu drängt, dies anders zu sehen

Für Arbeiterkinder und -jugendliche anderer Hautfarbe, deren geliebte Eltern, Großeltern und Grundversorger auf traumatische Weise allein und zu früh gestorben sind, geht es sogar um noch mehr. Das britische System diskriminiert sie auf üble Weise seit ihrer Geburt. Wie wird sich das jetzt auf sie auswirken? Gleicher Internetzugang für Schule und Sozialleben ist jetzt schon ein Problem; im Lockdown ist dies noch schlimmer geworden. In der Öffentlichkeit laufen schwarze und muslimische Männer und Jungen größere Gefahr, bestraft zu werden, bei Polizeikontrollen und durchsuchungen und auch durch das Justizsystem, das sie unverhältnismäßig hart behandelt, sie in großer Zahl in überfüllte Gefängnisse fegt, welche (trotz Bemühungen) weder human noch gänzlich Covid-sicher sein können. Niemand wird kriminell geboren, auch wenn der Rassismus uns dazu drängt, dies anders zu sehen. Wir müssen diese gefährlichen Methoden abschaffen, die Sozialsysteme, die die Lebenschancen ganzer Generationen verderben. 

Kommen wir zu einer weiteren Gewalttat: Scham. Sie ist eine uralte Waffe, sie schneidet Zungen heraus. Gewalt gegen Frauen und Mädchen hat während des Lockdowns zugenommen: In Großbritannien führen Angst vor Vergeltung und fehlendes Vertrauen in den Staat dazu, dass farbige Frauen weniger häufig wegrennen oder Meldung erstatten, oder Schutz suchen, wenn sie es tun. Ihnen wird auch weniger Glauben geschenkt, wenn sie auf Probleme in der Gesundheitsversorgung hinweisen. Wenn Ältere zuhause krank werden, kann Immigrantenstolz, fehlendes Vertrauen und das Gefühl, dass sie die staatlichen Ressourcen nicht belasten sollten, sie davon abhalten, geschulte „Außenstehende“ zu Hilfe zu rufen. Damit fällt die Last der Pflege ungeschulten Familienmitgliedern zu, insbesondere den Frauen im Haus. Depression, psychische Erkrankungen und Süchte sind kulturell Tabu-Themen: Die Zahlen werden hier in den kommenden Monaten und Jahren zwangsläufig ansteigen. Das Fehlen von Ressourcen, um auch nur eines dieser Probleme anzugehen, wird sich durch eine drohende Covid-Rezession verschärfen. 

Aber die Weichen dafür wurden durch jahrzehntelange Sparmaßnahmen gelegt, mit unerbittlichen Kürzungen bei örtlichen Einrichtungen für Sozialfürsorge, Gesundheit, Schutz für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten, Polizei und Gefängnissen. Vertrauen in die Regierung ist über Jahrzehnte ausgehöhlt. Dazu beigetragen haben die hohe Sterberate schwarzer Männer in Haft, das Ausbleiben von Antworten auf die Stephen-Lawrence-Untersuchung, der Windrush-Skandal, das Grenfell-Feuer. Die gegenwärtige Regierung wird niemals zugeben, dass sie eine Politik betreibt, die in der Ideologie der weißen Vorherrschaft verwurzelt ist. Eine weitere Kommission wird angekündigt, der Lockdown wird "um der Wirtschaft willen gelockert" - Kapitalismus ist ihrer Meinung nach Beschwichtigung. 

Aber Listen haben hier einen Zweck, und die Zahlen sind zu drastisch. Und wir werden die Tausenden, die ihr Leben verloren haben, nicht vergessen. Jeden Namen, jede Liebe. Während des Lockdowns werden BEAM-Leben noch stärker bedroht sein vom Terror der von der Regierung verordneten „feindlichen Umgebung“, die Immigranten und Migranten solange für schuldig erklärt, bis ihre Unschuld bewiesen ist, und in uns stets eine Bedrohung sieht. Die feindliche Umgebung schränkt den Zugang zu Wohnraum ein, zu Bildung, staatlicher Förderung, Gesundheitsfürsorge; sie zwingt Bürger, einander zu überwachen. Selbst in dieser Lebens- und Existenzkrise gilt die Regel „kein Rückgriff auf öffentliche Gelder“ (wenn ein Migrant an seinem Arbeitsplatz stirbt, kann die Familie keine finanzielle Unterstützung fordern).  Das, plus die Auswirkungen des Lockdowns auf Jobs, drängt eben jene Migranten, die auch die hohe Zahl der „Covid-Helden“ ausmachen, in die Armut. 

