„Urlaub vom Benimm“

ein Gespräch mit Rattawut Lapcharoensap

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Die Webseite „Come to Thailand“ kündigt den „Riesenkampf“ im Elefantenpolo und „kulinarische Erfahrungen“ an.

Das Fremdenverkehrsamt der Regierung liefert eine romantische, idealisierte Version von Thailand. Ich habe das nie gemocht. Werbeposter mit dem Slogan „Amazing Thailand“ und einem Bild des schwimmenden Marktes in Bangkok sind Kitsch. Den schwimmenden Markt gibt es schon seit 60 Jahren nicht mehr. Der Kanal, auf dem der bunte Handel einst stattfand, ist heute eine Haupteinfallsstraße in die City. Es gibt nur einen vom Staat subventionierten schwimmenden Markt für Touristen außerhalb der Stadt. 
 
Wie finden die Thailänder den falschen Markt?

Das Thailand der Werbeprospekte beeinflusst sogar das Selbstbild der Thais. Man hat ständig vor Augen, wie man von Fremden gesehen wird. Für Thailänder völlig gewöhnliche Dinge bekommen eine Bedeutung, nur weil sie von Touristen fotografiert werden. 
 
Wie erkennt man in Thailand einen Ausländer?

Die Hautfarbe ist wichtig, um Farangs, europäische und amerikanische Ausländer, auszumachen. Einen Farang kann man an der Art erkennen, wie er mit Kamera und Rucksack durch die Stadt läuft, und daran, dass er die Hitze nicht gut aushält. (lacht) 
 
Ist Tourismus schlecht?

Ich liebe den Tourismus. Man muss die sozialen Probleme, die durch den Tourismus entstehen, von den Touristen als solchen trennen. Der Westen hat diese Menschen enttäuscht. Ich finde es rührend, dass sie ganz schön viel für den Flug nach Bangkok bezahlen. Das ist eine Art Flucht. Als Tourist denkt man über die Probleme, die man verursacht, nicht nach. Das wäre kontraproduktiv. 
 
Was sollten Touristen tun, wenn sie einen guten Eindruck hinterlassen wollen?

Man sollte nichts mit den Füßen berühren oder barfuß in Häusern oder Tempeln laufen oder mit dem Fuß auf Bilder von Buddha zeigen. Sich nackt in der Öffentlichkeit zu zeigen ist ebenfalls verpönt. Wenn man aus dem Westen kommt, meint man, Bangkok wäre wie gemacht für Vergnügen und Annehmlichkeiten. Als Tourist kann man sich Sachen erlauben, die sich ein Thai niemals erlauben könnte, und das ist Teil des Reisevergnügens. Man nimmt Urlaub von der Arbeit und den Benimmregeln seines Heimatlandes. Deswegen betrinken sich auch so viele Menschen im Ausland. (lacht)

Das Interview führte Nikola Richter



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