Eine Geschichte geht um die Welt (Kapitel 6 von 8)

von Yvonne Adhiambo Owuor

Eine Geschichte geht um die Welt (Ausgabe III/2020)

Die Hütte im Wald -

Illustration: Elisabeth Moch


Es gibt auf dieser Welt jetzt keine Gewissheiten mehr, nicht die Zeit, nicht einmal die Garantie, dass auf die Nacht der Morgen folgen wird. Die Anzeichen waren schon lange da: die geleerten Straßen, die zum Schweigen gebrachten Vögel, die Abwesenheiten. Die unbehagliche Stille der Nacht, der Zustand zwischen Wachen und Traum. Elsa war mit einem unguten Gefühl erwacht, ganz so, als habe sie auf einem Friedhof geschlafen.

»Ist da jemand?« hatte sie geflüstert, bevor sie von der Couch aufstand, die ihr als Bett gedient hatte.

»Full house«, hatte man ihr lächelnd gesagt. Sie hatte nicht viel darüber nachgedacht, bis jetzt. »Hallo?« Niemand hatte geantwortet, aber das Gefühl, beobachtet zu werden, blieb. Eine neue Wachsamkeit. Trotz des Anscheins von Ordnung, von Willkommensein und Geborgenheit stimmte etwas nicht. Elsa schob das Gefühl beiseite.

Es gibt jetzt keine Gewissheiten.

Und heute zeigte sich das Tageslicht nicht. Es herrschte die Dunkelheit des Abgrunds. Es gab nichts, was darauf hingedeutet hätte, dass das Licht zurückkehren würde. Seit der magnetische Nordpol sich so drastisch verschoben hatte, war nichts mehr gewiss.

Plötzlich eine schneidende Stimme in der alles verschlingenden Finsternis. »Eine verdammte Polarnacht? Das hat uns g-gerade noch gefehlt.« Vereinzelte Stimmen hier und da, ein paar beschwichtigende Laute. »Wo ist die ‚Denken und Handeln-Truppe‘?«

Elsas neues Unbehagen setzte sich als ein Gefühl der Leere in ihrer Magengrube fest.

Sie sammelte langsam ihre wenigen Habseligkeiten um sich herum, während sie im Geiste nach dem schnellsten Fluchtweg Ausschau hielt. Sie ortete die Position der Tür. Aber die wenigen Lichter im Raum begannen zu flackern. Erst orange, dann braun, dann …weg. Und sich nähernde Gestalten wurden zu Schatten.

Ein Aufstöhnen.

Dann.

Tick.

Tick.

Tick …

Die Uhren:

Und auch sie kamen zum Stehen.

Stille.

Hörbares Atmen der nervösen Vielen.

Und Rufe: »Was ist hier los?« Gemischte Stimmen, verschiedene Sprachen, dieselbe Frage. Und eine Antwort, die weitergetuschelt wurde ... Polarnacht … polar night … hmo ntuj polar …  polární noc … oidhche polar ... polar husiku ….

Elsa spürte die Dunkelheit, und sie schien dichter zu werden und die Stimmen zu dämpfen, als sei sie zu einem Nebel geworden. Einen Augenblick lang verlor sich Elsa in ihren Gedanken und überlegte, was sie über das Smidowytsch-Tagebuch zu sagen versäumt hatte. Sie erinnerte sich an die kryptische Notiz am Rand von Seite 45 des Tagebuchs: »z. B. nördlich von Norwegen, Insel Spitzbergen. Vier Monate ununterbrochene Nacht im Winter ...was/wie/wer …« und daneben eine Formel, über die sie nachgegrübelt hatte.

Es hat begonnen, dachte Elsa bei sich.

Aber der Gedanke fand den Weg zu ihrer Zunge und sprach sich laut aus.

»Es hat begonnen.«

Erschrockene Stille.

Eine markante Stimme erhob sich: »Unsere Elsa … Bist du das?« Es war der Gastgeber von gestern.

Elsa räusperte sich. Ihre Stimme war leise. »Ich bin hier.«

Sie spürte mehr als sie es sah, dass sich die versammelten Gesichter zu ihr umdrehten. Wie war es gekommen, dass sie gesprochen hatte?

Schweißtropfen auf ihrer Stirn. Ihre Hände zitterten. Sie sagte zu sich selbst: Atme. Beruhige dich.

»Was hat b-begonnen?« Es war die Stimme, die sie bereits zuvor gehört hatte. Eine Frauenstimme. Hart. Kühl selbst in den Momenten, in denen sie über Anfangskonsonanten stolperte. »Was?«, wiederholte sie.