In Großbritannien laufen schwarze Menschen vier Mal so große Gefahr, an Covid-19 zu sterben als weiße

Die zehn ersten gemeldeten Covid-19-Opfer innerhalb des NHS gehörten den schwarzen, asiatischen und ethnischen Minderheiten an. Der Freund von mir, der als erstes ein Elternteil an den Virus verloren hat, ist britisch-asiatisch. Der erste Allgemeinarzt, der verstarb, war indischer Herkunft – Poornima Nair, 56, aus Kerala, einem Staat, der dafür bekannt ist, Krankenpfleger nach Großbritannien zu schicken. Mein Social-Media-Nachrichtenstrom ist zu einer digitalen Litanei der Toten geworden: mehr schwarze und braune Gesichter, als ich jemals in der Mainstream-Presse vermeldet gesehen habe. Ich wünschte, das läge nur am Algorithmus, der im Wissen meiner Interessen mich mit Nachrichten füttert, die ich lesen werde. 

Großbritannien hat inzwischen die höchste Rate an Covid-19-Toten in Europa. Wir haben seit jeher keine nach Ethnien aufgeteilten Daten über Todesfälle: Diese kleine politische List kaschiert starke Ungleichheiten. Jetzt wissen wir, dass schwarze Menschen in England und Wales vier Mal so große Gefahr laufen, an Covid-19 zu sterben als weiße. Auch wenn man zugrundeliegende Gesundheitsprobleme, Alter, Wohlstand, Bildung und Wohnverhältnisse einbezogen hat, ist ihr Risiko, an der Krankheit oder damit zusammenhängenden Erkrankungen zu sterben, immer noch fast doppelt so hoch wie das für weiße Menschen. Für Menschen aus Pakistan und Bangladesch ist das Risiko ebenfalls hoch. Für diese Gruppen besteht auch ein höheres Risiko der Arbeitslosigkeit und Kinderarmut als für weiße Menschen. Inder und Inderinnen folgen an nächster Stelle. 

In der NHS entstammen 94 Prozent der Ärzte und 71 Prozent der Krankenpfleger, die an Covid-19 gestorben sind, den schwarzen, ethnischen und asiatischen Minderheiten; ebenso 21 Prozent des Personals, ein überdurchschnittlich hoher Anteil verglichen mit der Bevölkerung von England und Wales. Das Management ist mehrheitlich weiß. Zehn Prozent des aktuellen medizinischen Personals in der NHS sind Asiaten, und davon sind dreißig Prozent Ärzte und Assistenzärzte. Es ist eine Tatsache, dass schwarze Ärzte und Ärztinnen £10.000 weniger verdienen, und schwarze Krankenpfleger verdienen £2.700 weniger pro Jahr als ihre weißen Kollegen und Kolleginnen. Schwarzes Personal findet sich häufiger unter den Stationshilfskräften, Reinigungskräften, Krankenhausbusfahrern: Sie alle stehen weiterhin an vorderster Front. 

In der Corona-Krise macht sich also einmal mehr – und dieses Mal mit voller Kraft – der Fluch der Kultur bemerkbar. Die Ungleichheiten in der britischen Gesellschaft werden deutlich sichtbar, und schonungslos zeigt sich, in welcher Zwickmühle sich insbesondere »Ausländer«, Eingewanderte und Minderheiten befinden. Jahrzehntelang haben sich zugewanderte Familien im Vereinigten Königreich mit aller Mühe nach oben gearbeitet. Sie haben in Fabriken geschuftet und in kleinen Eckläden, sie haben als Lieferbotinnen und Lieferboten gearbeitet, als Busfahrer und Lehrerinnen. Kinder aus eingewanderten Familien haben alles getan, um »anzukommen«, um ihre Eltern stolz zu machen. Die Arbeit im medizinischen Bereich spielte dabei immer eine besondere Rolle. In Südostasien etwa gilt die Medizin – so wie in vielen westlichen Ländern auch – als höchst angesehenes Arbeitsfeld, das sozialen Status und finanzielle Sicherheit verspricht. Nicht umsonst ist der Druck, den asiatische Eltern im Ausland auf ihre Kinder ausüben, um eine Karriere als Arzt oder Ärztin anzustreben, längst zu einem zwar überstrapazierten, aber doch nicht ganz von der Hand zu weisenden Klischee in Film und Fernsehen geworden. Der Druck, den viele Einwandererkinder spüren, als Außenseiter in Großbritannien dazuzugehören und den Erwartungen ihrer Eltern zu entsprechen, ist nicht nur Fiktion. 

