Wir müssen uns widersetzen!

es kommentiert Joumana Haddad

Eine Geschichte geht um die Welt (Ausgabe III/2020)

Sibylle Berg -

Die Autorin auf einer Demonstration im Libanon. Foto: Nabil Sleiman


Schluss mit dem blonden Dummchen. Mit der aufopferungsvollen Mutti. Mit der tüchtigen Hausfrau. Mit der furchtbaren Autofahrerin. Mit der hysterischen Zicke. Mit der braven Tochter. Mit dem Fräulein, das gerettet werden muss. Mit der tollen Köchin. Mit der Gebärmaschine. Mit der hinterhältigen Intrigantin. Mit der armen, verschleierten Araberin. Schluss mit dem sensiblen, geschwätzigen, nahe am Wasser gebauten Weibchen. Schluss mit der heiratswütigen Frau. Mit der östrogen- und uterusgesteuerten Zeitbombe, deren Uhr tickt. Mit der sexy Sekretärin. Mit dem süßen Aschenputtel. Mit dem Opfer. Mit der Matriarchin. Mit dem Pink. Bitte, Schluss mit dem Pink. Und mit den Barbies. Es reicht einfach. Zur Hölle mit all diesen Klischees und Stereotypen über uns.

Von Kindesbeinen an erwartet man von uns Frauen im Libanon und anderswo, auf eine bestimmte Art zu existieren, zu denken und sogar zu träumen. Wir werden hartnäckig indoktriniert und mit schädlichen Aufforderungen bombardiert, entweder unsichtbar zu sein oder zu sichtbar; auszusehen statt zu existieren; Objekt statt Subjekt zu sein. Es ist, als bekämen wir bei der Geburt ein Handbuch für das Frausein ausgehändigt, das wir befolgen müssen. Aber was oder wer ist überhaupt eine Frau? Was oder wer entscheidet darüber? Ist es meine Vagina? Mein etwas größerer Hippocampus? Mein Hang, über Gefühle zu sprechen?

Wir wachsen vergiftet auf. Vergiftet von Plattitüden, vom Patriarchat, von offenem oder verstecktem Sexismus

Im Grunde ist es so: Wir wachsen vergiftet auf. Vergiftet von Plattitüden. Von Erwartungen. Vom Patriarchat. Von offenem oder verstecktem Sexismus. Sogar von unseren biologischen Gegebenheiten. Und vor allem vergiftet von einer religiösen Metapher, die uns auf eine bloße Rippe reduziert, einen winzigen Teil des Mannes. Aber jetzt ist endlich der Tag gekommen, an dem wir wütend sind. Wütend genug, um auf die Straße zu gehen, um gegen all diese Ungerechtigkeiten und Demütigungen zu protestieren, anstatt nur am runden Tisch oder in Privatgesprächen oder in den sozialen Medien darüber zu jammern.

Das Patriarchat hat nicht nur dem Libanon geschadet. Es hat auch die Selbstwahrnehmung der libanesischen Frauen enorm beschädigt und verzerrt. Dieser bösartige Krieg gegen den Selbstwert der Frauen wird nicht nur von Macho-Männern geführt, sondern auch von Frauen, die einer methodischen und jahrhundertealten Art von Gehirnwäsche unterzogen wurden. In Kombination mit einem sexistisch verpesteten kulturellen Umfeld führt all das dazu, dass Frauen sich selbst hassen, ihre eigene Würde mit Füßen treten und ihre kostbaren intellektuellen und beruflichen Fähigkeiten ignorieren. Dieses sexistische System, das so tief in uns verwurzelt ist, dass es zu einem Teil unseres weiblichen Unbewussten wurde, ist schuld, dass trotz aller feministischen Bemühungen für viele Frauen ihr Äußeres und ihre sexuelle Attraktivität Grundlage ihrer Kraft und ihres Selbstbewusstseins sind – und nicht ihre Intelligenz oder ihre Talente. Das sexistische System ist schuld, dass einige Frauen nach wie vor ausbeutbar sind und ausgebeutet werden. Das sexistische System ist schuld, dass einige Frauen akzeptieren, dass häusliche Gewalt, sexuelle Belästigung und Mobbing in den Medien so entsetzlich weit verbreitet sind. Das sexistische System ist schuld, dass es bis heute Mütter gibt, die bereit sind, ihre Töchter im Alter von elf oder zwölf Jahren zu verheiraten.

Ist es möglich, aus dieser fatalen Sackgasse wieder herauszukommen? Es ist nicht nur möglich oder einfach nur »wünschenswert«. Es ist essenziell und überlebensnotwendig. Aber wie schaffen wir es? Indem wir für uns selbst aufstehen und schreien und kämpfen. Indem wir uns nicht hinter einem Bildschirm oder einem Pseudonym verstecken. Indem wir rufen: Dies ist unser Recht und wir werden es uns nehmen. Indem wir unsere Energie aus der Solidarität derer beziehen, die neben uns, um uns herum, vor uns und hinter uns gehen. In einer Welt, in der »leben« zu einem Synonym für »funktionieren« geworden ist, ist es höchste Zeit, dass wir uns daran erinnern, dass wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen. Wir müssen zu unseren Körpern und zu unseren Entscheidungen stehen und dürfen uns nicht in Schablonen pressen lassen, die uns einschränken und festlegen. Nur dann werden wir wirklich anfangen, zu existieren, und keine Minute früher. 

Ich leiste Widerstand! Und Du?                      

Aus dem Englischen von Caroline Härdter



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