Worte strömten aus Elsas Mund. »Die Dunkelheit.«

»Erzähl w-weiter. Lass n-nichts aus.«

Elsa biss sich auf die Unterlippe. Warum hatte sich die Atmosphäre im Schutzraum so verändert? Was war ihr entgangen? »Das Smidowytch-Tagebuch … äh … bezeichnet dies als die ‘Neunte Plage’ ... glaube ich.«

Sarkastisch wurde erwidert: »G-glaubst du? Und was kommt als nächstes? Der T-tod aller Erstgeborenen?«

Unbehagliches Gelächter.

Elsa schwieg, während sie im Geiste nach einem Ausweg suchte.

»Elsa…« Diesmal war es ein bemüht unbeteiligter Bariton. Elsa hörte das Gekünstelte in der Stimme.

»Lews Werk: Tagebuch oder Autobiographie?«

»B-beides.« Diesmal war sie es, die stotterte. Ihre Gedanken kreisten nur um Flucht.

Die Baritonstimme war näher als die andere, Wärme zu ihrer Linken, ein Hauch von … Was war das … Salbei? »Und was noch? Eine Prophezeiung?«

Vereinzeltes Gelächter. Und das Gelächter schien durch jedes Zimmer der Hütte zu wandern und wieder zurück. War es Spott? Elsa schüttelte den Kopf, obwohl es niemand sehen konnte. Sie ließ sie glauben, dass sie mit ihnen lachte.

Dummkopf! Dummkopf! Dummkopf! Wie hatte sie alle ihre Grundregeln missachten können? Traue nichts und niemand. Misstraue von Grund auf allen Menschen und Situationen. Misstraue von Grund auf dir selbst.

Diese Stimme. »Was weißt du? Du sagtest ,Es hat begonnen.’ Was hat begonnen?« Und dann ein anderes Flüstern, wie ein Finger, der ihre Haut streichelt. Unhörbar, doch spürbar: Du solltest nicht hier sein. So sacht, dass sie in früheren Zeiten an ihrer Wahrnehmung gezweifelt hätte. Und zum ersten Mal, seit sie die Bibliothek verlassen hatte, war ihr klar, dass sie sich in Lebensgefahr befand. Sie nahm einen tiefen Atemzug, um die aufsteigende Übelkeit im Zaum zu halten. Was würde ein Mensch tun und hergeben, um ihr Leben zu retten?

»Weiß nicht,« war ihre gemurmelte Antwort auf die vorherige Frage. »Erschien mir irgendwie passend.«

Wer genau waren diese Leute?

Sie versuchte, ihre Stimme gleichzeitig fest und unbeteiligt klingen zu lassen. »Mag die Dunkelheit nicht so. Hatte ‘n bisschen Panik. Was können wir dagegen tun?«

Füßescharren. »Warten, bis es vorbei ist.« Pause. »Elsa. Jetzt, wo du hier bist. Mit uns.« Die Frau mit den blassblauen Augen antwortete von rechts aus der Richtung der Tür.

Elsa hörte die Warnung. Eine undurchdringliche Stille erfüllte den Schutzraum, man konnte das Misstrauen mit Händen greifen. Sie musste versuchen, abzuhauen. Elsa kniff die Augen zusammen und bewegte sich in Richtung der Tür. Konnte sie eine Panikattacke simulieren? Sie war nur vier Schritte gegangen, als eine Hand fest ihren Oberarm umfasste. Noch nicht.

Das Flüstern, leise wie ein Atemzug.

Als Elsa die Hand ausstreckte, war da nichts.

Das hatte ihr gerade noch gefehlt, jetzt wurde sie verrückt. Du hörst Stimmen, sagte sie spöttisch zu sich selbst.

Die Frau von gestern hatte es geschafft, sich Elsa zu nähern. Sie ergriff Elsas Hand, als seien sie Freundinnen. Elsa fuhr zusammen. In munterem Plauderton sagte die Frau, »Elsa, gestern wolltest du uns erzählen, warum sie Ultras es dermaßen auf dich abgesehen hatten?« Verschwörerisches, überlautes Flüstern. »Was ist deine ‚Superkraft‘?«

Wieder dieses spöttische Gelächter, das durch den Schutzraum wanderte. Elsa schauderte. Was konnte sie hergeben, um sich in dieser Dunkelheit etwas Zeit zu erkaufen? »Wer weiß? Mathematik vielleicht?«

Anstelle des Gelächters, das sie erwartet hatte, vertiefte und verhärtete sich die Stille,und wenn Elsa die Worte, die sie gesprochen hatte, hätte auslöschen können, dann hätte sie es getan. Man musste ihr nicht extra sagen, dass sie sich gerade das Leben unendlich viel schwerer gemacht hatte. »Und Schwimmen«, lenkte sie ab. »Wandern auch.«

»Und … natürlich ... Mathematik«, ergänzte die Frau von gestern. »Klingt logisch. Du musst sehr gut darin sein.«

»Nicht wirklich.« Sagte Elsa.