Nichtweiße Angestellte waren in den vergangenen Wochen und Monaten unverhältnismäßig oft Opfer von Mobbing – und auffällig oft auf Stationen mit Covid-19-Fällen im Einsatz

Doch wer glaubt, als Teil des NHS endlich als gleichwertiger Mitbürger oder gleichwertige Mitbürgerin im Vereinigten Königreich angekommen zu sein, täuscht sich. So geht aus einer offiziellen Erhebung des NHS hervor, dass nichtweiße Angestellte in den vergangenen Wochen und Monaten unverhältnismäßig oft Opfer von Mobbing geworden sind – und dass sie auffällig oft auf Stationen mit Covid-19-Fällen im Einsatz waren. Manche von ihnen äußern sich nun in den Medien. Sie berichten von einer Kultur des Schweigens: Wer sich im Gesundheitssektor unfair behandelt fühlte, wehrte sich bisher nur selten. Niemand wollte als Unruhestifter abgestempelt werden – und niemand wollte die Patienten im Stich lassen. Doch die Schweigekultur bekommt erste Risse. 

Während die britische Gesundheitsministerin Priti Patel, die selbst indischstämmige Eltern hat, nicht müde wird, vor den Kameras über die gute Seite der Einwanderung zu sprechen und individuelle Erfolgsgeschichten hochzuhalten, scheinen andere Angehörige der Minderheiten mittlerweile aufzuwachen. Die Alarmglocken läuten und die Solidarität nimmt zu. Erste Hinweise darauf, dass die Covid-19-Sterberate für nichtweiße Gesundheitskräfte alarmierend hoch   ist, kamen etwa von Chaan Nagpaul, dem Vorsitzenden des Britischen Ärztebunds. Und in den Midlands, wo das Coronavirus besonders stark wütet, beteiligten sich zuletzt mehrsprachig aufgewachsene Politikerinnen und Politiker, Künstlerinnen und Künstler an der Produktion eines Aufklärungsvideos zu Corona, das ebenfalls von Minderheiten-Fachkräften initiiert wurde. Vielleicht ist dies ein Zeichen dafür, dass sich der Wind langsam dreht und dass die Betroffenen anfangen, sich gegenseitig zu unterstützen. Angesichts der politischen Lage in Großbritannien wäre es längst an der Zeit. 

Ich möchte glauben, dass das einerseits auch zeigt, dass sich die traditionellen Nachrichtenredaktionen ändern. Ich war selbst Praktikantin und die einzige farbige Frau in einer Londoner Nachrichtenredaktion in Nachtschicht, in den Wochen nach dem 11. September 2001, als der amerikanische Präsident George W. Busch dem „Terrorismus den Krieg“ erklärte. Der Nachtredakteur schickte mich in eine bestimmte Gegend (Brick Lane), „um die muslimische Sichtweise einzuholen“. Er nutzte meine Wurzeln und mein Geschlecht für die Berichterstattung. Er dachte, die dortige Gemeinschaft würde mir trauen (er hatte Recht).  Es war in diesen Nächten nicht leicht, über die Furcht und Trauer einer Gemeinschaft zu berichten, genauso wie Medienreaktionen heute so bestimmt zu diesem Moment und seinen fortlaufenden Verlusten geführt haben. 

Farbige Frauen können eine Menge zum Berichten der „menschlichen“ Geschichten beitragen, aber es hat auch seinen Preis. Jetzt macht es uns zu sichtbaren Zielen für rassistische Beschimpfungen, zugleich obliegt uns weiterhin die Verantwortung, ein kulturelles Gewicht zu tragen. Das sind komplexe „Frontlinien“, die es zu navigieren gilt in einem rechtsextremistischen Klima, das durch immigranten-feindliche Brexit-Rhetorik und Rassismus geschaffen und einheizt wird; die unermüdliche Rhetorik versteckter Signale durch Premierminister Boris Johnson und andere mächtige Stimmen in Politik und Medien setzt sich auch fort, während Menschen sterben. 

Ende April trat Johnson im nationalen Fernsehen auf und nannte den Virus einen „Mugger“ (dt: Straßenräuber, ein Ausdruck, den die Rechten unermüdlich mit schwarzen Jungs in Kapuzenpullis in Verbindung bringen). Mitte Mai mahnte Johnson die Bevölkerung, „wachsam zu bleiben“: Dieselbe Sprache wird auch in den Antiterror-Kampagnen zur feindseligen Umgebung verwendet. Er schickt diejenigen, die nicht von zuhause aus arbeiten können, zurück zur Arbeit. In London und in größeren Städten werden das eher schwarze, asiatische und ethnische Minderheiten-Frauen und -Männer sein. Währenddessen schreiben rechte Kolumnisten, dass Kämpfer für die Rechte von Minderheiten „Covid-Daten verdrehen, um ihre ‚Opfer‘-Agenda voranzutreiben“. 

