Eine Geschichte geht um die Welt (Kapitel 8 von 8)

von Ben Okri

Eine Geschichte geht um die Welt (Ausgabe III/2020)

Die Hütte im Wald -

Illustration: Elisabeth Moch


… damit endete das Manuskript. Elsa, einer der Avatare der neuen Zeit, hatte entdeckt, dass sie schwimmen konnte. Sie begriff außerdem, dass das Wasser, das Lew Smidowytsch erwähnt hatte, nicht unbedingt dasselbe sein musste wie gewöhnliches Wasser zum Trinken. Oder zum Ertrinken. Vielleicht war das ganze Manuskript von Smidowytsch eine Allegorie, eine Sammlung von geheimen Codes. Dann wäre die Katastrophe nicht nur ein historisches Ereignis, das längst stattgefunden hat, sondern die Voraussage eines kommenden Ereignisses, an dessen Beginn wir stehen und dessen Ende wir nicht absehen können.

Ich äußere diese Vermutungen wegen einiger Vorfälle, die meine Sichtweise auf den Gang der Ereignisse verändert haben, rätselhaft und klar zugleich, in einer Abfolge von so geheimnisvollen wie kryptischen Geschehnissen …

Eines Tages ließ ein Stadtstreicher in einem abgerissenen Kammgarnmantel, mit verschmitzt-nüchternen Augen und dem schwachen Anklang eines ukrainischen Akzents in der Stimme, mich wissen, dass er mir gegen eine milde Gabe für etwas zu essen eine Anzahl von auf den ersten Blick wertlosen Papieren überlassen wolle. Die allgegenwärtigen Warnungen zur Pandemie noch frisch im Gedächtnis, zögerte ich, solche mutmaßlich kontaminierten Papiere in Empfang zu nehmen. Doch noch bevor ich protestieren konnte, hatte er sie mir behutsam in die Arme gelegt wie ein neugeborenes Baby und war seitwärts davongehuscht.

Die Zeit, die mir noch bleibt, verwende ich darauf, die Sprache der Bäume zu entziffern

Nach allerhand umständlichen Vorkehrungen fand ich heraus, dass es sich um eines der verbotenen Tagebücher handelte. Ich sehe ein, dass ich jetzt zu den Gezeichneten gehöre. Manchmal scheint hinter mir ein Schatten entlangzuschleichen, der verschwindet, wenn ich mich umdrehe. Mir ist bewusst, dass noch sieben andere in dieser oder jener Form eines dieser kryptischen Manuskripte erhalten haben. Die Zeit, die mir noch bleibt, verwende ich darauf, die Sprache der Bäume zu entziffern.

Es gab nicht nur das Tagebuch von Lew Smidowytsch. Es gab noch mehr davon. Sieben vermutlich auf der ganzen Welt. Da waren die Tagebücher von Mary Truth Ometan aus einer entlegenen Region des Niger-Deltas. Dann die Tagebücher von Rabindranath Kapoor aus einer namenlosen Stadt in Indien, die Tagebücher von J.­ D. Anderson aus den Vereinigten Staaten, die von Consuela Rulfo aus einer lateinamerikanischen Metropole. Ein geheimer Vorrat von Tagebüchern, jedes davon vollgestopft mit Enthüllungen, die so bestürzend, so gifthaltig sind, dass sie jeden, der sie im Besitz hat, in Lebensgefahr bringen.

Wie das Rastafarian-Samizdat-Tagebuch von Winston Judah, der über einen mysteriösen Vorfall in einer ungenannten karibischen Stadt schrieb. Auch er wurde verfolgt, floh in die Berge und verschwand aus der Geschichte. Sein Tagebuch ist in einem Code geschrieben, der jeden dritten Buchstaben des hebräischen Alphabets verwendet und in einer Binärsprache bis zur zwölften Dimension verschlüsselt ist. 