»Weshalb hätten die Ultras dich sonst aussuchen sollen?«

Stille.

Elsa bekam das Gefühl, dass sie von allen Seiten bedrängt wurde, dass das Rudel Menschen sie einkreiste, und dass sie keine Möglichkeit hatte, sich zu wehren. Sie tastete um sich. Und dann war sie zwischen zwei anderen eingeklemmt.

»V-verzeihung, Elsa«, sagte eine kühle Stimme. »Gestern Abend konnten wir uns nicht richtig miteinander bekannt machen. Wir sprechen uns hier selten mit unseren N-Namen an.« Leises Gelächter. »Wie du zweifellos herausgefunden hast, sind wir die …«, mokantes Lachen, ‚Inoffizielle Opposition‘. Eine bessere Welt ist möglich und so weiter... trotz der derzeitigen Dunkelheit. Sie wird vorübergehen, sagst du? Ich bin übrigens Die Agha.«

Elsa hatte nicht gesagt, dass die Dunkelheit vorübergehen würde. Die Agha?

»Mathematik«, sagte Die Agha betont deutlich. »Ich hatte mich gefragt, w-was du uns n-nicht erzählt hast, Elsa … seitdem, und ich zitiere dich, ‚es b-begonnen hat‘, und deine Auslegung von Smidowytsch ist nahe an dem, was Smidowytsch im Sinn hatte, nach allem, was ich schlau erahnt habe … und meine Superkraft ist, nebenbei gesagt, Intelligenz …. Was steht noch in dem Tagebuch, Elsa?«

Jemand bewegte sich dichter zu Elsa hin und presste sich gegen ihren Körper. Harte Konturen. Finger, die in ihren Daumen kniffen. Vorsicht. Vorsicht.

Denk nach. Sie könnte den Hyänen einen kleinen Knochen zum darauf herumkauen hinwerfen. »Ich bin nicht sicher«, begann Elsa. Die Agha schnaubte. »Irgendwelche Subtraktionsgleichungen … vermutlich von irgendwoher kopiert ... in den Text eingefügt …«

»In einfachen Worten, Elsa.« Die Agha war jetzt direkt vor Elsas Gesicht, obwohl Elsa sie nicht sehen konnte. Sie konnte ihren Atem riechen, den Geruch nach Nelken und Kardamom. »Mit anderen Worten, Elsa …«

Sie musste der »Inoffiziellen Opposition« zur Ablenkung ein paar saftige Brocken hinwerfen, damit sie entkommen konnte. Elsa antwortete, »Lew Smidowytsch … ich glaube … er hat versucht, herauszufinden, ob Die Katastrophe geplant war… ist… und vielleicht, wer von ihr profitiert.« Elsa sprach hastig, ein wenig erleichtert, dass sie die Theorie des Grauens testen konnte, die sie entschlüsselt hatte. »Geplant … mit einer Sequenz von Subtraktionsgleichungen …«

Die Agha schlug vor, »Eine Gruppe von Verschwörern hat sich also heimlich getroffen, um alles Leben mit … Berechnungen auszulöschen?«

Eine grelle Stimme schrie von hinten, »Was ist mit der Pandemie? Wie passt die in die Berechnung? Was subtrahiert sie?«

»Weiß nicht«, antwortete Elsa. »Dachte, es wäre der übliche Mist … Geld, Reichtum, Ego, Profit … aber die passen nicht in die … die … Gleichungen.« Am Ende murmelte sie nur noch.

»Die was?«

»Gleichungen«, sagte Elsa.

Das Aufflammen von Gesprächen an verschiedenen Stellen des dunklen Raumes.

Das Gefühl der Bedrohung verminderte sich ein wenig. Elsa fand das seltsam; die Wichtigkeit der Neuigkeiten hätte größeres Unbehagen erzeugen müssen.

Sie musste abhauen. Sie brauchte die Ruhe und Gelassenheit ihres Waldes. Sollte sie einfach losrennen? Das sachte Flüstern erwog, wie um sie zu necken, ist die derzeitige Dunkelheit dann eine Subtraktion des Lichts, oder die Beseitigung des Tages? Elsa drehte sich um, um das Geräusch anzuknurren. Aber … Jetzt! Atmete die Stimme. Lauf!

Elsa fuhr herum. Sie verlor das Gleichgewicht, taumelte und stürzte auf den harten Boden. Dabei riss sie ein Glasgefäß mit sich, das zersprang.

Aus dem Englischen von Caroline Härdter

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