Für viele Menschen ist es schlicht nicht mehr tragbar, dass ihre Leben in den Augen der breiten Masse erst dann etwas wert sind, wenn sie in großer Zahl sterben

Dieser Fluch verbreitet sich bis in die Wissenschaft. Durch den Brexit ermutigte Hobby-Rassisten mutmaßen, dass nicht das unfaire Gesundheitssystem an der ungleichen Verteilung der Covid-19-Todesfälle verantwortlich ist, sondern Vitamin-D-Mangel und Begleiterkrankungen. Sie schreiben im Internet über die Überlegenheit der Rassen der Weißen. Sie postulieren, dass Minderheiten verdienen, was sie bekommen, weil wir „in beengten Verhältnissen“ in Großfamilien leben und uns nicht die Hände waschen würden. 

Wer all das nur für leere Rhetorik ohne Einfluss auf den sozialen und politischen Alltag hält, der hat noch nichts von dem Fall der Belly Mujinga gehört. Ende März dieses Jahres war die Fahrkartenverkäuferin am Bahnhof London Victoria im Einsatz, als ein Mann auf sie zukam und fragte, was sie dort tue. »Arbeiten«, antwortete die 47-Jährige, dann spuckte der Mann sie unvermittelt an und behauptete, mit Covid-19 infiziert zu sein. Nur wenige Tage später war Mujinga tot. Als Mitarbeiterin an einem der hektischsten Bahnhöfe in London hatte sie sich mehrmals bei ihren Vorgesetzten um Sicherheitskleidung bemüht, erzählt ihre Cousine später. Vergeblich. 

Angesichts solcher Episoden ist es kein Wunder, sondern vielleicht sogar schon längst überfällig, dass die Trauer in Großbritannien langsam, aber sicher in Wut umschlägt. Die Zeit des Aktivismus ist gekommen. Für viele Menschen ist es schlicht nicht mehr tragbar, dass ihre Leben in den Augen der breiten Masse erst dann etwas wert sind, wenn sie in großer Zahl sterben; dass ihre Geschichten erst dann aufgezeichnet werden, wenn sie zu Massentragödien geworden sind, zu soziologischen oder wissenschaftlichen Studien, zu Nachrufen. Der Versuch der britischen Politik, den Status der Gesundheitskräfte im Angesicht der Krise zumindest rhetorisch aufzuwerten, kam zu spät. Menschen, die in der öffentlichen Debatte noch bis vor Kurzem als »Geringqualifizierte« abgetan wurden – Krankenpflegende, Stationshilfskräfte, Reinigungspersonal – sind im politischen Sprachgebrauch zwar mittlerweile zu »Keyworkers« und mitunter sogar »Helden« befördert worden. Besser geschützt oder besser bezahlt wurden sie dadurch jedoch nicht. Diejenigen, die das Gesundheitssystem auf ihren Schultern tragen, lassen sich nicht länger mit blumigen Worten abspeisen, wenn es ihnen gleichzeitig bis heute an Schutzbekleidung mangelt. 

Die Frage ist, ob sich in Großbritannien nach der Pandemie etwas verändern wird – und wer die Geschichten der Betroffenen erzählt. Die Zukunft des Gesundheitssektors, die Prekarisierung der Arbeit, die Auswirkungen der anstehenden Rezession: All das werden Themen sein, die politisch neu verhandelt werden müssen. Werden sich die Medien des Problems annehmen? Werden sie Minderheiten, Einwandererkinder und benachteiligte Gesundheitskräfte öfter zu Wort kommen lassen? Oder wird einfach wieder alles wie früher? 

Ich selbst bin Autorin. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die ich aufgezählt habe. Aber auch ich bin wütend und traurig – und ich kann diese Geschichten aufschreiben, meine Gedanken sammeln, inmitten des Sturms, der gerade losbricht. Manchmal wettere ich gegen den Staat, manchmal gegen mich selbst, manchmal gegen die Tatsache, dass wir unser Land nicht längst zu einem besseren Ort gemacht haben. Die Millionen Kompromisse und die vielen sinnlos ausgetragenen Kämpfe der Vergangenheit machen mich wütend. Aber die Hoffnung, dass der Sturm vorübergeht und sich an seinem Ende eine neue Normalität breitmacht, die bleibt.

Aus dem Englischen von Annalena Heber



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