In Afrika schuf der namenlose Autor einer Apokalypse eine neue Sprache aus einer Kombination von Swahili mit einem geheimen Alphabet, das ein kräuterkundiger Schamane erfunden hatte. Jede Silbe ist mit einer Farbe verknüpft, die ihrerseits mit einer von sechzehn Richtungen verbunden ist. Die Wörter in diesen Tagebüchern erscheinen zunächst willkürlich. Aber sie bezeichnen das Ausmaß der Gefahr, in die der Besitz dieser Tagebücher jemanden bringt. Manche berichten von Ereignissen, die erst vor Kurzem stattgefunden haben, jedoch durch eine kollektive Gehirnwäsche schon aus unserem aktiven Gedächtnis gelöscht sind. Ihre Beschreibungen sind so präzise, dass sie auf eine Blaupause für den Terror hinauslaufen, der über uns kommen wird. 

Niemand weiß, wem diese Tagebücher anvertraut sind. Du kannst dir aber sicher sein, dass der Auswahl eines nächsten Avatars für das Manuskript eine lange und gründliche Beobachtung vorausgeht. Um dafür infrage zu kommen, musst du wahrscheinlich auftreten als jemand, der aufschreibt, was in unserem Alltag unbeachtet bleibt. 

Ich bin Archäologe, spezialisiert auf die Untersuchung von kryptografischen Aufzeichnungen über das Verschwindenlassen – politisches Verschwindenlassen, Verschwindenlassen von Migranten – im 21. Jahrhundert.

Also hat ein geheimes Komitee von Unsichtbaren beschlossen, die Tagebücher an eine Person weiterzugeben, die sonst niemand kennt und die dafür verantwortlich sein soll, ihre Überlieferung zu sichern oder zu gegebener Zeit, nach dem Empfang eines geheimen Zeichens, ihren Inhalt der ganzen Welt auf möglichst einfache und verständliche Weise zu enthüllen. 

Die Offenbarung der echten Tagebücher könnte die Welt, wie wir sie kennen, verändern

Niemand weiß, welche davon echt sind. Doch die Offenbarung der echten Tagebücher könnte die Welt, wie wir sie kennen, verändern. Lew, Truth, J. D., Rulfo, Kapoor und andere waren die Vorläufer einer kommenden Welt. Elsa hat ihre Rolle mit unvergleichlichem Mut gespielt. Diejenigen, die zum Schutz dieser Geheimnisse ihr Leben ließen, haben sich damit in das Herz der Zukunft eingeschrieben. 

Nun ist es an uns, für den Schutz, die Überlieferung, das Überleben zu sorgen … 

Das Manuskript kam verschlüsselt bei mir an. Ich las die Tagebücher im Laufe eines langen Vormittags. Wie sich in der Zwischenzeit die Welt verändert hat. Alle Unruhen sind unterdrückt, die Spuren aller Proteste beseitigt. Wir leben in einer neuen Realität. Sie sieht der alten Realität sehr ähnlich. Aber irgendetwas ist anders. Über allem liegt eine neue Stille, eine neue Komplizenschaft. In gewisser Weise haben sie gewonnen. Die, die in der Welt die Normalität wiederhergestellt und ihre Falten glattgebügelt haben. Die Leute gehen in die Läden, die Drogeriemärkte, an ihre Arbeitsplätze. Das Fehlen von Menschen, die Leere in den Straßen ist ersetzt worden durch die Anwesenheit von Menschen, aber zugleich durch das Fehlen von wahrer Kommunikation, das Fehlen der Wahrheit. Wir tun so, als wäre alles wie vorher, aber wir schauen einander kaum in die Augen. Wir reden, aber was wir sagen, klingt ausweichend. In aller Stille sind wir einander fremd geworden. 

Auch die abgegriffenen Metaphern sind zurück, als wäre die Welt so normal wie vorher. Noch immer werden an den Grenzen Migranten gejagt, noch immer schwappt die braune Flut des kruden Nationalismus durch die Lande. Das Merkwürdigste ist, dass vorher alle die Welt für gegeben hielten, so wie sie war. Doch jetzt wissen wir, dass sich etwas eingeschlichen hat in unser Leben. Wir wissen, was aus uns geworden ist, aber wir werden nichts dagegen tun. Wir kuschen vor der Einschüchterung durch eine anhaltende unterschwellige Angst. Die Angst hat keinen Namen. Sie macht uns zu Komplizen, wir alle geben ihr nach. 

Ich las das Manuskript zu Ende und ging hinaus in den Park. Die Jogger liefen in Paaren. Viele Leute trugen immer noch Masken. Dicht bei der Sozialbausiedlung sah ich, wie eine Gruppe schwer bewaffneter Polizisten auf ein paar Menschen losging und sie bis zur Unkenntlichkeit zusammenschlug, während alle anderen einfach weitergingen, oder kurz stehen blieben, um im Telefon ihre Mails zu lesen, oder weiter in Richtung des Asphaltwegs am Kanal joggten. 

Die Fassade des Systems wird aufrechterhalten, aber durch sein Herz frisst sich ein Virus

Im Park setzte ich mich unter meinen Lieblingsbaum. Ich schloss die Augen. Was fangen wir an mit diesem gefährlichen Wissen, das zu uns gekommen ist? Wie soll ich damit weiterleben? Das Haus in Brand setzen oder es in Ordnung bringen? Noch nie ist die Entscheidung für den Verstand so hart gewesen. Unter der scheinbaren Normalität brennt die Welt. Das Haus stürzt ein. Die Fassade des Systems wird aufrechterhalten, aber durch sein Herz frisst sich ein Virus, das die Welt noch nicht gesehen hat. Das Virus der Hoffnungslosigkeit. Die, die sich die Welt unterwerfen, haben keine Ahnung, was sie damit machen sollen, über die Anhäufung von Profit hinaus. Doch was nützen Profit und Macht, wenn die Welt brennt, wenn sie stirbt? Wie können wir denen, die die Welt erobern wollen, vermitteln, dass sie so die Welt tatsächlich umbringen? Sie gewinnen nichts als den Tod. 

Ich lehnte mich an den Baum. Vielleicht lag es an der unerbittlichen Hellsichtigkeit, die ich empfand, aber mir fiel etwas auf, das ich noch nie bemerkt hatte. Mir fiel die Ruhe auf, die dem Baum zu entströmen schien. Es war eine Eiche, etliche Hundert Jahre alt, älter als die Gräber, die sich verstreut im Park finden. Mir dämmerte, dass der Baum zu mir sprach. Er sprach nicht in Worten. Was sie gewinnen, ist ein Feuer, das die Dinge verwandelt, während es sie verschlingt. Bleib ruhig. Lass die Kräfte deines Wissens frei, wenn die richtigen Zeichen aus dem Untergrund kommen. Es gibt eine größere Macht als die der Eroberer, und sie erneuert das Gefüge der Welt. Dinge sterben ab, auf dass sie in neuer Unschuld wiederkehren. Um die ganze Welt reist eine Geschichte. Diese Geschichte. Sie wächst mit jedem neuen Geist, der sie liest, der ihren Rufen lauscht, ihren geheimen Botschaften. Wir warten. Im richtigen Augenblick wird die Wende sich ereignen.

Ich lehnte an dem Baum und lauschte. Wachte dann auf in einem neuen Traum.

Dir mag es zufallen, einer der unerkannten Hüter der Erde zu sein. Wenn du dies liest, bist du es vielleicht. Wahre das Geheimnis. Trink vom Wasser der Erkenntnis. Verwandle im Verborgenen das Gefüge unseres Lebens. Sei nicht, wer du scheinst.

Aus dem Englischen von Brigitte Oleschinski

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